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Kultur Die exklusive Weihnachtsgeschichte der Bestsellerautorin
Mehr Welt Kultur Die exklusive Weihnachtsgeschichte der Bestsellerautorin
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10:34 24.12.2018
Die australische Autorin Kate Morton Quelle: Aleksander Domanski/dpa
Tamborine Mountain

In Australien fällt Weihnachten mitten in den langen, glühend heißen Sommer. In eine Zeit, in der vom frühen Morgen an die Sonne vom Himmel brennt und die Luft vom Zirpen der Grillen erfüllt ist. In der Schule saßen wir in überhitzten Klassenzimmern, in denen Deckenventilatoren die stickige Luft umwälzten, und sangen Lieder, die von zugefrorenen Seen und schneebedeckten Feldern und einem Kind in einer Krippe in einem fernen Land erzählten. Zu Hause versammelten wir uns an dem großen Eichentisch, der einmal der Großmutter meines Vaters, Nana Martinson, gehört hatte, und bastelten Weihnachtsgeschenke für unsere Lehrer. Zum Beispiel mit Nelken gespickte Apfelsinen, die als Duftkugeln dienten.

Eine Kiefer im Kübel

In meiner Kindheit war Weihnachten in unserer Familie der absolute Höhepunkt des Jahres: Im Dezember wurde immer der Christbaumschmuck aus der alten Kiste geholt. Zarte, zerbrechliche Holzornamente und all die Meisterwerke aus Salzteig, die meine Schwestern und ich über die Jahre angefertigt hatten. Und dann wurde der Baum geschmückt. Manchmal war es eine Kiefer im Kübel, die später in den Garten gepflanzt wurde, manchmal auch ein besonders schöner Ast eines Gummibaums, der mit silberner und goldener Farbe besprüht wurde. Ich fand das alles großartig: die weihnachtliche Ehrfurcht im Umgang mit den geliebten schönen Dingen, die ganz besonderen Düfte, die aus der Küche drangen, die Lichterketten, die Kerzen und die Musik.

Ein Dschungel aus baumhohem Gras

Mortons jüngster Roman. Quelle: Kate Morton

Wir wohnten damals in einem Dorf auf dem Tamborine Mountain im Regenwald von Queensland. Unser altes Holzhaus namens Yooroona war von einem riesigen Garten umgeben. Als wir eingezogen sind, war er völlig verwildert.

In einem Dschungel aus baumhohem Gras und großblättrigen Schlingpflanzen entdeckten wir mehrere alte Autos, und in der hintersten Ecke stand ein großer Wellblechschuppen. In diesem Schuppen hatte der Vorbesitzer sich ein Boot gebaut, mit dem er zu einer Weltumseglung aufgebrochen war, nachdem er uns das Grundstück verkauft hatte. Mein Vater mähte das Gras mit einer Sense, meine Mutter ließ die Innenwände des Schuppens mit Holzpaneelen verkleiden und richtete dort einen Antiquitätenladen ein.

Elfen und Rentiere inmitten von riesigen Christbaumkugeln

Jedes Jahr zu Beginn der Weihnachtsferien fuhren wir die steile Straße ins Tal hinunter, über die „Bremsgestankbrücke“ und weiter über den Pacific Highway nach Brisbane. Dort besuchten wir unsere Großeltern – Nan und Pop in Everton Hills und Nana Connelly im nahe gelegenen Stafford – und dann ging es in die Stadt, wo wir die Schaufensterdekorationen des großen Kaufhauses David Jones bestaunten: aufwendig gestaltete bewegliche Szenen aus der Werkstatt von Santa Claus, Elfen und Rentiere inmitten von riesigen goldenen Christbaumkugeln. Überwältigt von all der Pracht fragte meine kleine Schwester, die im Dezember geboren ist, einmal mit großen Augen: „Woher wissen die, dass ich Geburtstag hab?“

Seit ich denken kann, gab es das Weihnachtsessen an Heiligabend bei uns zu später Stunde, weil es dann nicht mehr so heiß war und weil man im Dunkeln die festliche Kerzenbeleuchtung sehen konnte. Meine Mutter kochte, und wir alle halfen, Nana Martinsons Tisch mit einer weißen Leinendecke und Blumen und Blättern aus dem Garten zu schmücken. Jahr um Jahr kurvten unsere zahlreichen Familienangehörigen die schmale, gewundene Straße zu unserem Haus hinauf. Eine Tradition, die über die Jahre beibehalten wurde, und irgendwann gehörten auch mein Mann und ich zu den Anreisenden.

An diesem Weihnachtsabend war es ganz besonders heiß

Ich muss gerade an das Jahr 2002 denken: An diesem Weihnachtsabend war es ganz besonders heiß, und wir hatten beim Essen alle Fenster und Türen weit geöffnet in der Hoffnung, dass eine Brise aufkommen würde. Es war ein Gewitter angekündigt, und die Luft war schwül und drückend. Der Tisch war mit Efeuranken geschmückt, zwischen den glänzenden Blättern leuchteten Apfelsinen und Kerzen, und in flachen Kristallschalen schwammen cremefarbene Gardenienblüten. Das Zimmer war erfüllt vom Duft des nachtblühenden Jasmins, ein Duft, der für mich untrennbar mit Weihnachten verbunden ist und bei dem mich jedes Mal ganz nostalgische Gefühle überkommen, wenn er mir mitten im Jahr in England in die Nase steigt.

Vielleicht lag es an der Hitze oder am flackernden Kerzenlicht oder an der im Hintergrund laufenden Musik von Duke Ellington, jedenfalls trank die damals 86-jährige Nana Connelly an jenem Abend ein zweites Glas Sekt. Und sie beteiligte sich mit ihrer sanften Stimme an den Gesprächen, bei denen es wie immer, wenn große Familien zu festlichen Gelegenheiten zusammenkommen, um Gott und die Welt ging. „Das sind schöne Schuhe, Katy“, sagte sie irgendwann zu mir. „Als ich so alt war wie du, hatte ich welche, die genau so aussahen. Mein Vater hatte mir hochhackige Schuhe verboten, aber ich habe mir trotzdem die mit den höchsten Absätzen gekauft, die es im Laden gab, und sie zum Tanzen getragen.“

Meine Großmutter löcherte uns mit Fragen

Nana Connelly war eine zierliche, hübsche Frau, die schlichte Kleider trug und eine Dauerwelle, die ihr Gesicht anmutig einrahmte. Ihre blauen Augen waren so klar und leuchtend wie die eines Kindes, und ihre Haut, die nie der grellen Sonne in Queensland ausgesetzt wurde, war sehr hell. Als wir klein waren, verbrachten meine Schwestern und ich manchmal die Schulferien bei ihr. Dort tranken wir zum ersten Mal Sarsaparilla und Cream Soda, lernten, mit dem Bus zu fahren, und sie zeigte uns die alten „Girls’ Own“-Hefte, die meine Mutter und ihre Schwestern gesammelt hatten, als sie in unserem Alter waren. Aber niemals erzählte sie von sich. Dafür löcherte sie uns umso mehr mit Fragen. Ständig wollte sie wissen, womit wir uns beschäftigten, ob wir gern in die Schule gingen, wer unsere Freunde waren.

Aber als es an jenem Weihnachtsabend auf Nanas Bemerkung über meine Schuhe hin ganz still am Tisch wurde, schwieg sie nicht etwa, sondern fuhr fort: „Während des Krieges, noch bevor ich verheiratet war, bin ich an einem Abend mit meiner Freundin ins Kino gegangen, und auf dem Heimweg nach Spring Hill kamen wir an einem Straßenfest vorbei. Die Amerikaner waren gerade in Brisbane eingetroffen, und die jungen Soldaten waren richtig fesch.“

Nanas Augen leuchteten bei der Erinnerung

Nanas Augen leuchteten bei der Erinnerung. „Ihre Uniformen waren viel schicker als unsere, ihre Zähne waren weißer, und wie sie erst geredet haben! In ihrem Akzent klang alles viel verwegener.“ Alle hörten ihr wie gebannt zu, als sie uns einen Einblick in ihre Vergangenheit vergönnte. In diesem von Weihnachtsdüften erfüllten Zimmer erzählte sie so lebhaft, dass wir alle diese jungen Menschen vor uns sahen, die an einem warmen Abend in Brisbane ein paar schöne Stunden erlebten, während um sie herum der Weltkrieg tobte.

Danach wendeten wir uns wieder anderen Themen zu, und Nana zog sich wieder in ihre gewohnte Rolle als Zuhörerin zurück. Es wurde allmählich Mitternacht, mein Mann spielte Klavier, und wir redeten und lachten. Um die Kerzen, die fast heruntergebrannt waren, hatten sich rote Wachspfützen gebildet, der Tisch war übersät mit den Überresten eines fröhlichen Abendessens. Ich musste immer wieder zu Nana hinüberschauen. Ihr übliches zurückhaltendes Lächeln war wieder da, aber dahinter sah ich jetzt noch etwas anderes. Ich sah die junge Frau mit den neuen Schuhen am Arm eines feschen Soldaten zwischen lauter ausgelassenen Leuten auf einer Tanzparty, um sie herum Musik und Schwatzen und Lachen in einem Moment, als ihre ganze Zukunft – die uns alle einschloss – noch vor ihr lag.

Ich bin froh, dass ich ihr mein Geheimnis ins Ohr geflüstert habe

Fünf Tage später ist Nana gestorben, auf ihrem Sofa in Brisbane neben einem ihrer geliebten Enkelkinder. Sie ist ganz friedlich eingeschlafen, unabhängig bis zum Schluss, und sie hat alle ihre Erinnerungen mitgenommen. Ich bin heute noch dankbar für jenen Weihnachtsabend, an dem sie ganz plötzlich das Bedürfnis verspürte, uns einen kleinen Einblick in ihre Vergangenheit zu gewähren. Und ich bin froh, dass ich mich an jenem Abend neben sie gesetzt und ihr mein Geheimnis ins Ohr geflüstert habe, ein paar Wochen früher als geplant. Sie hat meine Hand genommen, sie gedrückt, und in ihrem glücklichen Lächeln habe ich Zufriedenheit gesehen und die Akzeptanz, dass die Zeit weiterging in eine Zukunft, die sie nicht mehr erleben würde.

Ein Foto von Nana neben einem Foto meines kleinen Sohnes

Etwa ein halbes Jahr später wurde mein Sohn geboren, und er hat sein erstes Weihnachten auf dem Fußboden in unserem Haus auf dem Tamborine Mountain erlebt, umgeben von seiner Familie. Auf der Anrichte stand ein Foto von Nana, auf dem sie bei unserer Hochzeit in die Kamera lächelte, ein Bouquet aus bunten Wicken an ihrer blauen Bluse. Daneben ein Schwarz-Weiß-Foto von ihr und ihrem gut aussehenden Mann, der viel zu früh gestorben ist, aufgenommen vor ihrem Haus in Stafford, das damals ganz neu war. Außerdem standen auf der Anrichte ein Schnappschuss von meinen Schwestern und mir aus den Achtzigerjahren und daneben ein Foto von meinem kleinen Sohn.

Weihnachten ist das Beisammensein mit geliebten Menschen

In diesem Jahr wird mein Sohn schon fünfzehn. Er hat zwei jüngere Brüder und Ideen von einer Zukunft, die über unsere Zeit als Familie hinausgehen. Ich hoffe, dass er uns an Weihnachten immer besuchen wird. Ich wünsche ihm, dass er seine Freiheit genießt, aber auch den Wert der Kontinuität und die Bedeutung der Familie zu schätzen weiß. Weihnachten ist die Gelegenheit, um in Erinnerungen zu schwelgen, sich auf Traditionen zu besinnen und sich der Familienbande bewusst zu werden, die uns über die Zeit hinweg vereinen. Der Weihnachtsschmuck, das Essen und die Musik sind natürlich immer wunderbar, aber was wirklich zählt, ist das Beisammensein mit geliebten Menschen sowie das Andenken vergangener und die Träume zukünftiger Weihnachtsfeste.

Von Kate Morton/Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

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