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Kultur „Heroische Prosodie“ in Uraufführung
Mehr Welt Kultur „Heroische Prosodie“ in Uraufführung
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19:44 13.02.2014
Von Stefan Arndt
Er ist nicht nur ein Experte Neuer Musik, sondern hat ein sehr breites Repertoire: Lothar Zagrosek. Quelle: Christian Nielinger
Hannover

Noch nie sind diese Noten erklungen. Und doch sieht die Partitur, die auf dem Schreibtisch in Lothar Zagroseks Hotelzimmer liegt, so aus, als sei sie seit Jahren im täglichen Gebrauch: Auf fast allen Seiten finden sich Eintragungen: Bleistiftnotizen oder mit Buntstift und Lineal über die Notensysteme gezogene Linien. Schon ein kurzer Blick in diese Ausgabe von Bernd Alois Zimmermanns „Heroischer Prosodie“ macht deutlich, dass die Arbeit eines Dirigenten lange vor der ersten Probe beginnt. Zagrosek hat sich eine genaue Vorstellung davon verschafft, wie dieses Stück klingen soll. Komponiert wurde es 1940, es ist das erste große Orchesterwerk Zimmermanns.

Zu Lebzeiten des 1970 verstorbenen Komponisten wurde es nicht gespielt, danach verlor die Musikwelt es endgültig aus dem Blick. Hannovers Operndramaturg Klaus Angermann hat es nun wieder aufgestöbert und dem Gastdirigenten des 5. Sinfoniekonzertes so eine außergewöhnliche Aufgabe übertragen: Zagrosek wird die späte Uraufführung eines Zimmermann-Werkes leiten.

Einen erfahreneren Dirigenten hätte das Staatsorchester nicht finden können. Wie viele Uraufführungen Zagrosek geleitet hat, vermag der 71-Jährige kaum zu sagen. „Vielleicht 200“, ist seine grobe Schätzung. Die Lust an der Entdeckung ist dem Dirigenten dabei bis heute erhalten geblieben. „Eine Uraufführung ist immer auch ein Abenteuer“, sagt er. Die „Heroische Prosodie“ ist für ihn ein „sehr besonderes Stück“. Es sei bemerkenswert, wie Zimmermann im von wichtigen kulturellen Einflüssen abgeschotteten Deutschland der frühen vierziger Jahre eine eigene Tonsprache entwickelt habe. In der „Prosodie“ seien Einflüsse von Mahler und Hindemith zu hören. Dennoch sei das Stück mit seiner „totalen Expressivität“ nicht epigonal.

Die Uraufführung am Sonntag ist der Höhepunkt eines Zimmermann-Festivals, das die Oper mit der Musikhochschule und verschiedenen freien Ensembles an diesem Wochenende unter dem Motto „Zwischen den Zeiten“ veranstaltet. Eine breite Renaissance des Komponisten kann Zagrosek aber nicht erkennen. „Das bedauere ich sehr.“

Der Dirigent hält den 1918 geborenen Zimmermann für einen der wichtigsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Es sei bedauerlich, dass regelmäßig nur seine Oper „Die Soldaten“ und das Trompetenkonzert zu hören seien. Letzteres steht nun mit Hakan Hardenberger als Solist auch auf dem Programm des 5. Sinfoniekonzertes, das von Zimmermanns „Musique pour les soupers du Roi Ubu“ und der 4. Sinfonie Robert Schumanns komplettiert wird.

Das romantische Werk hat Zagrosek als „lyrischen Gegensatz“ zu den eher dramatischen neueren Stücken ausgewählt. Obwohl der Dirigent vor allem als Experte für Neue Musik geschätzt wird, hat er ein sehr breites Repertoire. „Ich wollte nie in eine Schublade gesteckt werden“, sagt er, „darum habe ich immer alles gemacht.“ Weil die meisten seiner Kollegen die Klänge der Gegenwart mieden, galt Zagrosek doch bald als Spezialist. „Ich habe mich damit angefreundet und finde es gut“, sagt er. Beweisen muss Zagrosek sich schon lange nicht mehr. Achtmal hat er Chefpositionen bekleidet. Nach Anfängen als Generalmusikdirektor in Solingen stand er in Paris und London, in Wien und Berlin an der Spitze großer Orchester.

Besonders ertragreich war seine Zeit an der Staatsoper Stuttgart (1997 bis 2006). Während Zagrosek Chefdirigent war, wurde das Haus fünfmal zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt, Zagrosek selbst war zweimal „Dirigent des Jahres“. Das ist er auch 2013 wieder geworden: Die Aufführung von Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ an der Deutschen Oper Berlin hat die Musikkritiker überzeugt.

Es ist typisch für Zagrosek, dass es seine dritte Einstudierung des Lachenmann-Werkes ist: Er interessiert sich nicht nur für die Uraufführung, sondern auch dafür, dass Stücke, von deren Qualität er überzeugt ist, einen Platz im Repertoire finden. Auch auf Seiten der Musiker setzt Zagrosek sich für die Zukunft der modernen Musik ein. Als künstlerischer Berater und Gastdirigent der Jungen Deutschen Philharmonie - einem Studentenorchester der deutschen Musikhochschulen - gibt er angehenden Orchestermusikern seit Jahrzehnten wichtige Impulse. Er selbst hat diese zunächst als Sänger der Regensburger Domspatzen erhalten, wo er es als Solist bis zu „Zauberflöten“-Aufführungen bei den Salzburger Festspielen brachte. Später studierte er in Wien bei dem Dirigentenmacher Hans Swarowsky und vollendete die Ausbildung bei Herbert von Karajan und dem Komponisten Bruno Maderna. 1967 gewann er den deutschen Dirigentenwettbewerb - und kam in der Folge zum ersten Mal nach Hannover: Zu dem Preis gehörte ein Konzert mit der heutigen NDR Radiophilharmonie.

An den Auftritt erinnert sich Zagrosek kaum. „Ich weiß nur noch, dass ich sehr aufgeregt war.“ Heute ist er der Stadt eher aus privaten Gründen verbunden. Zwei seiner drei Kinder leben hier. Seine jüngere Tochter Katrin ist Intendantin der Niedersächsischen Musiktage, der Sohn arbeitet bei der Messe. Gründe, nach Hannover zu reisen, hat Zagrosek also genug. Allerdings hat er jetzt kaum Zeit für die Familie. Neben den Proben in der Oper gibt er Kurse an der Musikhochschule. Doch bei der Uraufführung der „Heroischen Prosodie“ werden auch seine Kinder in der Oper sein. So kann das Zimmermann-Abenteuer für ihn eigentlich nur gut ausgehen.

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