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Goldener Bär für rumänischen Film „Touch me not“

Berlinale 2018 Goldener Bär für rumänischen Film „Touch me not“

Ein deutscher Jury-Präsident und vier deutsche Bären-Kandidaten: Was sollte da schon schief gehen aus Sicht der Berlinale? Alles. Als sich die lange Reihe der Bären-Trophäen im Berlinale-Palast am Sonnabend Abend komplett gelichtet hatte, war immer noch kein einziger deutscher Name ausgerufen worden.

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Szene mit Laura Benson aus dem Film „Touch me not“.

Quelle: Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger

Berlin. Tom Tykwer und seine Jury hatten es tatsächlich fertig gebracht, Vertreter des Gastgeberlandes gänzlich zu übersehen.

Dies zu kritisieren, hat nichts mit verletztem nationalen Stolz zu tun. Eine Berlinale ist keine Fußball-Weltmeisterschaft, sondern eine Versammlung von Individualisten. Und doch: Die Deutschen um Christian Petzold, Emily Atef und Co. hatten diesen 68. Wettbewerb geradezu choreographiert mit ihren so unterschiedlichen und auch preiswürdigen Beiträgen.

So ging der Goldene Bär an das Regiedebüt „Touch Me Not“ der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie – und damit an einen Essayfilm über unsere Schwierigkeiten mit Intimität, eine Art Therapiestunde gegen die Angst vor Berührung. Er handelt von einer 50-jährige Frau, die ihrer Scheu vor Nähe Abhilfe zu schaffen versucht durch Begegnungen mit einer Transfrau, einem sanften Sadomaso-Spezialisten oder auch einem Callboy, dem sie beim Onanieren zuschaut.

Manche hatten versuchten, „Touch Me Not“ zum Skandalfilm hochzujazzen. Das ist diese vorsichtiger Körpererkundung sicher nicht. Ein Mann, der an einer Muskelschwunderkrankung leidet, ist hier derjenige, der seine Sexualität am lustvollsten auslebt. Die Regisseurin, auch noch ausgezeichnet für den besten Erstlingsfilm, ist in ihrer Heimat als Kuratorin für das Bukarester Festival für Experimentalfilme tätig.

Warum nur erhielt dieser Film die wichtigste Auszeichnung

Warum nur erhielt dieser Film die wichtigste Auszeichnung? Die Regisseurin Adina Pintilie mit dem Goldenen Bär für „Touch me not“.

Quelle: dpa

Aber warum bloß erhielt gerade dieses Werk die wichtigste Auszeichnung? Womöglich hat ihm die „MeToo“-Debatte diese ungeahnte Aufmerksamkeit verschafft. Vielfach war bei diesem Festival ein neues Bewusstsein für Körper und Sex gefordert geworden, hier arbeitete jemand daran. Einverstanden muss man mit diesem Goldenen Bären aber keinesfalls sein.

Den Großen Jury-Preis holte sich die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska. Sie erzählt in „Twarz“ (Gesicht) von einem verunglückten Mann, der nach einer Gesichtsoperation von den Bewohnern seines Dorfes abgelehnt wird. Die satirisch unterfütterte Provinzposse über Nationalismus, Katholizismus und Hass auf alles Fremde ist gewiss ein hoch aktueller Film aus dem heutigen Polen. Aber auch in diesem Fall hätte es eine Reihe anderer Optionen gegeben.

Geduldig ließ US-Star Bill Murray noch einmal die für ihn unverständlichen Späße von Anke Engelke über sich ergehen, so wie schon bei der Berlinale-Eröffnung: Er saß stellvertretend für Wes Anderson im Publikum und nahm den Regiepreis für den mit hinreißender Liebe zum Detail inszenierten Stop-Motion-Film „Isle of Dogs“ entgegen. „Ich hätte nie gedacht, einmal als Hund zu arbeiten und dann mit einem Bären nach Hause zu fahren“, so Murray.

Das Drama „Las Herederas“ (Die Erbinnen) aus Paraguay wurde gleich doppelt ausgezeichnet: mit dem Darstellerinnen-Preis für Ana Brun sowie dem Alfred-Bauer-Preis für ein Werk, das neue künstlerische Perspektiven eröffnet. Das war ein klares Statement für die vielen starken Frauenfiguren, die dieses Festival geprägt haben. In „Las Herederas“ (Regie: Marcelo Martinessi) entdeckt eine in Würde verarmte Seniorin, dass das Leben doch noch etwas für sie bereithalten könnte.

Bei den Männern gewann Anthony Bajon: Er spielt im französischen Film „La Prière“ (Regie: Cédric Kahn) einen heruntergekommenen Junkie, der eine letzte Chance in einem kirchlichen Heim am Fuße der Pyrinäen bekommt. Mit Glauben gegen Heroin: Überzeugend verkörperte der 1994 geborene Schauspieler diese schwierige Aufgabe.

Der Drehbuchpreis ging an Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios für „Museo“ (Museum). Das ausgelassene Roadmovie mit Gael García Bernal über einen spektakulären Kunstraub beschäftigt sich eher nebenbei auch mit dem drohenden Verlust des kulturellen Erbes Mexikos. Über die Auszeichnung für eine künstlerische Leistung darf sich Kostümdesignerin Elena Okopnaya freuen, die das russische Kunstlerporträt „Dovlatov“ veredelte.

Die Preise stünden nicht nur dafür, was das Kino kann, sondern auch dafür, „wohin es noch gehen kann“, hatte Jury-Präsident Tom Tykwer zu Beginn der Preisgala verkündet. Schwer zu sagen, was er und seine Mitstreiter (die US-Produzentin Adele Romanski, der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto, die US-Kritikerin Stephanie Zacharek, der spanische Kinematheks-Chef Chema Prado und die belgische Schauspielerin Cécile de France) damit gemeint haben.

Von Stefan Stosch/RND

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