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Kultur „Ich sehe nun mal so aus“
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20:23 19.12.2013
Von Stefan Stosch
Der neue Film von Tilda Swinton, „Only Lovers left alive“, startet am 25. Dezember in den Kinos. Quelle: dpa

Tida Swinton gehört zum ältesten schottischen Adel, liebt künstlerische Experimente mit politischem Einschlag und gilt als die große Androgyne. „Only Lovers left alive“, der neue Film der 53-Jährigen,  startet am 25. Dezember. Das Apollo-Kino in Hannover zeigt am Sonnabend, 21.Dezember, um 20.15 Uhr eine Vorpremiere.

Frau Swinton, was haben Sie gedacht, als Jim Jarmusch Ihnen eröffnet hat, dass er einen Vampir-Film drehen will: Bitte nicht noch einen, es gibt schon so viele?
Auf keinen Fall! Das schien mir absolut natürlich. Jim hat schon vor acht Jahren über diese Idee gesprochen. Außerdem: All seine Filme scheinen mir Vampir-Filme zu sein.

Wieso?
Na ja, er ist selbst ein Nachtmensch. Viele seiner Filme spielen nachts, er dreht gerne nachts. Das ist doch geradezu ein Markenzeichen für ihn, oder? Der Künstler und der Vampir: Die beiden haben sowieso viel gemeinsam – diese gebrochene Beziehung zur Sterblichkeit und zu den Menschen. Lassen Sie es mich so sagen: Es handelt sich hier gewissermaßen um Jarmuschs Coming-out als Vampir.

Gibt es Fantasiewesen, vor denen Sie sich als Kind gefürchtet haben?
Oh ja, vor dem Struwwelpeter. Sie müssen wissen: Ich hatte ein leicht sadistisch veranlagtes Kindermädchen – und ich habe am Daumen genuckelt.

Wie weit ist denn das nächste Kino von Ihrem Zuhause in den schottischen Highlands entfernt?
Unglücklicherweise eine halbe Stunde mit dem Auto – es ist ein Multiplex. Wenn ich einen Film wie „Harry Potter“ sehen will, gibt es nicht viel anderes. Wir haben mal versucht, ein kleines Filmfestival in unserem Dorf zu gründen, das wir später zum Dauerkino erweitern wollten.

Sie meinen das „Ballerina Ballroom Cinema of Dreams“, das Sie in einem alten viktorianischen Haus eingerichtet haben. Woran ist es gescheitert?
Ach, das Problem waren Notausgänge und so was. Das ist überhaupt traurig: Wenn Sie heute in Europa jemand über siebzig in einer Kleinstadt fragen, erinnert der sich sofort an mindestens ein Kino im Ort. Das ist alles verschwunden. Aber eines Tages werde ich bei mir zu Hause ein Kino wiederbeleben!

Tun Sie schon was fürs schottische Kino?
Mit Freunden habe ich die „8,5 Foundation“ gegründet. Kinder können sich übers Internet Filme schicken lassen, die sie nie im Fernsehen zu sehen bekommen – etwa von Tarkowskij oder Tati. Sie können dann eine Kinoparty veranstalten. Wir haben auch mal ein schottisches Filmfestival in Peking veranstaltet – untertitelt in Mandarin. Es gibt keine nennenswerte schottische Filmförderung, aber eine schottische Filmgemeinde.

Nächstes Jahr steht in Schottland das Unabhängigkeitsreferendum an: Ist das für Sie politisch wichtig?
Für mich war Schottland immer unabhängig – nur England ist es nicht. Das wird jedenfalls interessant.

Sie drehen so viele verschiedene Filme, zumeist aus dem Arthouse-Bereich. Dazwischen sticht Ihre Rolle als Weiße Hexe in den „Chroniken von Narnia“ hervor. Wie kam es dazu?
Regisseur Andrew Adamson kam auf mich zu. Am liebsten entwickele ich meine Filme aber gemeinsam mit den Regisseuren so wie bei „Julia“, „I Am <love“ oder „We need to talk about Kevin“.

Was war anders beim „Narnia“-Film?
Einen Studiofilm dieser Dimension hatte ich bis dahin nie gedreht. So vieles ist festgelegt – am liebsten würden die Studioleute sogar übers Wetter bestimmen. Bei einer unabhängigen Produktion musst du mit Chaos klarkommen. Wenn es da regnet, obwohl du gerade Sonne brauchst, dann musst du eben entscheiden, dass der Regen super ist.

Aber seltsam ist das schon: Als Sie jüngst in Hamburg den Douglas-Sirk-Preis bekommen haben, wurde immer der „Narnia“-Film erwähnt – alle anderen, viel wichtigeren waren vergessen.
Na ja, die Achtjährigen kennen vielleicht nur den „Narnia“-Film. So funktioniert das nun mal.

Wie eng stehen Sie Jim Jarmusch?
Mit Jarmusch habe ich seit „Broken Flowers“ eine besondere Arbeitsbeziehung – abgesehen davon, dass ich seine Filme schon viel früher kannte. „Stranger than Paradise“ habe ich kurz nach Ende meines Studiums Mitte der achtziger Jahre in London gesehen in einem kleinen Kino namens „Lumière“, das inzwischen einem schicken Hotel weichen musste. Jarmusch ist für mich derjenige US-Regisseur, der&nbsp; beim Blick auf Amerika die Perspektive eines Aliens einnimmt.

Ist Ihre Figur Eva, die Vampirfrau, für Sie auch so eine Art Alien?
Eva hat die Sicht eines 3000 Jahre alten Wesens auf unsere Welt. Wenn du so lange lebst, hast du das Privileg, über menschliche Kleinigkeiten hinwegzublicken. Mit Adam lebt sie so etwas wie eine unsterbliche Liebe: Sie sind füreinander da, aber sie lassen sich ihre Freiheiten.

Wenn Sie nach all den Jahren zurückdenken: Was bedeutet der Regisseur Derek Jarman für Sie?
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne ihn Filmschauspielerin geworden wäre. Er war der erste wirkliche Künstler, den ich getroffen habe. Als ich an der Universität in Cambridge studierte, wollte ich schreiben. Jarman zog mich in seine Welt hinein, die war absolut experimentell, sozusagen vorindustriell. Er gab mir die Möglichkeit, das Spielen und mich selbst auszuprobieren. Als er 1994 starb, kamen glücklicherweise andere Leute, die ähnlich mit mir arbeiten wollten.

Wann haben Sie entschieden, Künstlerin zu werden? Ist im schottischen Hochadel ja nicht gerade üblich.
Witzig, dass Sie das fragen: Ich habe erst vor Kurzem entdeckt, dass es in meiner Familie viel mehr Künstler gab, als mir gesagt wurde. Da waren einige Maler. Und wenn ich von denen gewusst hätte, hätte ich mich weniger einsam gefühlt.

Spätestens seit Ihrem Film „Orlando“ gelten Sie als androgynes Kinowesen. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
Für mich fühlt sich das ganz und gar natürlich an, ich habe da nichts konstruiert. Ich sehe nun mal so aus, und ich hatte mit vielen Transgender-Projekten zu tun. Mich hat immer der Ursprung der Identität interessiert, die es dann auch wieder abzuschütteln gilt. Das Androgyne war nie eine Belastung, eher eine Befreiung.

Das Interview führte Stefan Stosch

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