Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur „Der Entertainer“ kommentiert Pegida
Mehr Welt Kultur „Der Entertainer“ kommentiert Pegida
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 18.02.2015
Von Martina Sulner
Immer schön aus der Hüfte: Michael Wittenborn und Sasha Rau. Quelle: Horn
Hamburg

Was für ein Teppich! Der rote Bodenbelag auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses erzählt fast alles von der Geschichte, die hier zu sehen ist: Die frühere Pracht des Teppichs ist noch zu erahnen, doch jetzt wirkt er armselig und schmuddelig. Ähnlich wie der Alleinunterhalter Archie Rice in John Osbornes „Der Entertainer“. Dieser Rice hat die guten alten Zeiten der britischen Music Halls miterlebt, doch mittlerweile sind diese Music Halls im Untergang begriffen. Und Rice erst recht.

Regisseur Christoph Marthaler hat Osbornes Stück, 1957 in London uraufgeführt und kurz darauf schon als deutsche Erstaufführung in Hamburg zu sehen, kräftig bearbeitet und modernisiert. Sein „Entertainer“ spielt in der Gegenwart: Rices Sohn Mike ist nicht, wie im Original, während der Suez-Krise verschollen, sondern als Soldat im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ eingesetzt. Archie Rice kommentiert die Hamburger Bürgerschaftswahl und die Demonstrationen der Pegida.

Marthaler stellt eine zerrüttete Familie in einer Welt vor, die in ihrer Komplexität und Fragilität alle Familienmitglieder überfordert. Sie sehnen sich nach der vermeintlich besseren Vergangenheit: der alte Billy Rice, früher ein Star, sein Sohn Archie, dessen Frau Phoebe und die beiden erwachsenen Kinder. Dass die Rice-Männer nicht den Sprung von gestern ins Heute geschafft haben, wird schmerzlich deutlich, auch in den Witzen und Schlagern, die sie darbieten. Bei Marthaler changiert die Geschichte ständig zwischen heute und gestern – da wird gewitzelt und gekalauert, als schrieben wir das Jahr 1965. Da sind die fünf Musiker in Jacketts gezwängt, deren Türkiston vor 50 Jahren wohl der letzte Schrei war. Und die drei Tänzerinnen, die immer wieder durchs Bühnenbild toben, kullern oder auch mal kriechen, wirken in ihren knalligen Kostümen wie einem abgehalfterten Varieté entstiegen.

„Der Entertainer“

„Der Entertainer“: Wieder am 18. und am 24. Februar sowie am 4. und 12. März. Kartentelefon: (0 40) 24 87 13.

Auf dem vorderen Teil der Bühne sieht man das Desaster der Familie Rice; im hinteren Teil spielt sich ein ähnliches Schicksal ab – dort haust eine Varietéfamilie (wie der Regisseur sie bezeichnet). Lange hocken die vier Chips futternd um den Tisch herum, dann zeigen sie doch Ausschnitte ihres, nun ja, Könnens. Doch zuverlässig gehen ihre Nummern schief, und vorne wie hinten eskaliert das Geschehen: Alle trinken, was das Zeug hält; die Witze geraten immer dreckiger; und ein Klavier, das die Treppen hinaufgewuchtet wird, kracht die Stufen wieder hinunter.

Marthaler, der Mitte der Neunzigerjahre viel und erfolgreich am Hamburger Schauspielhaus inszeniert hat, arbeitet wieder mit Schauspielern, die regelmäßig in seinen Projekten auftreten: Jean-Pierre Cornu als alter Billy Rice, Irm Herrmann als seine Schwiegertochter Phoebe, Josef Ostendorf und Bettina Stucky aus der Varietéfamilie. In der Hauptrolle des Archie Rice ist Michael Wittenborn zu sehen.

Der hält seinen Archie wunderbar in der Balance: Der Charme ist längst schmierig geworden, doch man ahnt noch immer den alten Womanizer. Wittenborns Archie stimmt alte und auch aktuelle Schlager an und zeigt, wie er die Helene-Fischer-Welt verachtet. Wenn Wittenborn in seinem hellen Anzug und mit einer Plastiktüte voller Ginflaschen über die Bühne tigert, wirkt er fix und fertig – und doch spürt man, dass dieser Mann nicht bereit ist, sich kampflos von der Show und von den Frauen zu verabschieden.

Neben seinen hervorragenden Schauspielern hat Marthaler mit Bühnenbildnerin Duri Bischoff, Anjas Rabes (Kostüme) und Andreas Böther (musikalische Leitung) eine tolle Crew. Die Inszenierung dauert mit zweidreiviertel Stunden zwar etwas zu lang, und manche Kalauer wiederholen sich – doch hat der Schweizer Regisseur einen beachtlichen „Entertainer“ inszeniert. Der Abend ist albern und manchmal anstrengend, wenn in verschiedenen Bühnenecken gleichzeitig geredet oder getanzt wird. Er ist überdreht und – etwa wenn Wittenborn am Ende „Death of a Clown“ von den Kinks singt – auch etwas rührselig. Insgesamt jedoch ist dieser „Entertainer“ ein großer, trauriger Spaß.

Der iranische Film „Taxi“ kommt am 23. Juli in die deutschen Kinos. Die Komödie von Jafar Panahis hatte die diesjährige Berlinale gewonnen. In dem Film fährt der Panahi seine Landsleute durch Teheran.

17.02.2015
Kultur Laut Medienberichten - Bucerius Kunstforum zieht um

Ab 2018 erhalten die Ausstellungsräume der Zeit-Stiftung laut Medienberichten erheblich mehr Platz. Nach den NDR-Informationen soll der Umzug in einen rund 250 Millionen Euro teuren Neubau am Alten Wall mehr Kapazitäten für  Veranstaltungen bringen.

17.02.2015
Kultur Hamburger Ausstellung „Tattoo“ - Warum lassen sich Menschen tätowieren?

Warum lassen sich Menschen tätowieren? Die Hamburger Ausstellung „Tattoo“ gibt Antworten auf diese Frage – und zeigt die Kunst am Körper in all ihren Facetten.

Martina Sulner 16.02.2015