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Kultur Ex-Documenta-Chef Jan Hoet gestorben
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00:15 02.03.2014
Von Johanna Di Blasi
Jan Hoet war unter anderem der Leiter der Documenta IX. Quelle: dpa (Archiv)
Kassel

Glühende Augen, ein nach Tabak riechender Anzug und den Kopf voller Projekte: So kannte man Jan Hoet. Für den Ausstellungsmacher, der in seiner belgischen Heimat als „Kunstpapst“ tituliert wurde, war Kunst keine Angelegenheit komplizierter Konzepte, kein Laien und Experten separierendes System gezielter Uneindeutigkeiten oder gewollter Provokationen. Kunst war für Hoet vielmehr eine Angelegenheit höchst Leidenschaft.

Im Mittelpunkt standen für den 1936 im belgischen Löwen geborenen Museumsmann, der sich in seiner Jugend als Amateurboxer versuchte, die Künstler. Nach Analogien zwischen Kunst und Sport befragt, sagte er: „ Boxen und Kunst verbindet Leidenschaft und Präzision. Darüber hinaus können beide ohne Promotoren nicht auskommen.“

Hoet machte sich rückhaltlos zum Promotor und Impresario der Künstler, die er liebte. 2001, als er in Gent eine Art Gegen-documenta zu initiieren versuchte, zog er sich sogar nackt für die Kunst aus. Die Aktaufnahmen des nicht uneitlen Ausstellungsmachers bescherten der „Casino“ betitelten Schau Extra-Aufmerksamkeit. Ausgetragen wurde sie im von Hoet gegründeten Genter Museum SMAK.

Bekannt geworden ist er in den achtziger Jahren mit einem ganz kleinen Format: den „Chambres d’Amis“. Hoet überredete Dutzende Genter Bürger aller Schichten dazu, Künstler in ihren Wohnräumen ausstellen zu lassen. 1992 war er Leiter der Kasseler documenta IX. Es war die erste documenta nach der Wende und die erste, die Kunst aus der so genannten „Dritten Welt“ einbezog. Ihr Budget war doppelt so hoch wie das von Vorgängerveranstaltungen. Und erstmals kamen mehr als eine halbe Million Besucher.

Das Entrée der mit rund 1000 Werken üppig bestückten documenta 9 bildete im Fridericianum ein Werk des amerikanischen Videokünstlers Bruce Nauman. Auf Monitoren schrie ein riesiger Kahlkopf: „Help me, hurt me, sociology, feed me, eat me, anthropology“. Eine weitere Ikone der an Höhepunkten reichen documenta 9 war Ilya Kabakovs „The Toilet“, der Nachbau einer öffentlichen russischen Toilette als ironischer Kommentar auf das Leben in der gerade untergegangenen Sowjetunion.

Die Medienreaktionen waren zum Teil ätzend. Von „Rummelplatz der Beliebigkeiten“ und „Disneyland der Kunst“ war in Zeitungen die Rede. Ein widersprüchliches Medienecho erfuhr auch die 2003 von ihm in Herford organisierte Schau mit Skizzen, Filmen und Bildschnipseln des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard. „Black Low“ enthielt Gewaltszenen. Der Staatsanwalt griff ein und untersagte die Eröffnung. Nach juristischen Auseinandersetzungen lief die Schau als Torso.
Nachdem Hoet in Gent ein Vierteljahrhundert für die Etablierung eines Kunstmuseums gekämpft hatte, baute er ab 2001 in der Möbelindustrie-Hochburg Herford in einem Gebäude des Architekten Frank Gehry das Museum Marta auf. In der deutschen Provinz hatte Hoet mit Ignoranz und Kleingeisterei zu kämpfen, viel Energie blieb auf der Strecke. 2008 gab Jan Hoet, gesundheitlich bereits angeschlagen, seinen Abschied als künstlerischer Direktor des Marta mit einem Ausstellungsdoppelpack.

„Ad Absurdum. Energien des Absurden – von der Klassischen Moderne zur Gegenwart“ war ein Überblick über die Kunst des Absurden, aber zugleich auch ein Kommentar zum Museumsalltag. 2007 war Hoet eine Geschäftsführerin vor die Nase gesetzt worden. Außerdem wurde der damals 71-jährige Direktor verpflichtet, mit seinem Privatvermögen zu haften, falls eine Ausstellung mehr als geplant kosten sollte. In „Ad Absurdum“ stellte er ein dienstliches Schreiben seiner Geschäftsführerin als absurde Kunst aus.

Den endgültigen Abschied aus Herford gab er aber mit „Loss of Control – Grenzgänge zur Kunst von Félicien Rops bis heute“. Eros, Trieb, Instinkt, Obsession, Kontrollverlust: Hoets Hauptthemen wurden Besuchern in einem historische und gegenwärtige Kunst umschließenden Bogen in theatralischer Inszenierung mit roten Vorhängen und dunkelgrünen Wänden vor Augen geführt.

Kontrollverlust und Grenzgänge waren für Hoet nichts Negatives. Er begründete das mit seiner Herkunft. Seine Eltern waren Psychiater. Er wuchs mit sechs leiblichen Geschwistern auf. Daneben lebten im Haushalt immer mehrere Patienten, die die Eltern bei sich aufnahmen. „Ich habe beim Aufwachsen nicht gewusst, wo die Grenzen von normal und verrückt verlaufen“, sagte Hoet.

Am Donnerstag früh ist der charismatische Kunstvermittler nach langem Leiden in Gent gestorben.

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