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00:15 19.02.2014
Von Jutta Rinas
Starbariton Thomas Quasthoff überzeugte am Sonnabend als Rezitator im großen Sendesaal des NDR. Quelle: Hagemann
Hannover

Eigentlich ist die längst vergangene, große Liebe zu einer Frau gemeint. Der Dichter Heinrich Heine besingt sie in seinem berühmten „Buch der Lieder“ von 1827 in seinem Gedicht „Mir träumte einst von wildem Liebesglühen“. Als Thomas Quasthoff den gerade einmal drei Strophen langen Text jetzt bei einem Konzertabend rund um Heinrich Heine im Großen Sendesaal des NDR rezitiert, stockt manchem Zuhörer aus einem ganz anderen Grund der Atem. Zu offensichtlich lassen sich Teile von Heines Lyrik auch auf Quasthoffs Karriereende als Sänger beziehen.

Von „längst entschwundenen Liedern und Melodien“ ist da nämlich die Rede. Verse über den Schmerz und die Trauer über den Verlust des „liebsten Traumgebildes“ hört man Thomas Quasthoff rezitieren, den Mann also, der Anfang 2012 aus gesundheitlichen Gründen als Sänger seinen Abschied von der Bühne nahm. „Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh’ jetzt auch“, heißt ein berührender, ebenfalls vielfach deutbarer Vers, den Quasthoff mit seiner tiefen, klangvollen Sprechstimme und lyrischem Feingefühl liest. Und wie ist es um ihn selbst und seine „verwehte“ große Liebe, den Gesang, bestellt? Man erfährt es nicht.

Es gehört zu den Besonderheiten dieses herausragenden Konzertabends, dass Quasthoff über seine persönliche Situation nicht einmal andeutungsweise spricht. Man kennt den 54-Jährigen als jemanden, der bei Auftritten nicht nur durch seinen Gesang verzaubert, sondern sein Publikum als Conférencier auch mit kurzen Moderationen und persönlichen, oft ungewöhnlich witzigen Zwischenbemerkungen unterhält.

Diesmal beginnt er ohne jedes einführende Wort mit Heines Vorrede zur dritten Auflage des „Buches der Lieder“: „Das ist der alte Märchenwald“. Thomas Quasthoff sitzt dabei - klein gewachsen wegen seiner Contergan-Schädigung, aber mit umso größerer Bühnenpräsenz - an einem schlichten Holztisch mit Mikrofon. Neben ihm steht der Mann, der an diesem Abend seine frühere Rolle als Liedsänger einnehmen wird: der deutlich jüngere, international selbst schon renommierte Bassbariton Florian Boesch. Begleitet wird der Österreicher von Justus Zeyen, jenem hannoverschen Pianisten, der jahrzehntelang Quasthoffs künstlerischer Weggefährte war. Was ist das für eine ungewöhnliche menschliche Konstellation! Was für ein für sich selbst sprechendes Bild auf der Bühne!

Thomas Quasthoff tritt zudem zum ersten Mal seit seinem Karriereende als Sänger in einem der großen Säle in Hannover als Rezitator auf. Als Liedsänger hat er früher sogar den Kuppelsaal gefüllt. Und sein Name zieht immer noch. Auch der Große NDR-Sendesaal ist fast ausverkauft, was für einen klassischen Liederabend ungewöhnlich ist. In seiner neuen Rolle hält sich Quasthoff - vor allem im ersten Teil des Abends - aber auffallend zurück. Der Mann, der vor fast vierzig Jahren beim NDR in Hannover seine Karriere begann, arbeitet in seinen Interpretationen des „Gesprächs auf der Paderborner Heide“ oder dem „Liedchen von der Reue“ vor allem die ironischen Brechungen oder den derben Mutterwitz der Texte heraus. Erst im zweiten Teil entfaltet er mit einem grandiosen Vortrag von Heines gespenstischer „Brautnacht“ die ganze Bandbreite seines Könnens. Quasthoff rezitiert plötzlich nicht mehr nur, sondern verwandelt sich auf der Bühne mit ergreifender Wortgewalt in die unheimliche Gestalt, von der Heine schreibt. Er flüstert, schmeichelt, lästert hämisch oder schreit kurz und gellend - und verleiht so dem Mann, der sich in Heines verstörendem „Traumbild“ vom Teufel eine Braut zuführen lässt, eine zutiefst beeindruckende Mischung aus Liebesverlangen, (Todes-)Sehnsucht, tiefer Verbitterung und Groteske. Diese „Brautnacht“-Version hallt noch lange nach Quasthoffs Vortrag in einem nach.

Bassbariton Florian Boesch ist - ähnlich wie Quasthoff früher - ein Sänger, der nicht primär von der Musik, sondern vom Inhalt der Texte ausgeht. Dass er an diesem Abend Werke singt, die man fast ausnahmslos auch von Thomas Quasthoff kennt, sorgt beim Zuhören allerdings zunächst für ein merkwürdiges inneres Changieren: ein ständiges Wechseln zwischen dem sehnsüchtigen Erinnern an die große Kunst des abgetretenen - und eine zunehmende Hingabe an die große Kunst des neuen Konzertsängers auf der Bühne.

Florian Boesch ist es aber gewohnt, neben ungleich berühmteren Künstlern zu bestehen. In dem 2011 uraufgeführten Musikprojekt „The Giacomo Variations“ war der Tom-Waits-Fan singender Konterpart des US-Schauspielers John Malkovich. Als Thomas Quasthoff zurücktrat, war Boesch dessen Einspringer und bekam sehr gute Kritiken. In Hannover kann man sich spätestens in dem Moment ganz auf seine sängerischen Qualitäten einlassen, als er mit Robert Schumanns „Liederkreis op. 24“ nicht nur einige ausgewählte Lieder, sondern einen zusammenhängenden Zyklus interpretiert: Man genießt sein wunderbares Timbre, die überbordende Ausdruckspalette, mit der er Schumann interpretiert: angefangen vom fast gesprochenen Wort über fahle Einzeltöne, lyrisches Feingefühl bis hin zu dramatischen Ausbrüchen. Zwei Zugaben - Quasthoff mit Heines „Wir fahren allein im dunkeln“ und Boesch mit Schumanns „Mein Wagen rollet langsam“ - runden einen außergewöhnlichen Konzertabend ab.

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