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Welt Türken in Deutschland: Die ewigen Gäste
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12:02 23.06.2018
Mit dem Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, ist Can Mereys Vater Tosun unter den Zuwanderern aus der Türkei nicht alleine. Quelle: iStockphoto
Berlin

In der Türkei wird am morgigen Sonntag gewählt, und auf eine Wählergruppe kann Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan traditionell besonders stark bauen: Türken in Deutschland. Beim türkischen Verfassungsreferendum im April vergangenen Jahres kam Erdogans Lager bei den Wählern hierzulande fast auf eine Zweidrittelmehrheit – und damit auf ein viel besseres Ergebnis als in der Türkei selbst. Das Ergebnis löste eine heftige Diskussion über die Integration der Türken aus. Eine ähnliche Debatte könnte nun wieder bevorstehen.

Mein Vater Tosun Merey (78) gehörte lange Zeit zu dieser Gruppe der Erdogan-Unterstützer. Tosun stammt aus einer säkularen Istanbuler Fabrikantenfamilie, im Herbst 1958 kam er das erste Mal nach Deutschland – noch vor den Gastarbeitern. Er studierte in München und heiratete meine Mutter Maria, die von einem bayerischen Bauernhof stammt.

Die beiden gründeten eine Familie, in der nur Deutsch gesprochen wurde. Tosun wurde Manager in einer deutschen Firma und deutscher Staatsbürger. Sogar sein Gaumen passte sich deutschen Gepflogenheiten an: Er entwickelte eine Vorliebe für Schweinebraten und Weißbier.

Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein

Die vielen Anforderungen, die heute an Ausländer gestellt werden, damit sie sich in die Gesellschaft integrieren, hat Tosun schon vor Jahrzehnten übererfüllt. Dennoch steht mein Vater an seinem Lebensabend vor der bitteren Erkenntnis: Sein Versuch, in Deutschland eine neue Heimat zu finden, ist gescheitert. “Das Schlimme ist, immer wieder vermittelt zu bekommen, als Mensch weniger wert zu sein“, sagt er.

Mit dem Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, ist Tosun unter den Zuwanderern aus der Türkei nicht alleine. In einer Erhebung unter türkischstämmigen Bürgern in Deutschland im Jahr 2016 stimmten 54 Prozent der Befragten der Aussage zu: “Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt.“

Die AfD tut das Ihre, um dieses Gefühl zu verstärken. Der AfD-Politiker André Poggenburg sagte im Februar über die Türken in Deutschland: “Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören, weit, weit, weit hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern. Hier haben sie nichts zu suchen und zu melden.“

Ich wurde für mein Deutsch gelobt – meine Muttersprache

Tosun hat erlebt, dass Kollegen nicht mit ihm arbeiten wollten, weil er aus der Türkei stammt. Meinem Bruder wurde einst ein Kindergartenplatz verwehrt, weil er nicht “reinrassig“ ist. Das ist lange her, aber auch heute gibt es Diskriminierung: Menschen mit türkischen Namen haben statistisch nachweisbar schlechtere Chancen, eine Ausbildungsstelle, einen Job oder eine Wohnung zu finden.

Ich selbst wurde mehrfach für mein Deutsch gelobt – meine Muttersprache, mit der ich als Journalist noch dazu meinen Lebensunterhalt verdiene. Türkisch dagegen habe ich erst begonnen zu lernen, als ich für meinen Arbeitgeber – die Deutsche Presse-Agentur – vor fünf Jahren als Korrespondent nach Istanbul ging.

Damals waren die Gezi-Proteste in der Türkei in vollem Gange, und damals begannen die Diskussionen mit meinem Vater über Erdogan, die oft in Streit ausarteten – und die dazu führten, dass ich ein Buch über Tosuns Geschichte schrieb. Ich konnte nicht verstehen, dass jemand wie er, der in Deutschland Grüne oder SPD wählt, in der Türkei für Erdogan stimmt.

Das Selbstbewusstsein der Deutschtürken ist lädiert

In einem unserer Gespräche sagte Tosun den bezeichnenden Satz: “Erdogan hat mir meinen Stolz zurückgegeben.“ Ich glaube, dass vielen Deutschen das Verständnis dafür fehlt, wie lädiert das Selbstbewusstsein der Deutschtürken ist.

Mein Vater hat inzwischen mit Erdogan gebrochen, weil er ihm zu autoritär geworden ist. Tosun hat allerdings auch die Hoffnung aufgegeben, Deutschland zu seinem Zuhause zu machen, selbst wenn er immer noch oft dort ist: Er und meine Mutter Maria pendeln zwischen Bayern und Istanbul. Tosun sagt heute, er sei Türke, nicht Deutscher, wenn man ihn danach fragt. Anders verhält sich das bei Tosuns Schwester, die zum Studium in die USA ging und dort blieb: Sie sieht sich schon lange als Amerikanerin.

Integration scheitert auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft

Natürlich gibt es Türken, die sich nicht integrieren wollen, die es sich in der Opferrolle bequem gemacht haben. (Und um auch das klar zu sagen: Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge Deutschlands genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren.) Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert längst nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Das Ziel muss aus meiner Sicht sein, dass Deutschtürken sich in erster Linie als Deutsche und erst danach als Türken fühlen, dass sie Frank-Walter Steinmeier und nicht Erdogan als ihren Präsidenten ansehen. Voraussetzung dafür ist, dass ihnen das Gefühl vermittelt wird, gleichwertig zu sein. Dafür muss es zu einem Umdenken in der Mehrheitsgesellschaft kommen.

Wenn Deutsche mit türkischen Namen die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie bei der Wohnungssuche nicht mehr diskriminiert werden, wenn sie eines Tages vielleicht sogar nicht mehr dafür gelobt werden, die deutsche Sprache zu beherrschen, kurz: Wenn die Herkunft ihrer Vorfahren irgendwann keine Rolle mehr spielt, dann ist dieses Ziel erreicht.

Can Merey Quelle: dpa

Zur Person: Can Merey (45) ist ab Juli Washington-Korrespondent der DPA. Im Blessing-Verlag erschien sein Buch “Der ewige Gast“ (320 S., 17 Euro).

Von Can Merey

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