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Kultur Mit Janelle Monáe kehren die Paradiesvögel in die Popmusik zurück
Mehr Welt Kultur Mit Janelle Monáe kehren die Paradiesvögel in die Popmusik zurück
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09:57 23.07.2010
Von Uwe Janssen
Kühle Schönheit mit furioser Show: Janelle Monáe. Quelle: Zaeh

Man nehme Lady Gaga, Freddie Mercury, Marla Glen, Grace ­Jones, Michael und Janet Jackson, Naomi Campbell, Ella Fitzgerald, Prince, Pink und Beyonce Knowles, werfe sie in einen Mixer und setze das, was rauskommt, wieder neu zusammen. Was wird das? Vermutlich der Pop höchstselbst. Im knalligsten Glitzeranzug, in seiner schillerndsten Verkleidung, mit großer Geste und von eitler Schönheit.

Diese schrillbunte Künstlichkeit ist nach Techno eigentlich im Gelben Sack entsorgt worden und hat einer neuen Bodenständigkeit Platz gemacht. An die Stelle der Märchenerzähler traten die, die uns etwas vom echten Leben erzählten, ob Rapper oder Songwriter.

Doch spätestens mit Lady Gaga ist die Zeit der Paradiesvögel wieder angebrochen. Es geht zurück nach Wolkenkuckucksheim. Und eine Lebendversion der eingangs beschriebenen Mischung schickt sich just an, von Amerika aus die Popwelt zu erstaunen, zu überraschen und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch nachhaltig aufzumischen: Janelle Monáe heißt die junge Dame aus Kansas, die nicht nur die Soulmusik mit einem Schlag auf den aktuellen Stand bringt, sondern nebenbei auch noch die ganze R’n’B-Szene entlarvt. Als stagnierendes Genre, das seit Jahren kaum mehr zu bieten hat als Machogepose in weiter Hose und halbnackte Frauen, die sich entweder in abenteuerlichen Stimmschleifen durch einfallslose Songs von der Stange singen oder sich in Billigvideos auf Motorhauben von Angeberautos räkeln.

Janelle Monáe zielt genau auf deren Publikum, aber sie wählt eine neue Waffe: Stil. Die 25-jährige Tochter einer Putzfrau und eines Müllmanns, die derzeit durch alle großen US-Talkshows gereicht wird, trägt ihre Kleidung hochgeschlossen, oft Anzug und Krawatte, meist in Schwarz und Weiß. Dieses maskuline bis androgyne Äußere steht in einem spannungsreichen Kontrast zu ihrem weichen, mädchenhaften Gesicht, dem man wiederum nicht die Entschlossenheit dieser Frau ansieht. Sie hat eine eigene Plattenfirma und ihre eigenen Vorstellungen. Ihr Entdecker und Mentor Sean „P. Diddy“ Combs lässt ihr alle Freiheiten, und Janelle Monáe nutzt sie. Um auszubrechen aus den amerikanischen Musikbizschemata.

Bei ihren Shows fängt sie plötzlich wie elektrisiert an zu tanzen, und ihr Debütalbum „The Archandroid“ platzt fast vor Ideen. Das Konzeptwerk schließt an die EP „Metropolis“ an, die sich thematisch an Fritz Langs gleichnamigem Film orientiert. Nun geht die Geschichte weiter, und Monáe schickt ihr Alter Ego namens Cindi Mayweather gut 70 Minuten durch die bunte, laute, fremde, unheimliche Androidenstadt.

Ihre chamäleonhafte Soulstimme klingt wie vier oder fünf Soulstimmen und hält den Laden zusammen. Drumherum ist erlaubt, was gefällt. Ein bombastisches Orchesterintro läutet einen furiosen Ritt durch die Genres ein. Tanzhymnen mit vertrackten Gesangsarrangements, Turbo-Loungemusik („Dance or Die“), Sixties-Soul mit Rapeinlagen, dann Vollbremsung für die eine oder andere Schwulstballade mit Engelschören oder Roboterstimme – und weiter: Rockabilly mit Spacegitarren, und dann ersteht auch noch Abba auf („Oh, Maker“). Wenn schon Glamour, dann richtig!

Kein Wunder, dass so viel stilbewusste Extravaganz auch Altmeister Prince gefällt. Allen Reportern, denen er in den vergangenen Wochen Audienz in seinen Paisley-Park-Studios gewährte, führte er höchst entzückt Monáe-Videos vor. Auch Prince hat ein neues Album, und weil normale Vertriebswege ja auch etwas sehr Herkömmliches haben, bekommt man „20TEN“ in Deutschland nur, wenn man für 6,99 Euro ein „Rolling Stone“-Magazin kauft. Dafür gibt es eine Zehn-Song-Zeitmaschine, die einen ohne Umwege in die Achtziger beamt. Prince hat die alten Knarz- und Heulsynthesizer wieder rausgeholt. Sogar die Linn-Drum hat er dabei gefunden, die damals alle hatten und die „Platsch“ machte statt „Tack“. Und so kehrt der mittlerweile 52-jährige Prince Roger Nelson in die Zeit zurück, in der er zum kleinen Groove-Gott wurde, der auch noch cool war und der im Gegensatz zu Michael Jackson sexuell weiterkam als mit der Hand vor den Schritt.

„20TEN“ greift den Sound von „Purple Rain“ wieder auf, man weiß bei Prince nie genau, ob als augenzwinkernde Reminiszenz oder ernsthaftes künstlerisches Popstatement. Zwar fällt der Versuch dieses Mal (im Gegensatz zum 1994 veröffentlichten „Black Album“) in die Zeit eines Achtziger-Revivals, doch der Schritt über den Rückschritt hinaus fehlt. Gut, diesen sexy Elektrofunk-Groove wie in „Sticky like Glue“ kann er wie kaum ein anderer. Dafür sind auch echte Rohrkrepierer wie „Everybody loves me“ dabei. Viel Einfalt, wenig Einfall, das war früher mal andersherum.

Da muss also der Ideennachwuchs ran. Und wenn Lady Gaga die Königin der neuen Künstlichkeit ist, dürfte Janelle Monáe schon als Kronprinzessin bereitstehen. Der Prince wird es mit Wohlwollen betrachten.

Janelle Monáe: „The Archandroid“.

Warten auf Neuenfels: Am Sonntag werden die 99. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth mit „Lohengrin“ eröffnet.

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