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Kultur Chris Rock provoziert mit schwarzem Humor
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11:14 29.02.2016
Von Stefan Stosch
Chris Rock moderierte die Oscars mit scharfer Zunge: Die Awards seien auch als die "Preise der Weißen" bekannt", sagte der 51-Jährige – gekleidet in einem weißen Anzug. Quelle: afp
Hollywood

Das muss man erst mal hinkriegen: nach allen Seiten böse Spitzen austeilen und trotzdem gute Laune verbreiten. Moderator Chris Rock hat's in der vergangenen Nacht bei der 88. Oscar-Verleihung geschafft. Mit - weißer! - Smokingjacke lief er auf im Dolby Theatre bei den "White People's Choice Awards", wie er die Veranstaltung nannte. Dann zog er lustvoll vom Leder gegen diejenigen, die diese Show boykottierten, weil wieder einmal so gut wie keine Schwarze nominiert waren – und gegen jene, die über den roten Teppich spaziert waren, um sich in edlen Roben selbst zu feiern.

Bei Rock hörte sich das ungefähr so an: Warum in der Vergangenheit niemand gegen "weiße" Oscars demonstriert habe? "Da gab es wichtigere Dinge: Wir Schwarzen waren damals damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden. Wenn deine Großmutter an einem Baum hängt, interessiert dich der beste Kameramann einfach nicht so sehr."

Ja, auch für Frauen!

Gleichzeitig sorgten witzige Einspieler mit nachträglich in die Oscar-Filme implantierten schwarzen Stars für Gelächter: Plötzlich feudelte sich Whoopi Goldberg durch die Unternehmerinnen-Komödie "Joy". Dazwischen schmuggelte Rock eine ernsthafte Aufforderung an Hollywoods Studiobosse: "Wir wollen mehr Möglichkeiten!" Sprich: bessere Rollen für Latinos, Asiaten, Schwarze. Ja, und auch für Frauen.

So setzte Rock einen angenehm unverkrampften Ton bei dieser Gala, bei der alle vor allem eines wissen wollten: Würde Leonardo DiCaprio nun den Oscar für seinen Kampf mit dem Bären in "The Revenant" gewinnen? Wer immer den Superstar an diesem Abend zu Gesicht bekam, sprach hinterher von dessen Nervosität.

Der erste Oscar für Leonardo DiCaprio

Ausgezahlt hat sich die Aufregung für DiCaprio: Bei seiner sechsten Nominierung holte er als "Der Rückkehrer" endlich die Trophäe, auf die er seit 1993 ("Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa") gewartet hat. Das Schwimmen durch eisige Flüsse, das Schlafen im dampfenden Pferdekadaver und der Genuss von Büffelleber haben sich gelohnt. Der Geehrte vergaß in seiner Dankesrede nicht, unseren Planeten gegen die Gier der großen Konzerne zu verteidigen.

Alejandro González Iñárritu: "Lasst uns dafür sorgen, dass die Hautfarbe genauso unwichtig wird wie die Länge der Haare."

Alejandro González Iñárritu legte gleich noch den Regie-Oscar oben drauf (nach drei Auszeichnungen für "Birdman" im Vorjahr). Aber den Oscar für den besten Film sicherte sich das Drama "Spotlight", das journalistische Hartnäckigkeit preist und die Katholische Kirche wegen ihrer ungezählten Missbrauchsfälle auf die Anklagebank setzt. So viel Weisheit hätte man der Academy kaum zugetraut: Nicht der brutal-naturalistische Überwältigungstrip in Kanadas Wälder triumphiert, sondern herrlich altmodisches Erzählkino, das seine Geschichte über alles stellt.

Überraschung bei den Männern

Bei den Frauen gewannen beinahe erwartungsgemäß Brie Larson als Entführungs- und Vergewaltigungsopfer in "Room" und Alicia Vikander als aufopferungsvolle Ehefrau in "The Danish Girl". Bei den männlichen Nebendarstellern aber gab es eine faustdicke Überraschung: Nicht der dank Nostalgie-Bonus hoch gehandelte Sylvester "Rocky" Stallone siegte, sondern der Engländer Mark Rylance, der in "Bridge of Spies" einen fatalastischen russischen Spion spielt.

Zuvor erklang regelmäßig das Motorengebrüll von "Mad Max: Fury Road": Einen Oscar nach dem anderen staubte das Science-Fiction-Spektakel ab, die meisten davon in technischen Kategorien. George Millers Neuauflage des hochgetunten Wüstenausflugs dürfte trotz mageren Kassenumsatzes jetzt vielleicht doch noch eine Fortsetzung bekommen.

Kein Oscar für Patrick Vollrath

Und die Deutschen? Immerhin: Kameramann Emmanuel Lubezki hatte "The Revenant" mit Equipment aus München gefilmt. Der Kurzfilm "Alles wird gut" von Patrick Vollrath aber ging leer aus, ebenso der Berliner Filmausstatter Bernhard Henrich, nominiert für Steven Spielbergs "Bridge of Spies". Aber was soll's: Dieses Jahr hatte Hollywood nun wirklich genug mit sich selbst zu tun.

Leonardo DiCaprio: "Er [der Klimawandel] ist unsere größte Bedrohung. Lasst uns diesen Planeten nicht als selbstverständlich ansehen."

Der Umgang mit Minderheiten durchzog diesen für Oscar-Standards hochpolitischen Abend. Auch Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs forderte mit Verweis auf Martin Luther King die Anwesenden auf, Position zu beziehen und sich für Inklusion starkzumachen. Sie hatte zuvor schon Änderungen im Aufnahme-Reglement durchgesetzt: Künftig soll die so konservative Academy mehr Farbe bekommen.

Die bunte Seite Hollywoods

Und doch hat es – jedenfalls im Rückblick auf diese 88. Oscarshow – einen gewissen Ironiefaktor, dass ausgerechnet die doch so liberalen Hollywoodianer den Kopf hinhalten mussten für Versäumnisse der US-Gesellschaft. An diesem Abend war es so, als wollte die Academy die Nicht-Berücksichtigung Schwarzer gutmachen, wo immer es ging.

Chris Rock: "Wir waren damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden." Als Erklärung dafür, warum es in den 50er und 60er Jahren keine Proteste gegeben habe.

Hollywood warf sich in die Bresche für Transsexuelle ("The Danish Girl"), für Missbrauchsopfer der Katholischen Kirche ("Spotlight"), für Homosexuelle (Sam Smith, Sieger mit seinem James-Bond-Song "Writing's on the wall", stand als "stolzer schwuler Mann" auf der Bühne). US-Vize-Präsident Joe Biden rief in Zusammenhang mit der Vergewaltigungs-Doku "The Hunting Ground" dazu auf, gegen sexuelle Belästigung Front zu machen. An diesem Abend zeigte sich das sonst so weiße Hollywood von seiner bunten Seite.

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