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Kultur Gier hat ein neues Gesicht
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23:30 19.01.2014
Von Stefan Stosch
Süchtig nach allem – in diesem Fall nach Sex: Golden-Globe-Gewinner Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort. Quelle: Universal
Hannover

Etwas unterscheidet Jordan Belfort aber von Gordon Gekko: Belfort ist keine Erfindung, es gibt diesen Mann wirklich. Mit 26 war er Multimillionär. Dann saß er ein paar Jahr wegen Wertpapierbetrugs und Geldwäsche im Knast. 2007 schrieb er seine Memoiren vom Aufstieg und Fall eines Finanzjongleurs.

Belfort ist süchtig nach allem. Er stachelt seine Kollegen mit Einpeitscher-Reden an, mit denen er in jeder Sekte Gehirnwäsche-Pluspunkte bekäme. Er zieht seinen Kunden so geschickt die Dollars aus der Tasche, dass jeder Finanzberater vor Neid erblassen müsste. Und er hat einen Kokain- und Frauenkonsum, der jeden Rockstar ins Grab bringen würde. Kurz: Der Mann ist genauso überbordend wie der dreistündige Film, der nun seine Ausschweifungen feiert.

„The Wolf of Wall Street“ heißt das Epos, so wie Belforts Autobiografie. Hollywoods Dreamteam Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio hat sich für die Verfilmung zusammengetan – zum fünften Mal nach „Gangs of New York“, „Aviator“, „Departed“ und „Shutter Island“. Es braucht wohl auch viel Vertrauen zum Regisseur, um einen Hollywoodstar zu einer solchen Höchstleistung anzustacheln. Einmal krabbelt der zugedröhnte Belfort minutenlang wie ein Käfer auf dem Boden herum und kämpft mit seinem besten Kumpel Donnie (Jonah Hill) um eine Telefonschnur. Große Slapstick-Kunst! Den Golden Globe als bester Darsteller hat DiCaprio mit dieser Vorstellung soeben gewonnen.

Scorsese, 71 Jahre alt, hat kürzlich Rückzugspläne aus dem Filmgeschäft geäußert. Hier aber legt er so heftig los, dass man sich im Kinosessel anschnallen möchte. Wir sehen Belfort, der am Steuerknüppel seines Hubschraubers in die Hecke kracht, der sich eine Linie vom apfelrunden Hintern einer Nutte reinzieht, der sich von seiner Geliebten Naomi (Margot Robbie) im Ferrari einen Blow Job auf dem Highway verabreichen lässt. Und man fragt sich: Wie will Scorsese diesen Wahnsinn durchhalten?

Scorsese hält durch. Er moralisiert nicht und geht so sehr in die Vollen, wie es sein Titelheld im wirklichen Leben auch getan hat. Der Film ist aber keine Anklage gegen eine Kaste, deren Ruf sowieso schon ramponiert ist. Die dumm-gierigen Kunden, die sich von Belfort und den zwischenzeitlich bis zu 1000 Börsenmaklern seines Garagen-Unternehmens hypnotisieren lassen, kommen genauso schlecht weg. Das Drehbuch schrieb Terence Winter, erprobt durch „Die Sopranos“ und „Boardwalk Empire“.

Die Filmemacher sind fasziniert von dem aus dem Ruder gelaufenen Robin Hood, der das Geld der Reichen auf sein eigenes Konto umleitete. Sie lassen Belfort jeden Spaß, auch wenn dieser gelegentlich in „Hangover“-Dimensionen ausartet. Denn dies ist eine wüste Komödie, kein Drama. Kokain-Schnee rieselt in Zeitlupe über die Leinwand, nacktes Frauenfleisch wird im Minutenabstand feilgeboten, und einmal versuchen sich die Börsenfreaks im Büro zur allgemeinen Belustigung im Zwergen-Weitwurf. Wer täglich mit Millionen jongliert, braucht offenbar solche Kicks.

Auf tiefere Einblicke in die Finanzwelt sollte niemand hoffen. Zwar setzt Belfort zu Erklärungen über Transaktionen direkt in die Kamera an, doch dann bricht er wieder grinsend ab. So ein Fachchinesisch würde ja doch niemanden interessieren. Die Kollaborationsversuche mit dem Publikum passen bestens zur Dreistigkeit dieser Figur.

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In den USA sind Scorsese und DiCaprio mit dieser unreflektierten Sicht der Dinge allerdings heftig angeeckt, etwa bei Christina McDowell, deren Vater zu den Betrügern um Belfort gehörte. Sie sieht in dem Film eine Glorifizierung von Verbrechern, die bis heute ihr Unwesen in Amerika treiben. McDowell rief sogar zum Boykott des Films auf.

Das kann man so sehen. Die Frage ist nur, ob ein Film moralischer sein muss als die Wirklichkeit, von der er erzählt. Längst schon ist Belfort wieder frei und als erfolgreicher Motivationstrainer und Unternehmensberater unterwegs. Wir sehen im Film, wie Kunden an seinen Lippen hängen, als spräche hier ein Prophet. Eines allerdings ist klar: In realen Börsenkreisen wurde schon der fiktive Gordo Gekko verehrt, Jordan Belfort dürfte hemmungslos gefeiert werden. 

Was der Kinofigur jedoch fehlt, ist die nötige Fallhöhe. Anders als bei Scorseses früheren Helden steckt wenig tragisches Potenzial in ihr. Das ganze Finanzleben ist ein Spiel: Das Scheitern gehört dazu. An einem Tag verliert man ein Vermögen, am nächsten streicht man ein doppelt so großes wieder ein. Belfort ist ein Teilchen im System – wenn auch ein besonders effektives.

Der FBI-Ermittler (Kyle Chandler), der Belfort zur Strecke bringt, fährt in diesem Film nach getaner Arbeit mit der U-Bahn nach Hause. Er sieht nicht wirklich glücklich aus. Vielleicht hat er noch die Erkenntnis seines Gegenspielers im Ohr: Reichtum sei der Armut in jedem Fall vorzuziehen.

Der große Abzocker: Fulminantes Porträt eines Finanzjongleurs.

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