Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Berlin zeigt Ausstellung über Mexikos Pyramidenstadt Teotihuacan
Mehr Welt Kultur Berlin zeigt Ausstellung über Mexikos Pyramidenstadt Teotihuacan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:31 12.07.2010
Von Stefan Stosch
Rätsel aus Stein: Begegnung mit Feuergott Huehueteotl in Berlin. Quelle: afp

Die ersten Besucher waren die Azteken. Im 14. Jahrhunderts hatten sie die Ruinen im mexikanischen Hochland entdeckt. Da lag die Stadt schon seit fast 800 Jahren in Trümmern, die Natur war dabei, Steine und Skulpturen wieder in Besitz zu nehmen. Und doch müssen die Azteken überwältigt gewesen sein von dem, was sich auf rund 20 Quadratkilometern vor ihren Augen erstreckte: „Sonnenpyramide“ nannten sie den mit 63 Metern höchsten Bau, einen anderen „Mondpyramide“. Die Dimensionen der Pyramiden und Paläste entsprachen denen der Herrschaftsbauten im alten Ägypten, aber das konnten die Azteken natürlich nicht wissen. Vermutlich stellten sie sich dieselben Fragen, die Wissenschaftler bis heute umtreiben: Wie konnten Menschen so etwas Gigantisches zustande bringen? Wie transportierten sie die tonnenschweren Steine? Sie hatten ja nicht einmal Wasserstraßen wie die Ägypter zur Verfügung. Und mit welchen Werkzeugen bearbeiteten sie das Material?

Die Azteken fanden eine Antwort, die zumindest sie selbst überzeugte: Hier musste die Welt erschaffen worden sein. Sie tauften die schachbrettartig angeordnete Stadt Teotihuacan, „der Ort, an dem die Menschen zu Göttern werden“. Praktischerweise übernahmen sie die Götter, deren prächtige Abbildungen sie zuhauf an den Wänden fanden, gleich in ihre eigenen Schöpfungsmythen.

Heute kann man in Berlin wieder staunen, so wie Besucher zuvor schon in Paris und Zürich gestaunt haben: Im Martin-Gropius-Bau unweit vom Potsdamer Platz ist die Ausstellung „Teotihuacan – Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt“ zu sehen. Mehr als 450 Fundstücke sind zu besichtigen. 200 Jahre nach dem Beginn des Unabhängigkeitskampfes gegen Spanien und 100 nach ihrer Revolution haben die Mexikaner diese einmalige Schau nach Europa geschickt (so wie auch die Frida-Kahlo-Ausstellung, die noch bis zum 9. August ebenfalls im Gropius-Bau läuft).

Wandmalereien, Fresken, Masken, Skulpturen, Schmuck – all dies ist nun zum ersten Mal aus mexikanischen Museen nach Europa gelangt. Viele Stücke wurden erst in jüngster Zeit gefunden. Ein steinerner Jaguar fletscht die Zähne und streckt seine Pranken dem Besucher entgegen. Der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl züngelt auf meterlangen Wandreliefs. Ein mit Muscheln übersätes Huhn aus Ton dient als Gefäß.

Auch Ballspiele waren in Teotihuacan üblich. Zwei kleine Tonfiguren stellen reich geschmückte Spieler mit breiten Gürteln dar. Der Ball wurde mit der Hüfte oder auch mit Stöcken vorangetrieben. Doch blieb diese Art der Tagesgestaltung den Priestern vorbehalten. Sie sollen der Kommunikation mit göttlichen Mächten gedient haben.

Rätselhaft ist die knapp 50 Kilometer nördlich von Mexiko-City entfernte Stadt bis heute, die die Unesco 1987 zum Weltkulturerbe erklärt hat und die eine der größten Touristenattraktionen Mittelamerikas darstellt. Seit drei Jahrzehnten laufen Ausgrabungen, doch große Teile der Stadt haben die Archäologen noch gar nicht freigelegt. Herrscherpersönlichkeiten sind namentlich nicht bekannt, schriftliche Zeugnisse nicht überliefert. Manchem Reliefkrieger wächst allerdings eine Art Sprechblase aus dem Mund, die seltsame farbige Zacken enthält. Warten diese „Glyphen“, wie die Sprechbänder von Wissenschaftlern genannt werden, vielleicht noch auf ihre Entschlüsselung?

Die Archäologen haben wenige Gewissheiten. Das spiegelt sich in den vorsichtigen Beschriftungen im Gropius-Bau wider, und doch zeichnen die Forscher inzwischen ein taugliches Bild von der Vergangenheit. Teotihuacan war eine Supermacht in Mittelamerika, vergleichbar vielleicht mit dem alten Rom in Europa.

Knapp 200.000 Menschen lebten in der Blütezeit in der Pyramidenstadt. Es gab Verwaltungsbauten und Wohnviertel für Handwerker, die Behausungen für die einfache Bevölkerung waren aus Lehm gebaut. Manche Häuser hatten mehrere Hundert Zimmer und reich dekorierte Innenhöfe, die Stadt verfügte über ein Abwassersystem. Ausgestellt ist ein Stück einer tönernen Regenrinne in Schlangengestalt. Der Einfluss Teotihuacans war groß: Handelsbeziehungen erstreckten sich weit über den Kontinent, wie Fundstücke belegen.

Über Jahrhunderte herrschten Priester und Krieger in der Götterstadt. Zimperlich waren sie nicht. Ein eigener Ausstellungsraum ist den rituellen Opferungen gewidmet. Das beeindruckendste Stück ist ein rund ein Meter großer Mann aus Marmor. Tiefe Einkerbungen symbolisieren, dass er an den Händen gefesselt und mit Pfeilen beschossen worden war. Wenn wieder mal die Vergrößerung einer Pyramide anstand, wurden Menschen und Tiere auch gerne bei lebendigem Leib eingemauert.

Das Ende der Stadt kam abrupt: Um 650 n. Chr. brannte Teotihuacan nieder. Wie das Feuer entstand, ob es revoltierende Bewohner oder Angreifer von außerhalb legten, ist ungewiss. Wissenschaftler halten es für möglich, dass die Ausdehnung der Stadt schon rein versorgungstechnisch an ihre Grenzen gekommen war. Dem Glanz sei beinahe zwangsläufig der Untergang dieses Reiches gefolgt. Teotihuacan verschwand aus der Geschichte – und lässt uns heute noch genauso rätseln wie einst die Azteken.

Martin-Gropius-Bau bis 10. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr, ab 10. August dienstags geschlossen. Der Katalog kostet 35 Euro. Mehr Informationen finden Sie hier.