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Kultur Der verlorene Sohn
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21:42 26.02.2014
Von Stefan Stosch
Detektivarbeit: Philomena (Judi Dench) und der Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan) sichten Spuren einer Vergangenheit, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Quelle: Universum
Hannover

Normalerweise würde Martin Sixsmith über so eine „Human Interest Story“ nur die arrogante Nase rümpfen. Sie ist ganz klar unter seinem Niveau. Erst war er BBC-Topjournalist, dann Medienberater für die Regierung Blair. Jetzt ist er geschasst worden, ein politisches Bauernopfer. Nur deshalb muss er sich am Telefon die belehrende Definition der Chefredakteurin anhören, die seine Recherchereise nach Amerika bezahlt. Also gut: Bei einer Herzschmerz-Geschichte seien die Guten und die Schlechten klar zu unterscheiden, und das Ende müsse besonders gut oder besonders traurig ausfallen. Sixsmith soll endlich liefern.

Prinzipiell sind die Voraussetzungen dafür gut, und das liegt an der alten irischen Frau, mit der Sixsmith (Steve Coogan) nach Amerika gereist ist: Das Letzte, was Philomena (Judi Dench) vor einem knappen halben Jahrhundert von ihrem kleinen Sohn gesehen hat, war ein rotwangiges Kindergesicht, das sich an eine Heckscheibe drückt. Philomena war selbst beinahe noch ein Kind, von ihren Eltern wegen der Schwangerschaft ins Kloster abgeschoben. Die geschäftstüchtigen Nonnen wiederum verkauften ihren Sohn zur Adoption nach Amerika, das war so üblich. Und nun, nach so langer Zeit, sucht Philomena mit Sixsmith in den USA nach ihm. Großer Herzschmerz garantiert, wo ist das Problem?

Das Problem ist, dass sich Philomena weigert, ihre Geschichte von einer zynischen Medienbranche ausschlachten zu lassen. Und das Gute ist, dass Regisseur Stephen Frears sein Kinodrama „Philomena“ auf dem Gegensatz zwischen der trotz allem immer noch tiefgläubigen Dame und dem an gar nichts mehr glaubenden Journalisten gründet. Frears beruft sich auf eine wahre Geschichte, die der echte Journalist Sixsmith unter dem Titel „The Lost Child of Philomena Lee“ aufgeschrieben hat. Es wäre ein Leichtes für Frears, den ausgewiesenen cineastischen Anwalt der Schwachen, eine verstockte, lügnerische, menschenfeindliche Kirche vorzuführen, für die dieser Skandal nur einer unter vielen in ihrer langen Geschichte ist. Man mag sich kaum ausmalen, wie Hollywood diesen dankbaren Stoff konfektioniert hätte. Der britische Regisseur geht subtiler vor. Und er vertraut auf seine beiden wunderbaren Schauspieler.

Judi Dench ist Philomena, herzensgut, gar nicht verbittert, einfach gestrickt, Liebhaberin von Groschenromanen. Dench – bestens bekannt als toughe Bond-Chefin, die kürzlich in „Skyfall“ das Zeitliche segnete – stattet diese vom Leben gestrafte Frau aber auch mit plappernder Altersklugheit aus. Sie weiß, wie das Leben spielt, und sie weiß auch, dass Sex keine Sünde ist und nie eine war („Damals wusste ich gar nicht, dass ich eine Klitoris hatte.“)

Fazit

■ Glaubensfragen:

■ Grandiose Schauspieler in vielschichtigem Drama

■ Kino am Raschplatz

Steve Coogan als Sixsmith (und Drehbuchautor) sieht in seiner Begleiterin zunächst nur lohnenswertes Recherchematerial, das es auf dem Flugzeugsitz neben sich zu ertragen gilt. Doch je länger das ungleiche Paar die Spur des Sohnes verfolgt, desto mehr hadert er mit seinem Auftrag. Sixsmith nimmt Anteil am Leid seiner Begleiterin und wächst in die Rolle des Anklägers, der die Ordensschwestern zur Entschuldigung zwingen will. Es gibt dabei nur einen Haken: Philomena will gar keine späte Genugtuung.
Zwischendurch stellt sie zwar ihrem Gott die Vertrauensfrage, doch reist sie nicht als Rächerin in die Vergangenheit, sondern als Mutter, die sie nicht sein durfte und nun nach jeder noch so schwachen Verbindung zu ihrem Sohn fahndet. Am Ende führt die Spur zurück ins irische Kloster. Dort wird Philomena das tun, was die Kirche einer vermeintlichen Sünderin wie ihr verweigert hat: Sie ist bereit, den unbarmherzigen Schwestern zu verzeihen.

Es lohnt sich, beim Abspann im Kino sitzen zu bleiben: Man erhascht einen Blick auf die echte Philomena Lee, und man fühlt sich dieser Frau für einen kleinen Moment ganz nahe.

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