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Kultur „Inception“: DiCaprio als Gedankendieb im neuen Film von Nolan
Mehr Welt Kultur „Inception“: DiCaprio als Gedankendieb im neuen Film von Nolan
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22:29 30.07.2010
Von Stefan Stosch
Leonardo DiCaprio spielt in „Inception“ einen Gedankendieb. Quelle: Warner Bros.

Auf den Tischkreisel sollte man achten. Der Kreisel verrät, in welchem Bewusstseinszustand sich der Held gerade befindet. Dreht der Kreisel sich endlos, ist der Held gefangen in einem Traum. Trudelt der Kreisel und fällt um, ist der Held zurück in der Wirklichkeit. Dom Cobb, der Gedankendieb, blickt in diesem Film immer wieder mal sinnend auf seinen Kreisel.

Den Zuschauern in Christopher Nolans futuristischem Thriller „Inception“ würde so ein Kreisel ebenso gelegen kommen. Man verliert sich schnell in diesem Werk, das so funktioniert wie eine russische Matroschka-Puppe: In jeder Handlungsebene steckt eine weitere, in jedem Traum ein weiterer. Das spricht für „Inception“. Den ganzen Sommer warten wir schon auf einen Film, der uns überrascht, vielleicht sogar verwirrt. „Iron Man 2“, „Shrek 4“, „Twilight 3“ und „Toy Story 3“ – bislang versorgt Hollywood uns mit Ware aus dem Franchise-Kinoregal. Auch das US-Publikum scheint auf so einen Film gewartet zu haben: „Inception“ hat sich an die Spitze der US-Charts gesetzt.

Nolan ist der richtige Mann für Überraschungen. Er hat schon in den Thrillern „Memento“ und „Insomnia“ Spiele mit der menschlichen Wahrnehmung veranstaltet. Sogar in den Kopf von „Batman“ versuchte er zu blicken (und wird auch den dritten Teil inszenieren). Zehn Jahre hat der Brite am Drehbuch von „Incep­tion“ geschrieben, den Film auch mitproduziert. Anderswo nennt man Leute, die ihre Filme so sehr umsorgen, Autorenfilmer. Nur haben diese selten 180 Millionen Dollar zur Verfügung, um sich Träume im großen Stil zu erfüllen. Und das darf man in diesem Fall wörtlich verstehen.

Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) ist ein Wirtschaftsspion neuen Typs. Er stiehlt Geheimnisse aus dem Unterbewusstsein anderer. Erst werden seine Opfer mittels eines Sedativums betäubt, dann über eine Art Schlauch mit dem Dieb verbunden und schließlich in dessen Traumwelt gelotst. Dort verraten sie ihm ihre Geheimnisse. Doch nun übernimmt Cobb einen Job, der noch komplizierter ist. Er soll umgekehrt einen Gedanken implantieren, „Inception“ (Anfang, Beginn) heißt das. Einem Konzernerben (Cillian Murphy) soll die Idee eingepflanzt werden, sein milliardenschweres, übermächtiges Imperium aufzulösen. Der letzte verbliebene Konkurrent ist der Auftraggeber. Erfüllt Cobb diese Mission, darf er zurück in sein altes Leben und zu seinen Kindern, die er in den USA zurücklassen musste.

Doch ist es gefährlich, in Traumwelten einzudringen. Die Macht von Gedanken, sagt Cobb gern, sei größer als die von Viren und Bakterien. Dem würden wohl viele große Denker beipflichten, nur ist es hier anders gemeint: Was, wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen Traum und Wirklichkeit? Und was, wenn man nicht wieder zurück will in die Realität? Oder sich verirrt und den Absprung zurück verpasst? Oder wenn man mit Dämonen aus seiner Erinnerung zu kämpfen hat – so wie Cobb?

Leonardo DiCaprio hat Erfahrung mit solchen Problemen. Im vorigen Film reiste er auf Martin Scorseses „Shutter Island“. Auch da war er Gefangener seiner eigenen Phantasie, jetzt droht er sich wieder in ihr zu verlieren – und wäre er nicht viel besser gekleidet als auf Scorseses Insel, könnte man beinahe auf die Idee kommen, er hätte sich mit seinem melancholischen Gesichtsausdruck von einem Film in den nächsten geträumt.

Erst einmal stellt sich Cobb ein Team zusammen, inklusive einer Traumarchitektin namens Ariadne (Ellen Page). Dann beginnt ein immer wilderer Trip, bei dem die Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft gesetzt sind. Cobb begegnet bald auch seiner toten Ehefrau Mal (Marion Cotillard), die ihn in ihr Traumreich herunterziehen will – ein bisschen klingt, leicht variiert, die griechische Sage um Orpheus und Eurydike an. Ob Häuserfassaden sich aufbäumen oder wie bei einem Bombenangriff zerplatzen, ob Menschen schwerelos durch Hotelflure treiben oder ein Güterzug durch Manhattan rast (wobei Cineasten an eine Urszene des Kinos, den in den Bahnhof einfahrenden Zug der Brüder Lumière, denken müssen): Alles ist möglich und innerhalb der Traumwelt wohl auch logisch.

Bloß kann der Zuschauer das irgendwann nicht mehr so genau entscheiden. Man fühlt sich in ein Computerspiel versetzt und von einem Level aufs nächste katapultiert, ohne so recht die Spielregeln zu verstehen. Der Regisseur lässt sich mitreißen von einer Actionorgie: Wenn aber im Traumkino genauso viel geballert wird wie in anderen Blockbustern auch, so fragt man sich zwischendurch, wozu dann der ganze Aufwand? Auch mancher Filmfigur scheint der Kopf zu dröhnen: „In wessen Traum sind wir gerade?“, fragt Traumarchitektin Ariadne verstört.

Faszinierend ist diese Kopfkinogeburt trotzdem. Menschen reisen im Film überallhin. Nur das Gehirn ist weitgehend unentdecktes Terrain – der letzte gelungene Versuch, diese Grenze zu überschreiten, war der erste Teil von „Matrix“. Auch David Lynch arbeitet daran, ins Innerste des Menschen vorzudringen.

Wenn „Inception“ sich nach zweieinhalb Kinostunden dem Ende zuneigt, fühlen sich die Zuschauern wie die Kinohelden: Sie erwachen durchgerüttelt und -geschüttelt in einer Welt, deren Wirklichkeitsgehalt sie gründlich misstrauen. Als Cobb seine Kinder wiedersieht, läuft er nicht sofort auf sie zu: Er bringt erst einmal seinen Tischkreisel in Schwung. Der Kreisel dreht sich ziemlich lange.

Ab Donnerstag im Kino.

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