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15:56 14.02.2017
Sherwan Haji, Simon Hussein Al-Bazoon und Sakari Kuosmanen (v.l.) in Aki Kaurismäkis neuem Film „Die andere Seite der Hoffnung“. Quelle: Sputnik Oy
Berlin

Zuerst sind nur die Augen zu sehen. Aus einem Berg Kohle leuchten sie hervor. Dann buddelt sich ein junger Mann aus den schwarzen Brocken heraus. Der syrische Flüchtling Khaled (Sherwan Haji) hat es als blinder Passagier auf einem Frachtschiff nach Helsinki geschafft. Wie eine Märchenfigur taucht er in der Stadt auf und sogleich in die bittere Wirklichkeit ein.

Khaled macht nicht viel Aufhebens von seinem Schicksal. Er weiß nur zu gut, dass sich noch viele andere Menschen wie er auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Tod befinden. In einer öffentlichen Dusche spült er sich den Kohlenstaub vom Körper, kämmt sich akkurat die Haare, geht zur Polizei und stellt einen Asylantrag. „Da waren schon andere vor dir“, sagt der Polizist.

Mit bürokratischer Ungerührtheit abgelehnt

Mit erschreckender Nüchternheit erzählt Khaled den Behörden von seiner Odyssee: Wie beinahe seine komplette Familie in Aleppo in den Bomben starb, wie er dann auch noch seine Schwester auf der Flucht aus den Augen verlor, wie er die Balkan-Route überstand, wie ihm unterwegs Neonazis auflauerten und wie es ihn durch reinen Zufall nach Finnland verschlug. Khaled ist ehrlich, zu ehrlich. Wenig später wird er mit bürokratischer Ungerührtheit abgelehnt. Die Handschellen schnappen zu, am nächsten Morgen soll er in ein Flugzeug zurück nach Hause verfrachtet werden.

Beinahe dokumentarisch klingt Khaleds Leidensweg bis zur (Beinahe-)Abschiebung – wären da nicht diese kleinen verräterischen Zeichen, die einen typischen Kaurismäki-Film ausmachen, in dem in jedem Moment die Realität mit skurrilen Details ausgehebelt und auch entschärft werden kann. Welcher finnische Polizist tippt heute noch auf einer uralten Schreibmaschine herum?

Zudem haben wir in einer Parallelhandlung schon die zweite Hauptfigur aus „Die andere Seite der Hoffnung“ kennengelernt, die Khaled aus seiner Misere erst einmal befreien wird: Der fahrende Hemdenhändler Wikström (Sakari Kuosmanen) hat seiner Säufer-Frau den Hausschlüssel und den Ehering auf den Küchentisch gelegt, seinen kompletten Warenbestand zum Schnäppchenpreis verhökert, beim illegalen Pokern den Gewinn in einer Nacht vervielfacht und ein Fischbuletten-Lokal eröffnet. Und das Ganze ist mehr oder weniger schweigend geschehen, so wie es bei Kaurismäki ja immer der Fall ist.

Verzweifelter Versuch, diese Welt zu einer lebenswerteren zu machen

Anderswo wäre dieser Wikström ein Unsympath erster Güte: Hier liest er den in letzter Minute geflüchteten Khaled bei den Restaurant-Mülltonnen auf und stellt ihn prompt in seinem Lokal an. Warum er das tut? Vermutlich könnte er das selbst nicht so genau sagen. Wahrscheinlich aber ist, dass Regisseur und Drehbuchautor Kaurismäki den Glauben an die menschliche Solidarität nicht aufgeben will. Er setzt geradezu verzweifelt darauf, dass der Einzelne durch seine Entscheidungen diese Welt zu einer lebenswerten machen kann.

Knallharte Wirklichkeit und wundersame Wendungen kollidieren immer wieder im erstem Werk des finnischen Regisseurs seit sechs Jahren. Auch 2011 ging es in „Le Havre“ schon um einen Flüchtling, der Freundschaft mit einem Schuhputzer schloss. Damals streute Kaurismäki sogar Fernsehbilder ein von der gewaltsamen Zerstörung eines illegalen Zeltlagers von Flüchtlingen am Ärmelkanal. Die Tragikomödie „Le Havre“ strahlte Optimismus aus – der scheint bei Kaurismäki nun gänzlich verflogen zu sein bei seinem Engagement für die Schwachen und Entrechteten dieser Erde.

Hoffnung ist ein ganz besonders rares Gut

Mühevoll rafft sich der Finne auf, um seinen Schützlingen wenigstens eine kleine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Auch früher gingen Kaurismäkis Geschichten keineswegs immer gut aus, er ist schließlich ein bekennender Anhänger des Melodrams – aber in Zeiten wie diesen ist Hoffnung ein besonders rares Gut. Hier will einer die Welt gut haben, und sie ist so schlecht, dass es kaum noch auszuhalten ist.

Zwischendurch muntert sich Kaurismäki mit Scherzen auf, die nurmehr wie müde Zitate aus früheren Filmen wirken. Das Fischbuletten-Restaurant verwandelt sich zwischendurch in einen Sushi-Laden, in dem wegen mangelnder Vorräte salziger Hering mit einer Extra-Portion Wasabi serviert wird. Ein Hund – vermutlich wieder der aktuelle vierbeinige Begleiter des Regisseurs – darf wie in so vielen anderen Kaurismäki-Filmen auch wieder mitspielen (in der Restaurantküche!). Und, klar, musiziert wird auch allenthalben.

Aber was nutzt all dies dem armen Khaled, den in Europa Hartherzigkeit und Rechtsextremismus auf Schritt und Tritt begleiten? Oder ist der syrische Flüchtling doch noch zu retten? Aki Kaurismäki weiß es selbst nicht genau. Er tut, was er kann. Und einen seltsamen Rat von einem Asylbewerber an den anderen hat er auch noch parat: „Immer schön lächeln: Melancholiker werden abgeschoben.“

Die Pressekonferenzen der Berlinale live.

Von RND/Stefan Stosch

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