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Welt Der Hakenkreuz-Skandal von Schönberg
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09:04 10.08.2018
„Es macht mich fassungslos, wie der Tod eines Kindes hier von Nationalsozialisten missbraucht wird“: Hakenkreuz-Schmiererei am Unfallort in Schönberg. Quelle: Foto: privat
Schönberg

Es sind viele gekommen, knapp 100 Menschen, hierher, zu diesem Supermarktparkplatz an der Dassower Straße in Schönberg, Nordwestmecklenburg, zu dieser Mahnwache am späten Donnerstagnachmittag. Sie haben Blumen dabei, weiße und gelbe Rosen, und weiße und gelbe Ballons, und auch ein Plakat. „Hier ist ein Kind gestorben. Wir trauern“, steht darauf.

Zwei Polizeiwagen halten sich im Hintergrund. Trauern unter Polizeischutz. Man weiß ja nie, wer kommt.

Es müsste nun ganz still sein. Das wäre angemessen. Aber es ist natürlich nicht still. Es ist die Ausfallstraße Richtung Dassow, Autos rauschen vorbei, oder sie rollen auf die Parkplätze, drüben zu Lidl oder gleich hinter den Menschen mit den Blumen zu Netto. Einkäufe werden verladen, Kofferräume zugeschlagen. Wie könnte es anders sein.

„Hier ist ein Kind gestorben“: Etwa 100 Schönberger trauern bei einer Mahnwache am Donnerstag um den verstorbenen Jungen – und setzen ein Zeichen gegen Ausländerhass. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Vor sieben Wochen, am 20. Juni, wurde hier ein Junge überfahren. Mazen war neun, er war mit dem Rad unterwegs. Der Radweg ist hier breit genug, 2,50 Meter, aber vielleicht alberte er ein wenig herum, oder er wollte so schnell sein wie sein großer Bruder, der Radrennen fährt. Jedenfalls geriet er an den Straßenrand. Den Traktor konnte er nicht sehen.

Mazen starb drei Tage später im Krankenhaus.

Ein tragischer Unfall. Aber genau genommen sind die Menschen mit den Blumen an diesem Tag nicht deshalb hier. Sondern wegen dem, was danach geschah. Zweieinhalb Wochen später, am 8. Juli, taucht ein Hakenkreuz an der Stelle auf, wo Mazen verunglückte. Es ist mit weißer Kreide auf den Gehsteig gemalt, Freunde der Familie können es rasch entfernen. An Zufall konnte schon da niemand glauben. Mazen war das Kind einer syrischen Familie, die 2015 nach Deutschland floh. Das war bekannt.

Knapp drei Wochen später, am 28. Juli, entdecken sie dann ein weiteres Hakenkreuz, ergänzt um den Zusatz „1:0“. Als hätten die Täter jedem endgültig klarmachen wollen, um welche unfassbar zynische Botschaft es ihnen ging.

Diesmal ist das Hakenkreuz mit weißer Farbe auf den Gehsteig gesprüht. Unbekannte versuchten zwischenzeitlich, die Hassbotschaft mit Kreide umzudeuten. Sie übermalten das Hakenkreuz mit Blumen, einem Hüpfspiel und einem Friedenszeichen. Aber es lässt sich nicht mehr so leicht entfernen. Nicht vom Pflaster und nicht aus den Köpfen der Eltern, der Freunde und vieler Bürger in Schönberg.

Unbekannte machen aus der Hassbotschaft mit Kreide ein Friedenszeichen. Quelle: privat

100 Menschen setzen Zeichen

„Ich bin einfach schockiert, es ist so schamlos, was hier passiert ist“, sagt Sophie Sandmann, 18-jährige Abiturientin aus Schönberg, bei der Mahnwache an diesem Nachmittag. Effrem Fesshaye stammt aus Eritrea, er hatte das zweite Hakenkreuz entdeckt, als er vom Einkaufen kam, er alarmierte sofort Unterstützer. „Hier müssen den ganzen Tag an dem Hakenkreuz viele andere vorbeigekommen sein, ohne etwas zu unternehmen. Das schockiert mich am meisten“, sagt er.

Eine Politikerin hält eine kurze Rede. „Es macht mich fassungslos, wie der Tod eines Kindes hier von Nationalsozialisten missbraucht wird“, sagt Simone Oldenburger, Fraktionschefin der Linken im Landtag. Sie hatte die Idee zu der Aktion. Dann hat sie den Bürgermeister angerufen. Der war einverstanden. Am Rand steht eine Frau von der CDU. Sie tue sich ja schwer mit der Linken, sagt sie. „Aber Parteigrenzen dürfen an diesem Tag mal nicht wichtig sein.“ Man kann sagen: Knapp 100 Schönberger setzen an diesem Tag mal ein ganz ordentliches Zeichen. Reicht das?

Die Geschichte der Hakenkreuze auf dem Gehsteig von Schönberg, das ist die Geschichte eines eher kleinen Verbrechens, einerseits. Hakenkreuzschmierereien an Flüchtlingsheimen, Mauern, Briefkästen, das ist auf eine Art deprimierender Alltag in Deutschland. Nichts, das es normalerweise in die Schlagzeilen der überregionalen Medien schafft. Die Verfassungsschützer listen jedes Jahr Tausende solcher Delikte auf.

Aber andererseits ist dies eben auch ein besonders schweres Verbrechen. Eines, dessen Brutalität sich mit den Kategorien des Strafrechts kaum erfassen lässt. Der zur Schau gestellte Triumph angesichts eines toten Kindes, das ist, im traurigsten Sinne, eine besondere Form der Verrohung, der Grausamkeit. „Eine widerwärtige Tat“ nannte Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die Schmierereien. „Eine erschütternde Verhöhnung des Opfers“, sagte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) über das Verbrechen.

Und in Schönberg, der 4600-Einwohner-Kleinstadt im Nordwesten Mecklenburgs, fragen sie sich nun: Wer macht so was? Tatsächlich diese beiden jungen Männer aus Schönberg, die die Polizei gerade als Verdächtige ermittelt hat? Und warum gerade hier?

„Das will mir nicht in den Kopf“: Schönbergs Bürgermeister Lutz Götze. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Am Vormittag, sieben Stunden vor der Mahnwache, steht Schönbergs Bürgermeister an der Stelle des Unglücks an der Dassower Straße. Lutz Götze ist 68, parteilos, Fahrlehrer. Wo das Hakenkreuz war, hat die Stadt die Pflastersteine mittlerweile ausgetauscht. Daneben Blumen, von der Sonne ausgedörrt, ausgebrannte Grabkerzen, die an Mazen erinnern sollten. Was Lutz Götze gedacht hat, als er von den Hakenkreuzen erfuhr? Er war im Urlaub, sagt er, erhielt einen Anruf, aber glauben konnte er es zunächst nicht. „Das will mir nicht in den Kopf“, sagt er heute. „Ich verstehe nicht, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Und ich sehe hier auch keinen Nährboden für ein solches Denken.“

Tatsächlich ist Schönberg ja kein typischer Ort für eine solche Tat. Keiner, wo man sagt: na klar, Schönberg. Vor ein paar Jahren gab es mal ein Hakenkreuze in einer Bushaltestelle, das ist alles, woran sich Götze erinnern kann. In Grevesmühlen, 25 Kilometer entfernt, gibt es das Thing-Haus, einen rechtsextremen Treffpunkt. Jamel, das man das Nazi-Dorf nennt, ist knapp 40 Kilometer weg. In Schönberg gibt es keine rechte Szene. Sagen der Bürgermeister, der Innenminister, der Verfassungsschutz.

„Gemein und verletzend“

Was es stattdessen gibt: eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten des Landes. Städte in guter Pendelnähe, Lübeck, Schwerin, auch Hamburg. Fünf Ärzte, Supermärkte, Naturbad, ein Musikfestival, den Schönberger Musiksommer, Bahnanschluss. Alles keine guten Zutaten, um jenes Gefühl von Benachteiligung zu entwickeln, aus dem sich Fremdenhass meist speist. Und es gibt ein sehr aktives Flüchtlingshilfenetzwerk in der Region, bleib.mensch heißt es. Ulla Hardt ist eine der Sprecherinnen, eine Architektin, ursprünglich aus Hessen, die seit 25 Jahren hier lebt, sie kümmert sich seit Langem auch um Mazens Familie. Am Tag vor der Mahnwache sitzt sie am Markt von Schönberg, niedrige, alte Häuser, Fachwerk, Backstein, Kopfsteinpflaster, und sagt: „Ich lasse mich nicht leicht erschüttern. Aber das hier hat mich doch getroffen. Weil es so gemein ist, so verletzend.“

„Ich lasse mich nicht leicht erschüttern. Aber das hier hat mich doch getroffen“: Flüchtlingshelferin Ulla Hardt. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Ulla Hardt stockt einen Moment, sie muss sich konzentrieren, um weiterzusprechen.

Flüchtlingshilfe ist nirgendwo leicht, auch nicht hier, in Westmecklenburg. Sie hat in anderen Orten, nicht in Schönberg, erlebt, wie Nachbarn Böller in Briefkästen explodieren ließen, sie hat viele dumme Bemerkungen gehört. Aber sie hat auch erlebt, wie die Kinder des Böllerzünders und die Kinder der Flüchtlinge später Freunde wurden. „Die persönliche Begegnung hilft sehr“, sagt sie. Und genau die habe es in Schönberg immer gegeben. 40 syrische Flüchtlinge leben hier. „Wir haben gerade den Familien mit Kindern immer gesagt, bleibt die ersten Jahre in Schönberg, da könnt ihr gut starten.“ Lange schien das ein guter Rat zu sein.

Auch für Mazens Familie lief es ja gut in Schönberg. Sie möchten jetzt, nach dem Tod ihres Kindes, den Hakenkreuzen und dem Besuch eines Boulevardblattes mit niemandem reden. Aber was man sagen kann, ist, dass der Hass eine Familie traf, die auf einem guten Weg zu sein schien. Der Vater kam 2015 aus Idlib nach Deutschland, zunächst nur mit einem Sohn, dann folgte die Mutter mit den weiteren vier Kindern. Mazen ging in die dritte Klasse, er hatte es nicht weit zur Grundschule, sein größerer Bruder fährt Radrennen im Verein, der Vater arbeitet als Lkw-Fahrer.

Als sei der Tod ein Treffer

„Was sie besonders verletzt hat, das war dieses 1:0“, sagt Mohammad Zakaria, ein 21-Jähriger, der ebenfalls aus Syrien stammt, aus Aleppo, er ist ein Freund des älteren Bruders. Da war also zuerst der Unfalltod des Kindes, das größtmögliche Unglück für alle Eltern. „Das hat sie extrem erschüttert“, sagt Mohammad. Und dann dieses 1:0. Als sei der Tod dieses Kindes ein Treffer. Einer, dem weitere Treffer folgen sollen. Man konnte diese Aufschrift als Triumph verstehen. Und als Drohung.

„Was sie besonders verletzt hat, das war dieses 1:0“: Mohammad Zakaria und Laura. Quelle: Thorsten Fuchs

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Schwerin hat der Staatsschutz zwei Verdächtige ermittelt, zwei Männer, 22 und 23, aus Schönberg. Zeugen belasten sie. Aber die Farbdose hat die Polizei bei ihnen nicht gefunden. Aus Justizkreisen in Schwerin heißt es, man sei sich wirklich noch nicht sicher, die Ermittlungen liefen. Die beiden jedenfalls gehörten nicht zur rechten Szene. Unbeschriebene Blätter, bislang.

Mohammad sagt, er hoffe, dass die Täter nun schnell gefunden würden. Er sagt aber auch, dass die Schmierereien seinen Blick auf das Leben in Schönberg nicht verändern würden.

Er ist über das Mittelmeer gekommen, allein, aus dem Krieg, er hat viel Leid gesehen. Hier, sagt er in fließendem Deutsch, habe er Freunde, mit seiner Freundin ist er gerade auf dem Weg ins Schwimmbad. In Syrien hat er das Abitur gemacht, hier hofft er auf eine Ausbildung, vielleicht ein Studium, „am liebsten etwas mit IT“. Solche Menschen, sagt er noch, gebe es eben überall. Es liegt ein Stück Gelassenheit darin, oder vielleicht auch einfach Realismus.

Nach einer halben Stunde löst sich die Mahnwache auf. Wo Mazen starb, bleiben Blumen zurück, eine brennende Kerze.

Wo die Hakenkreuze waren, kann man im Pflaster noch immer gut erkennen. Die neuen Steine, die die Stadt verlegt hat, sind dunkler als die anderen, wie eine runde Markierung ohne Inhalt. Es wird noch lange dauern, bis die Sonne sie so ausgeblichen hat wie die alten, ganz so, als sei hier nichts geschehen.

Von Thorsten Fuchs

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