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Kultur Ausbruch mit Einbruch
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12:40 07.02.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Hervorragend: „Hausgeburt“, das Kunstwerk von Timm Ulrichs in Sinsheim. Quelle: Stadt Sinsheim
Sinsheim

Das Städtchen Sinsheim, im Kraichgau zwischen Heidelberg und Heilbronn gelegen, erfreut sich einer florierenden Wirtschaft, eines Technikmuseums, und es hat sogar Geld für Bundesligafußball. Auch ihres Kulturangebots rühmt sich die „große Kreisstadt“, darunter etlicher „überregional bedeutender Skulpturen“. Dass dieser Reichtum teils auf Kosten seiner Schöpfer erblüht – das hat den hannoverschen Künstler Timm Ulrichs jahrelang Nerven gekostet, es hat ihm aber auch Gesprächsstoff geliefert. Wer sonst kann sich schließlich eines Kunstpreises rühmen, der mehr kostet als er einbringt?

Eine Zahlung Sinsheims in Höhe von 18.000 Euro an Ulrichs markiert jetzt das eher triste Ende eines Verhältnisses, das einst als wundersame Freundschaft zwischen der badischen Kleinstadt und dem Künstler zu beginnen schien. Gut, bei der Kunstpreisverleihung 2006 war Timm Ulrichs noch zu spät gekommen, weil er statt nach Sinsheim bei Heilbronn aus Versehen zunächst nach Sinzheim bei Baden-Baden gefahren war. Aber später versprach er der Sinsheimer Lokalpresse sogar, er wolle fortan „vielen Leuten sagen: Dort müsst ihr mal hinfahren.“ Da hatte der 74-Jährige dem Städtchen mit einer eigens geschaffenen Kunstinstallation schon die Weihen künstlerischer Totalität verliehen und sich damit für die Verleihung des eigens geschaffenen Sinsheimer Kunstpreises revanchiert – aber auch einigen Ärger eingehandelt.

„Ich bin der erste und der letzte Preisträger“, sagt Ulrichs heute in der für ihn typischen Stimmungslage, die von Witz und Bitternis, Sarkasmus und Spuren von Selbstgefälligkeit gekennzeichnet ist. Außer an einer Vielfalt künstlerischer Werke hat der Gründer der „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus, Extemporismus“ ja auch stets an sich selbst gearbeitet – zumal seit er sich vor bald einem halben Jahrhundert zum „ersten lebenden Kunstwerk“ der Weltgeschichte erklärt hat. Vor vier Jahren feierten ihn Sprengel-Museum und Kunstverein Hannover als „Pionier der Konzeptkunst“. Und neben vielen anderen Fertigkeiten wurde Timm Ulrichs auch schon Meisterschaft in der Kunst der Egomanie bescheinigt.

Sein Kunstwerk in Sinsheim dagegen – die Stahlblechinstallation eines schräg aus der Fassade des Sinsheimer Polizeireviers herausragenden Siedlungshäuschens von drei mal vier Metern Größe – hat ihm dort keine dauerhaften Sympathien beschert. Schon den vom Künstler für die Installation vorgesehenen Werktitel „Ausbruch“ wollten die Sinsheimer am Domizil der Polizei nicht dulden. „Die hielten das für ein Sicherheitsrisiko“, sagt Ulrichs.

Bei der Preisverleihung war der Künstler außer für seinen „überraschenden Einfallsreichtum“, seinen „Witz“ und seine „intellektuelle Stärke“ auch wegen seiner „Sensibilität für Materialien“ gelobt worden. Bei der Installation von „Hausgeburt“, wie das Werk nun heißt, gab es dann jedoch Verzögerungen und Mängel – oder, je nach Erkenntnis- und Interessenlage, auch nur Klagen darüber. Lokalreporter der „Rhein-Neckar-Zeitung“ sichteten im Winter Eisplatten von abtropfendem Schmelzwasser unter dem Kunstwerk – und darüber hinaus von der Schräge der Installation ins Mauerwerk einsickernde Feuchtigkeit. Dass „Hausgeburt“ Feuchtigkeit in und Schlieren auf der Fassade verursache, sei „alles dummes Zeug“, sagt dagegen der Künstler. „Die Fassade hat einen Kunststoffanstrich, wer den nicht pflegt, darf sich nicht wundern.“ Und überhaupt: Schließlich habe er mit dem Siedlungshausbau schon Erfahrung, sagt der Künstler unter Hinweis auf die ganz ähnlichen „Musterhäuser Typ Bomarzo“, die er, teils auf die Seite, teils aufs Dach gekippt, im Antwerpener Middelheimmuseum hat errichten lassen.

In Antwerpen gab es keine Klagen, in Sinsheim dagegen hat die Stadt Gesimse zum Wasserablauf an dem Kunstwerk angebracht und Zahlungen an den Künstler ausgesetzt. Der hat deshalb die auch auf Kunst- und Urheberrecht spezialisierte Berliner Kanzlei Raue damit betraut, seine Urheberschaft zu schützen und das Preisgeld nebst Auslagen einzufordern. Denn vom Preisgeld von 5000 Euro hat Ulrichs zunächst nur 4000 erhalten, die Baukosten von 17 000 Euro sollten ihm per Ratenzahlung erstattet werden. Geplantes Laufzeitende: 2021.

Ist der Künstler nun erfreut, 18 000 Euro auf einmal bekommen zu haben? Keineswegs. Sinsheims Rathausdezernent Tobias Schutz hebt zwar das Entgegenkommen der Stadt bei diesem außergerichtlichen Vergleich hervor. Doch dafür musste Ulrichs auf eigene Kosten der Stadt bei der Sanierung von „Hausgeburt“ entgegenkommen. Dabei hatten schon die vereinbarten 17000 Euro die Baukosten keineswegs gedeckt. „Meine tatsächlichen Ausgaben betragen 29 630 Euro“, sagt der Künstler. Er habe der Stadt Sinsheim also bereits rund 8000 Euro geschenkt, sein Preisgeld mit eingerechnet. In der Kunst der Kostenkalkulation hat der Totalkünstler es auch sonst noch nicht zur Meisterschaft gebracht. Denn die Kanzlei Raue stellt ihm nach seinen Worten noch 8700 Euro in Rechnung.

Dass ein Auftraggeber Kunst finanziert, ist die Regel. Dass ein Künstler seinen Auftraggeber subventioniert, ist eher die Ausnahme. Immerhin: Der finanzielle Einbruch durch „Ausbruch“ macht Timm Ulrichs auch in pekuniärer Hinsicht zum Ausnahmekünstler.