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21:00 11.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Das sind zwei von fünf teils noch nie gezeigten Kladden von Kurt Schwitters. Quelle: dpa
Hannover

Was täte wohl Schwitters, wenn er heute noch lebte? „Er wäre bestimmt Blogger“, sagt Antje Wulff. „Oder Webdesigner“, sagt Julia Nantke. Die beiden Doktorandinnen sollten es wissen. Sie forschen schließlich über Kurt Schwitters. Und in einer dreijährigen Mammutleistung haben sie den ersten von geplanten neun Bänden einer neuen Schwitters-Edition erarbeitet, die die Literaturwissenschaftlerin Ursula Kocher und die Schwitters-Expertin Isabel Schulz vom Sprengel Museum herausgeben. Der Band füllt immerhin 1077 Seiten dieser neuen Gesamtausgabe, die den ebenso kurzen wie unbescheidenen Titel „Alle Texte“ trägt.

Alle Texte? War Kurt Schwitters (1887-1947) nicht ein Künstler, der eher mit Bildern als mit Worten hantiert hat? Kocher und Schulz verstehen unter Texten alle Dokumente, die Schwitters zu kommunikativen Zwecken gesammelt, montiert oder selbst geschaffen hat. Dieses Verständnis passt zum universellen Anspruch der (Bedeutungs-)Räume, die der „Merz-Künstler“ Schwitters selbst ganz ausdrücklich eröffnet: „Merz bedeutet, Beziehungen zu schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt.“ Doch bis die Forschung Schwitters angemessen begegnen konnte, bedurfte es geradezu einer Wende in der Wissenschaft, räumt Kocher, Professorin für Editionswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal, ein: „Wir nennen es den ,spatial turn‘ in den Kulturwissenschaften, dass wir Räume nicht mehr nur geografisch, sondern als Resultate sozialer Beziehungsgeflechte begreifen.“

Schwitters hätte ganz gut ins Digitalzeitalter gepasst: Er schied nicht zwischen hehrer Kunst und schnödem Leben, er arbeitete als Grafiker und Werbetexter ebenso wie als Maler und Poet. Und er knüpfte schon Anfang der zwanziger Jahre Netzwerke - in seiner Korrespondenz mit Künstlern, Galeristen und Publizisten in Zürich, Rom oder Wien ebenso wie in seiner Kunst: Auf dem ersten Blatt seiner Kladde „Schwarzes Notizbuch“ verschränkt er einen Appell der Deutschnationalen Volkspartei an die „tapfere deutsche Jugend“ mit Notizen zum Vertrag von Versailles. Klebt Straßenbahnkarte neben Abholschein, Moralappelle neben „Großstadtmädels“. Schreibt in Sütterlin und Blockbuchstaben dazwischen. Und lässt Fraktur- gegen Frutiger-Lettern kippen.

Im ersten Band der neuen Edition klären Antje Wulff und Julia Nantke solche Bezüge auf - aus dieser und vier weiteren Kladden der Jahre 1919 bis 1923. Sie kommentieren, ordnen ein, verweisen auf Quellen, die Schwitters damals genutzt hat. „Eigentlich werden dabei Werke dekonstruiert, um ihre damalige Konstruktion transparent zu machen“, sagt Isabel Schulz, Leiterin des Schwitters-Archivs im Sprengel Museum. „Paradoxerweise wiederholt sich damit spiegelbildlich der Prozess, nach dem Schwitters verfahren ist, denn er hat ja seinerseits Wirklichkeitskonstruktionen in seinen Collagen in ebenso kritischer wie ironischer Absicht dekonstruiert.“

Dass all das erst jetzt geschieht, erklärt die Germanistin Kocher mit der langen Sprachfixierung und dem engen Werkverständnis ihrer Zunft. Die erste Schwitters-Edition schloss der Germanist Friedhelm Lach 1981 in Montreal ab. Schwittersche Montagen fremder Texte wurden da nicht zum Gegenstand - denn die Texte waren ja nicht von ihm. Lach konnte indes auch vieles noch nicht erforschen, was das Schwitters-Archiv seit 2004 in Hannover versammelt. Erst nach einer internationalen Schwitters-Tagung 2009 fiel der Beschluss, dem Gesamtkünstler Schwitters in einer neuen Gesamtausgabe gerecht zu werden.

Noch ist freilich die Finanzierung nicht gesichert; ohne die Förderung des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums gäbe es nicht einmal den ersten Band. „Wir hoffen, dass sich noch weitere Finanziers finden“, sagt Ursula Kocher. Neun dicke Bücher über einen Mann, der von Anna Blume über Ursonate und Merzbau bis zu Lyrik, Prosa und dramatischen Texten wahrlich multimedial unterwegs war? Die Editionsspezialistin lächelt - und deutet an, dass eine Digitaledition der logische nächste Schritt sein müsste. „Das Buch wäre dann nur noch ein Derivat der Online-Präsenz.“ Auf dem Weg dahin klafft aber gleichfalls noch die Finanzierungslücke.

Einstweilen erfreuen sich die Forscherinnen an der Aktualität ihres Forschungsobjekts. Schwitters sei ja nicht nur Vordenker der Vernetzung gewesen, sondern auch Wegbereiter neuer Öffentlichkeitsstrategien, sagt Julia Nantke. „Schließlich hat er im Wahlkampf 1920 ‚Wählt Anna Blume‘ inseriert und auf Mauern geklebt.“ Kurt Schwitters, der Pionier von Guerilla-Marketing und Street-Art-Graffiti? Die Schwitters-Expertinnen lächeln. Und nicken.

Ursula Kocher, Isabel Schulz (Herausgeber): „Kurt Schwitters. Alle Texte. Die Sammelkladden 1919-1923“. De Gruyter. 1077 Seiten, 149,95 Euro.

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