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Kultur Im „Taxi“ nach Berlin
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00:17 17.02.2015
Von Stefan Stosch
Die Nichte des Regisseurs Panahi nahm den Preis stellvertretend entgegen: „Ich bin nicht in der Lage etwas zu sagen, ich bin zu ergriffen“. Quelle: dpa
Berlin

Wenn ein Festivaldirektor auf etwas Wert legt, dann darauf: Am Abend der Entscheidung hat der Hauptpreisträger gefälligst zu erscheinen, das ist er der Veranstaltung schuldig. Dies war anders bei der 65. Berlinale, die am Samstagabend mit der Preisverleihung zu Ende ging. Nicht nur Dieter Kosslick war klar, dass der Gewinner seinen Goldenen Bären nicht persönlich würde abholen können, so gerne er das auch getan hätte. Stattdessen tauchte ein kleines Mädchen auf, reckte die funkelnde Trophäe in die Höhe und brachte vor lauter Tränen kein Wort heraus.

Ein mutiger Filmemacher

Gerührt war in diesem Moment der ganze Saal am Potsdamer Platz: Bei dem Mädchen handelte es sich um die Nichte des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der sein Land seit Jahren nicht verlassen darf. Panahi ist zu einer (noch nicht angetretenen) Gefängnisstrafe verurteilt, steht unter Berufsverbot - und hat doch heimlich einen Film gedreht, es ist bereits sein dritter. In "Taxi" kurvt er als Chauffeur durch Teheran und lässt seine Fahrgäste über Gott, die Welt und die Ungerechtigkeit des iranischen Regimes plaudern. Ein Mutiger lässt sich das Filmen nicht verbieten und schafft es trotz aller Drangsalierungen, seine schwierige Situation in poesievolle Kunst zu verwandeln.

Diese Entscheidung der Berlinale-Jury unter ihrem Vorsitzenden Darren Aronofsky war so klug wie die Verteilung der Auszeichnungen insgesamt. Die Juroren konzentrierten sich auf Werke, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen haben. Stargespicktes Kino hatte dagegen keine Chance, und das entsprach einem Wettbewerb, der Kino von den Rändern der Welt in den Mittelpunkt rückte.

Den Mantel des Schweigens lüften

Ganz gewiss galt das für den chilenischen Beitrag "El Club", ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury. Regisseur Pablo Larraín erzählt darin bitterböse von chilenischen Priestern, über deren Verbrechen die Katholische Kirche den Mantel des Schweigens decken will. Mit "Ixcanul" (Alfred-Bauer-Preis) wurde ein Werk gepriesen, in dem eine Maya-Familie solidarisch gegen Großgrundbesitzer zusammensteht - seine beiden Hauptdarstellerinnen im ersten guatemalischen Wettbewerbsbeitrag überhaupt brachte Regisseur Jayro Bustamante gleich mit auf die Bühne. Und Patricio Guzmán wurde für sein Drehbuch zu der Dokumentation "Der Perlmuttknopf" geehrt, in der er mit viel Melancholie und in grandiosen Naturbildern sowohl von den Verbrechen an der Urbevölkerung als auch an politischen Oppositionellen in Chile berichtet.

Wollte man an dieser weisen Jury überhaupt Kritik üben, dann vielleicht diese: Sie hätte im einen oder anderen Fall klarere Akzente setzen können. Den Regiepreis teilte sie zwischen dem Rumänen Radu Jude ("Aferim!") und der Polin Małgorzata Szumowska ("Body") auf. Ebenso kamen die Kameraleute gleich von zwei Filmen für ihre herausragende künstlerische Leistung in den Bären-Genuss: Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk gewannen mit dem russichen Beitrag "Under Electric Clouds", und Sturla Brandth Grøvlen siegte mit "Victoria" - der Geschichte eines  Bankraubs in Berlin, die in einer einzigen Einstellung gedreht ist.

Letztere Trophäe war auch schon die einzige, die an einen deutschen Beitrag ging. "Victoria"-Regisseur Sebastian Schipper sowie seine Kollegen Werner Herzog ("Queen of the Desert") und Andreas Dresen ("Als wir träumten") werden es verschmerzen.

Umso cleverer war es, die Schauspielerpeise an die beiden Darsteller eines einzigen Films zu vergeben: Tom Courtenay und Charlotte Rampling spielen in "45 Years" (Regie: Andrew Haigh) ein eigentlich glückliches Ehepaar, dessen Beziehung plötzlich durch eine Nachricht aus weit zurückliegender Vergangenheit aus den Fugen gerät. Die beiden brauchen nur wenige Worte, um diese tiefe Verunsicherung begreiflich zu machen, und sie ergänzen sich dabei vortrefflich.

Ein ganz und gar politisches Festival

Der Goldene Bär für Panahi hat hoffentlich eine nachhaltige Wirkung: Er möge den Regisseur Schutz vor staatlichen Sanktionen bieten. Gewiss ist das nicht. Die iranische Regierung hatte schon vor der Berlinale ihre Missbilligung über die bloße Nominierung zum Ausdruck gebracht. Davon hat sich die Berlinale genauso wenig wie Panahi selbst beeindrucken lassen. Gemeinhin gilt die Berlinale als das politischste Festival unter den großen dreien (neben Venedig und Cannes). In diesem Jahr ist sie diesem Attribut voll und ganz gerecht geworden. Auch wenn er nicht anreisen durfte: In seinem „Taxi“ hat es Jafar Panahi doch nach Berlin geschafft.

Wo suchen Veranstalter ihre Künstler für das Maschseefest, das Langenhagener Kleinkunstfestival Mimuse oder die Kulturtage in Garbsen aus? Bei der Kulturbörse in Freiburg. Vor kritischen Beobachtern müssen die Künstler in kürzester Zeit überzeugen. Ein Messerundgang.

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Auch in diesem Jahr werden wieder auf der 65. Berlinale Filme aus aller Welt gezeigt und mit dem Goldenen Bären prämiert. Als Favoriten gelten unter anderem: Pablo Larrain "El Club“, Sebastian Schipper „Victoria“ und der Film „Taxi“ von Jafar Panahi.

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