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Kultur „Ich verdanke Philip viele Sätze“
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00:24 13.09.2014
Von Stefan Stosch
„Sie bietet ihm in seinem Chaos Halt“: Die Agenten Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman, rechts) und Erna Frey (Nina Hoss, Mitte) sind ein eingespieltes Team. Links: Herbert Grönemeyer. Quelle: dpa

Frau Hoss, im September tauchen Sie in zwei wichtigen Kinofilmen auf: in Christian Petzolds „Phoenix“ als Holocaust-Überlebende und im Agententhriller „A Most Wanted Man“ an der Seite von Philip Seymour Hoffman. Wie lässt sich so ein Kino-Doppelschlag planen?
Das ist reiner Zufall – und sogar schade, weil ich nun zwischen beiden Filmen dauernd hin- und herspringen muss. Aber ich kann Ihnen versichern: Die beiden Figuren sind so weit voneinander entfernt wie nur vorstellbar.

Fangen wir mit der Agentin Erna Frey an. War Ihnen zu Beginn von „A Most Wanted Man“ vor zwei Jahren klar, von welchem Geheimdienstwahn wir umgeben sind?

Wir wussten noch nicht, dass Frau Merkels Handy angezapft wird. Aber wir ahnten, dass wir nur einen Bruchteil von dem mitbekommen, was die Geheimdienste so treiben. Im Film mischen ja alle mit: CIA, Verfassungsschutz, britischer Geheimdienst. Jeder neidet dem anderen den Erfolg. Die Angst vor dem Terrorismus wird benutzt, um Bekämpfungsmethoden zu rechtfertigen, die mit demokratischen Grundsätzen nicht unbedingt vereinbar sind.

Wie kam die Rolle zu Ihnen?
Regisseur Anton Corbijn gehört zu meinem Freundeskreis. Er wollte lange schon mit mir zusammenarbeiten – und ich mit ihm. Dann hat er wirklich alles möglich gemacht, dass es auch klappt – mit meinen Theaterverpflichtungen ist das nicht immer einfach. So habe ich mit Philip Seymour Hoffman spielen dürfen.

Wie haben Sie ihn wahrgenommen?
Es war faszinierend, wie er diese riesige Filmmaschinerie – die ja viel größer war als etwa bei „Phoenix“ – im Griff hat. Philip hat mit großem Druck gearbeitet, um jede Kleinigkeit gerungen. Er hatte so etwas Direktes im Spiel, war aber auch offen für andere, gänzlich uneitel. Er hat sich ganz seiner Figur zur Verfügung gestellt, sie aber gleichzeitig geführt.

Wie sah diese Offenheit aus?

Ich verdanke ihm viele Sätze im Film, weil er gesagt hat: Das muss doch Nina sagen, nicht ich. Meine Rolle ist im Laufe der Dreharbeiten immer größer geworden. Das erlebt man selten – war aber sinnvoll, weil sich ein Team schlecht erzählen lässt, wenn der Partner wenig spricht: Die Agentin Erna ist der Gegenpol zu Günther Bachmann. Sie hält ihm den Rücken frei. Sie ist geordnet und bietet ihm in seinem Chaos Halt, auch was das Denken angeht.

Zur Person:

Nina Hoss, 1975 in Stuttgart geboren, wurde bekannt durch Bernd Eichingers TV-Film „Das Mädchen Rosemarie“. Sie gilt als eine der begehrtesten deutschen Schauspielerinnen, drehte mit Joseph Vilsmaier („Und keiner weint mir nach“), Max Färberböck („Anonyma – Eine Frau in Berlin“) – und immer wieder mit Christian Petzold.

Wer den Film heute sieht, könnte glatt auf den Gedanken kommen, dass es Parallelen zwischen der Figur und dem Schauspieler Hoffman gibt.

Ja, es ist traurig, dass Philip eine Figur spielt, die so allein ist. Aber ich kann nur sagen, ich habe davon nichts bemerkt – weder von Drogen noch von einem möglichen Bedürfnis, sich zu betäuben. Er war ganz klar, ganz wach – und, tja, auch ein bisschen verschroben.

Hatten Sie nach Drehschluss noch Kontakt?

Ich habe ihn in New York getroffen. Er kam mit dem Fahrrad, wir haben Pizza gegessen. Für diese letzte Begegnung bin ich dankbar.

Ende September sind Sie in Petzolds „Phoenix“ zu sehen. Wenn Sie ein Drehbuch von Ihrem Lieblingsregisseur kriegen: Lesen Sie das noch, oder sagen Sie gleich zu?

Zuerst lese ich. Aber ich weiß schon vorher, dass es ein tolles Skript ist!

Wie bereitet man sich darauf vor, eine Holocaust-Überlebende zu spielen?

Ich habe so viel wie möglich gelesen und angeschaut – von Büchern von Jean Améry bis zu Dokumentationen von Claude Lanzmann. Leider gibt es nicht so viele Zeugnisse von Frauen. Das wichtigste Buch für mich wurde „Der Rauch über Birkenau“ von Liana Millu. Frauen haben Auschwitz anders erlebt. Männer haben nie über die Wichtigkeit von einem Stück Seife geschrieben, Frauen schon. Ich habe mich auch sehr mit der Traumatherapie beschäftigt, da es wenig Zeugnisse aus der Zeit direkt nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern gibt. Das war eine Zeit der Sprachlosigkeit. Unter anderem, weil keiner nach dem Erlebten gefragt hat.

Sie bekommen als Schauspielerin viele Etiketten aufgeklebt: „Antidiva“ lautet eines davon. Trifft es das?

Ich habe aufgehört, über solche Bezeichnungen nachzudenken. Ich wundere mich nur, wo die herkommen. Ob ich eine Antidiva bin, weiß ich nicht. Aber eine Diva bin ich bestimmt nicht.

Viele Darstellerinnen, die so begehrt sind wie Sie, arbeiten nur noch für Film und Fernsehen. Sie sind Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne. Warum?

Man muss ja auch Geld verdienen.(lacht)

Ich bitte Sie: Mit Kino verdient man doch mehr als auf der Bühne.

Mit Arthouse-Filmen? Wenn ich Ihnen sage, was ich für den Western „Gold“ bekommen habe, fallen Sie hintenüber. Okay, mit manchen Filmen habe ich sehr viel mehr verdient. Aber darum geht es gar nicht. Ich mache die Filme, die mich interessieren. Groß oder klein, egal. Drei Monate verbringe ich mit einem Film, da möchte ich was erleben, lernen. Und auch das Theater ist meine Leidenschaft. Ich kann in den Proben viel mehr für mich ausprobieren. Die Auseinandersetzung findet in der Gruppe statt, es gibt Reibung. Beim Film ist die Vorbereitung eine einsame Sache.

Zieht es Sie nach „A Most Wanted Man“ jetzt zum internationalen Kino?

Das hängt ja gar nicht so sehr von mir ab, sondern von den Angeboten. Ich freue mich auf alle spannenden Projekte, egal, wo sie herkommen. Hauptsache, ich kann richtig zubeißen. (lacht)

Interview: Stefan Stosch

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