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00:15 08.02.2015
Von Stefan Stosch
Frau in Weiß auf rotem Teppich: Juliette Binoche zeigt den Fotografen ein Lächeln über die Schulter hinweg. Quelle: Tim Brakemeier
Berlin

Vorwärtsdrängende Frauen werden überall gebraucht, auch mitten im Herzen der Berlinale. Deshalb wird heute auf dem Potsdamer Platz vor dem Ritz-Carlton-Hotel ein Zelt aufgebaut: Regisseurinnen protestieren gegen die Benachteiligung von Frauen hinter der Kamera. Als Beleg haben sie nachgerechnet: Von 441 Festivalfilmen stammen nur 115 von Frauen, im Wettbewerb sind es sogar nur drei von 23. Das weibliche Geschlecht ist nur bedingt in die Männerdomäne Kino vorgedrungen.

Da mag es als kleiner Trost erscheinen, dass der gestrige Eröffnungsfilm reine Frauensache war: Die Spanierin Isabel Coixet stellte „Nobody Wants the Night“ vor. Ihr Werk orientiert sich lose an historischen Begebenheiten und handelt von einer Frau, die mit Fährtenleser Bram Trevor (Gabriel Byrne) dahin aufbricht, wohin sich sonst nur Männer begeben - in die Arktis. Josephine Peary, Amerikanerin mit deutschen Wurzeln, folgte vor gut 100 Jahren ihrem Mann Robert Peary nach Grönland.

Anfangs sieht die Expedition nach Abenteuergeschichte aus: hechelnde Huskys, Männer in Felljacken, Eisbären und Juliette Binoche als Josephine Peary mit Schneebrille und Pelzmütze. Im Gepäck hat sie ihr schönstes Kleid aus der New Yorker Park Avenue, einen Plattenspieler und Picknickgeschirr. Peary will ihren Gatten einholen, bevor der sich Richtung Nordpol aufmacht und dann vermutlich als Held zurückkehrt. Schnittig schieben sich die Schlitten über den Schnee, ein paar tote Hunde und ein toter Mann unterwegs sind Kollateralschäden.

Schnell macht Coixet klar, dass es hier nicht so sehr um die Differenz zwischen Mann und Frau geht, sondern um die Arroganz und Herrschaftssucht der weißen Rasse: Die vertritt Josephine. Doch wird sie Demut lernen: Ihr Mann ist weg, als sie im Basislager eintrifft. Dafür wartet dort die junge Inuit-Frau Allaka (Rinko Kikuchi) auf Mr. Peary. Unterm Robbenfell wölbt sich Allakas Bauch. Dann bricht die Polarnacht an. Westliche Zivilisation und Überlebenskultur der Inuit prallen aufeinander. Wer hier wem etwas beibringen kann, muss sich erweisen. Dass Allaka Begriffe wie Eigentum oder Eifersucht nichts bedeuten, ist offenkundig. In größter Not zerkaut die Lady aus New York bald auch rohes Hundefleisch.

Regisseurin Coixet, Spezialistin für intime Stoffe, lässt sich auf ein Kammerspiel in unbarmherziger Dunkelheit ein. Das Warten auf den Nordpolfahrer wird dabei ein bisschen lang und fällt zu pädagogisch aus, aber das Ergebnis lohnt sich: Weibliche Solidarität ist zumindest vorübergehend stärker als jeder Eroberungswille. Dass der historische Peary sein Ziel entgegen seinen Behauptungen vermutlich nie erreicht hat, liefert Coixet im Abspann nach.

Und was sagt Isabel Coixet über Frauen im Kinogeschäft? „Warum reden alle nur über das Fehlen von Regisseurinnen, und niemand tut etwas? Wir brauchen Aktionen!“, gab sie in Berlin zu Protokoll. Da klang die Spanierin beinahe wie Josephine Peary.

Jedenfalls war dieser eiskalte Auftakt das Richtige, um sich hinterher beim offiziellen Empfang zu wärmen. Rund 1600 Gäste waren zur Eröffnungsgala gekommen. Gestern wurde auch die internationale Jury vorgestellt: darunter die französische Darstellerin Audrey Tautou und „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner. Vornehmlich deutsche Film- und Fernsehprominenz drängelte sich abends, darunter Christoph Waltz, Heike Makatsch, Veronica Ferres und Sibel Kekilli. Schon heute geht es mit einer anderen Pionierin weiter: Gertrude Bell - Forscherin und erster weiblicher Geheimdienstoffizier beim britischen Militär - reiste durch Arabiens Wüsten. Gespielt wird sie von Nicole Kidman.

Großer Bahnhof in Berlin: Zur Eröffnung der 65. Berlinale sind 1600 Gäste zum Potsdamer Platz gekommen. Star des Eröffnungstages ist die französische Schauspielerin Juliette Binoche, die die Hauptdarstellerin im spanischen Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“ ist.

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