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08:10 04.02.2014
Von Martina Sulner
„Ich würde mich sehr freuen, Ihr neues Buch einem illustren Publikum im deutschen Südwesten zum ersten Mal vorstellen zu dürfen.“ Alfred Andersch 1957 in einem Brief an Max Frisch, der gerade an „Homo Faber“ arbeitet. Quelle: r.

Der Briefschreiber, zu dem Zeitpunkt leitender Literaturredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, wollte Max Frischs Roman „Homo Faber“ in einer seiner Sendungen präsentieren. „Ich würde mich sehr freuen, Ihr neues Buch einem illustren Publikum im deutschen Südwesten zum ersten Mal vorstellen zu dürfen“, heißt es, etwas gedrechselt, in einem Schreiben vom März 1957. Dies ist der erste Brief Anderschs an Frisch – nachzulesen in einem vom Literaturwissenschaftler Jan Bürger herausgegebenen Band. „Alfred Andersch/ Max Frisch: Briefwechsel“ erscheint jetzt pünktlich zu Anderschs heutigem 100. Geburtstag.

Allzu viele Schreiben haben die Autoren allerdings nicht gewechselt. Das liegt vor allem daran, dass beide seit Mitte der sechziger Jahre Nachbarn waren. Der gebürtige Münchener Andersch siedelte 1958 mit seiner Familie ins Schweizerische Tessin über, in das Bergdorf Berzona. Einige Jahre später bezieht auch Frisch dort ein Haus. Man trifft sich im Dorf, man besucht sich gegenseitig auf ein Getränk und ein kurzes Gespräch, meist über literarische Angelegenheiten. Das Verhältnis – so der Eindruck aus dem „Briefwechsel“ – war gut, aber nicht allzu innig.
Ende 1971 zerstreiten die beiden Männer sich: Frisch hat für ein geplante Tagebuchveröffentlichung einen Text über seinen Nachbarn geschrieben, mit dem dieser ganz und gar nicht einverstanden ist. „Jeder Deiner ach so höflichen Sätze enthält eine falsche Nachricht ...

Selbstverständlich ist es Dein gutes Recht, falsche Nachrichten über mich zu verbreiten ...“ Das nennt man eine ausgemachte Beziehungskrise.
Der „Briefwechsel“ ist lückenhaft und umfasst gerade mal 100 Seiten. Durch das Vorwort des Herausgebers und den üppigen Anhang bringt es der Band auf 186 Seiten. Wie sich die Autoren wieder angenähert haben, wie es zu einer „zweiten Freundschaft“ (Max Frisch) kam, wird zum Beispiel nicht klar. Trotz aller Lücken liest man das Buch aber gern: Man bekommt einen Eindruck vom literarischen Leben jener Zeit – von Frischs Ruhm und Egozentrik und auch davon, wie Andersch vom Tessin aus bis zu seinem Tod 1980 den deutschen Literaturbetrieb beobachtet, begleitet und kommentiert. Nach einem Berlin-Aufenthalt schreibt er zum Beispiel über einige Kollegen: „Grass, sein showmanship mir gegenüber zügelnd, Uwe Johnson, ein pedantischer Lümmel, Schnurre mit dem Mauer-Komplex ...“

Der Leser erfasst die wichtige Rolle, die Alfred Andersch in der Nachkriegsliteratur und in der Kulturszene gespielt hat. Er war Mitinitiator der „Gruppe 47“, gründete erst die Zeitschrift „Der Ruf“, später die Zeitschrift „Texte und Zeichen“, die allerdings nicht allzu lange existierte. In Romanen wie „Sansibar oder Der letzte Grund“, „Efraim“ und „Winterspelt“ schrieb er über das Thema, das nicht wenige Kritiker und Leser umtrieb: Ob und wie der Einzelne im Nationalsozialismus Freiheit und Würde bewahren konnte – oder eben nicht.

Das hatte autobiografische Bezüge. Andersch war als junges KPD-Mitglied 1933 einige Monate im KZ Dachau inhaftiert. Nach der Entlassung gab er seine politische Tätigkeit auf, schlug sich in verschiedenen Berufen durch, unter anderem als Texter. Von seiner, wie es in der Nazi-Terminologie hieß, „halbjüdischen“ Frau ließ er sich 1943 scheiden, was deren Sicherheit nicht gerade erhöhte. Im selben Jahr trat er, weil er unbedingt publizieren wollte, der Reichsschrifttumskammer bei. 1944, mittlerweile Soldat in Italien, desertierte Andersch und lief zur US-Armee über. Eine Weile verbrachte er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Anderschs Werk muss man vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen lesen. Der Ton des „Sansibar“-Romans etwa, der 1957 erschien und in den siebziger und achtziger Jahren fleißig an deutschen Schulen durchgenommen wurde, erscheint einem heute doch reichlich hoch und pathetisch. Und an der Geschichte und der Figurenkonstellation – ein Kommunist und eine Jüdin wollen 1937 über die Ostsee nach Schweden fliehen und treffen dabei auf einen wackeren Fischer und einen aufrechten Pfarrer – wirkt manches holzschnittartig.

Man muss nicht jeden Text von Andersch mögen, und einige seiner Briefe an Frisch wirken ziemlich unsympathisch-oberlehrerhaft. Doch der „Briefwechsel“ vermittelt, wie Anderschs Selbstverständnis als Strippenzieher im Literaturbetrieb und Autor entstanden ist. Es gilt, was Max Frisch 1979 in einer Laudatio auf seinen Nachbarn sagt: „Ich meine: Jede Würdigung seines literarischen Werkes, die Alfred Andersch als einen Meister deutscher Prosa entpolitisiert, wäre ein Hohn.“

Jan Bürger (Hrsg.):  „Alfred Andersch/
Max Frisch: Briefwechsel“. Diogenes. 186 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 19,90 Euro.

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