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Welt Genossenschaft baut Dorf der Zukunft
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18:55 04.10.2018
5,5 Hektar für ein großes Ziel: Bei Hitzacker will eine Genossenschaft eine Siedlung errichten – ökologisch, generationenübergreifend, integrativ. Autos sind nicht vorgesehen. Quelle: Gabriele Schulte
Hitzacker

Im Wendland treffen öfter Welten aufeinander; spätestens seit den Auseinandersetzungen um das Atomlager Gorleben ist das so. Eine starke alternative Szene hat ihren Platz in der bäuerlich geprägten, dünn besiedelten Region an der Elbe gefunden. Doch das „Interkulturelle Generationendorf“ für 300 Menschen, das gerade am Stadtrand von Hitzacker entsteht, ist sogar für den Kreis Lüchow-Dannenberg etwas ganz Neues.

Traum von der Gemeinschaft

„Hitzacker Dorf“ will Vorbild für gemeinschaftliches Leben auf dem Land sein. Arbeitsgruppen der Genossenschaft entwickeln Ideen, die auch andernorts nutzbar sind. Ein Anliegen sind ökologische und kostengünstige Musterhäuser, in denen die Bewohner relativ dicht beieinander in „verbindlicher Nachbarschaft“ leben. Jung und Alt sollen sich helfen, etwa bei Kinderbetreuung und Pflege. Mobilität wird gemeinsam organisiert. Autofahren ist im Dorf nicht vorgesehen.

Auch Arbeitsplätze werden geschaffen,es gibt Platz für Gewerbe. Bewohner könnten zum Beispiel eine Tischlerei gründen, in der im Idealfall auch Flüchtlinge beschäftigt werden. Zwischen den Häusern sollen „essbare Landschaften“ zur Versorgung der Bewohner beitragen.

In Öko-Holzhäusern sollen Alt und Jung, auch Zugezogene aus aller Welt günstig wohnen und arbeiten können. „Wir streben bei den Bewohnern je ein Drittel an“, sagt Thomas Hagelstein, Sprecher der Genossenschaft „Hitzacker Dorf“: Ein Drittel Alte, ein Drittel Junge, ein Drittel Flüchtlinge. Doch die andere Welt – ein Gewerbegebiet und eine Einfamilienhaussiedlung – liegt direkt nebenan, und das bereitet Probleme.

Planung seit Ende 2015

Stolz zeigte Hagelstein kürzlich bei einem Tag der Offenen Tür das erste der Häuser, das im Rohbau fertig ist und Ende des Jahres bezogen werden soll. Bis dahin war es ein beschwerlicher Weg, und viele Fragen sind weiter offen. Schon Ende 2015 begannen in dem idyllisch an Elbe und Jeetzel gelegenen 5000-Einwohner-Städtchen Hitzacker die Planungen für das zunächst „Dorf der Zukunft“ genannte Projekt. Genossenschaftsmitgründer Hagelstein, der einen Betrieb für ökologischen Lehmbau führt, und eine Gruppe Gleichgesinnter wollten auf einem Acker am Ortsrand gleich mehrere Träume auf einmal verwirklichen: die Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen, das Leben im Einklang mit der Natur und in Harmonie zwischen den Generationen.

Die Genossen kauften einen „Kulturbahnhof“, wo sie sich zu Sitzungen treffen, sowie einen 5,5 Hektar großen Acker, für den ein rund 30 Jahre alter Bebauungsplan vorlag. Das rief gleich skeptische Nachbarn auf den Plan: Nur ein paar Meter entfernt von den Einfamilienhäusern, fürchteten sie, entstehe ein sozialer Brennpunkt. Unter anderem auf Flugblättern, die sich in Briefkästen in Hitzacker fanden, war von solchen Ängsten die Rede. Doch bald zeigte sich, dass in absehbarer Zeit wohl keine 100 Flüchtlinge in das „Dorf“ ziehen werden. Als Hindernisse hätten sich Sprachprobleme und vor allem ein unsicherer Aufenthaltsstatus erwiesen, sagt Hagelstein.

1,4 Millionen Euro zusammen

An Geld mangelt es nicht. 1,4 Millionen Euro hat die Genossenschaft schon zusammen. Als Anfang diesen Jahres die Vorbereitungen für den Bau des ersten Hauses nicht mehr zu übersehen waren, pfiff der Gegenwind plötzlich aus der anderen Richtung, aus dem Gewerbegebiet. Dort grenzt die Fabrikhalle eines Luxemburgischen Metallgroßkonzerns an das Projekt. Der Konzern, und auch andere mehr oder weniger lärmende Betriebe, fürchteten nun, nicht mehr so viel Krach machen zu dürfen. 300 neue Bewohner in einem neuen „Dorf“ könnten wegen Störung der Nachtruhe klagen.

„Für uns kann das existenzgefährdend sein“, sagt etwa Ralf Prahler, ein Metallbauer aus dem Gewerbegebiet. Er befürchte, mit einem Öko-Dorf in der Nachbarschaft keinen Nachfolger für seinen Betrieb zu finden. „Die Firmen pochen auf Gewohnheitsrecht“, sagt Genossenschaftssprecher Thomas Hagelstein. Dabei könnten sie den Lärmausstoß schon jetzt problemlos reduzieren. Doch insbesondere der Luxemburger Großkonzern stelle sich stur und schlage sogar Angebote aus, sich eine einfach einzubauende leisere Lüftungsanlage bezahlen zu lassen.

Die Samtgemeinde Hitzacker will weder die Alteingesessenen noch die zukünftigen „Dorf“-Bewohner verprellen. „Solche Konzepte können für die Zukunft eine Bedeutung haben und vielleicht Vorbild sein für andere Bauherren“, meint Jürgen Meyer, Bürgermeister der Samtgemeinde. Hitzackers Verwaltung hat einen Kompromiss im Blick: „Man könnte eine Art Pufferzone entwickeln.“ Der alte Bebauungsplan würde dann so angepasst werden, dass in den direkt ans Gewerbegebiet angrenzenden „Dorf“-Häusern auch Gewerbe eingerichtet wird. „Grundsätzlich ist ein Nebeneinander möglich“, meint der Samtgemeindebürgermeister. Doch der angepasste Bebauungsplan werde noch Zeit in Anspruch nehmen.

Familie zieht als Erste ein

Ungeachtet solcher Unsicherheiten freut sich Sabrina Scheffold auf das neue „Dorf“. Die Waldorf-Erzieherin ist eine von momentan 160 Genossen und will mit ihren drei Kindern als Erste dort einziehen. Die Alleinerziehende freut sich auf die besondere Gemeinschaft, die das Projekt auszeichnen soll. „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein Dorf“ – von diesem Spruch halte sie viel, sagt die 38-Jährige. Scheffold lebt zurzeit in einem Nachbarort. Viele andere im Projekt sind Großstädter, kommen aus Hamburg und Berlin, Hannover und Braunschweig. Ihre Vision vom Leben in einem Öko-Dorf wollen sie – nicht zufällig – im Wendland verwirklichen.

Von Gabriele Schulte

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