Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Welt Gefangen zwischen Schlaf und Erwachen
Mehr Welt Gefangen zwischen Schlaf und Erwachen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:01 14.06.2018
Mondsüchtig? Früher dachte man, dass das Licht des Vollmonds die Menschen aus dem Schlaf lockt. Quelle: iStock
Hannover

Sie verlassen das Bett, ohne aufzuwachen, und laufen im Haus umher – mit geöffneten Augen, doch ohne zu sehen. Manche bereiten sich Mahlzeiten zu, andere klettern aus dem Fenster. Sobald sie am nächsten Morgen erwachen, können sie sich an nichts mehr davon erinnern. Schlafwandler sind gar nicht so selten: 1 bis 4 Prozent der Erwachsenen neigen dazu, im Schlaf aktiv zu werden. Noch häufiger kommt das Phänomen bei Kindern vor: Von ihnen schlafwandeln gut 12 Prozent.

Früher glaubte man, es sei das Licht des Vollmonds, das Schlafwandler aus ihren Betten lockt, und man sprach auch von Mondsucht. Inzwischen gilt das als überholt. Wie es tatsächlich zum Schlafwandeln kommt, versteht man bis heute aber nur in Ansätzen.

Schlafwandeln beginnt an der Schwelle vom Tief- zum Leichtschlaf

Schlafmediziner wie Inka Tuin können zumindest genauer beschreiben, was dabei in unserem Kopf vorgeht. In der Schlafambulanz der Universitätsklinik Mainz misst sie regelmäßig die Hirnströme von Schlafwandlern. In einem so erstellten Diagramm gehen den nächtlichen Handlungen große, gleichmäßige Wellen voraus: ein Muster, das typisch für eine Phase tiefen Schlafs ist. Dann verändert sich das Bild und zeigt kleinere, weniger gleichförmige Ausschläge an, was für leichtere Schlafphasen steht – die Schläfer werden aktiv. „Wir wissen, dass Schlafwandeln an der Schwelle vom Tiefschlaf zum Leichtschlaf beginnt“, sagt Tuin. Es gilt daher auch als Aufwachstörung.

Schlafforscher gehen davon aus, dass Reize wie Harndrang oder Geräusche die Schläfer aus dem Tiefschlaf holen, diese aber nicht vollständig erwachen. Stattdessen verharren sie in einem Zwischenzustand. Das Problem: Mittels Infrarotvideo lassen sich zwar die nächtlichen Aktivitäten der Schlafwandler erkennen. Sobald aber die Phase des Schlafwandelns begonnen hat, lassen sich die Hirnströme nicht mehr sauber überwachen. „Sie sind dann meist nur noch schwer zu erkennen“, sagt Tuin.

Mit dem Teddy durch die Wohnung – kein seltenes Bild bei schlafwandelnden Kindern. Quelle: picture alliance/Jens Kalaene

Was man weiß: Schlafwandler spielen im Schlaf Bewegungsmuster ab, die ihnen aus dem Wachzustand bekannt sind. „In der Regel führen die meisten daher ganz normale Handlungen aus“, sagt die Forscherin. Das heißt: Anstatt auf Dächer zu klettern, setzen sie sich in den Fernsehsessel, stellen sich an den Herd, räumen auf oder gehen zur Toilette. Nur dass sie dabei nicht ganz bei der Sache sind. Sie legen den Autoschlüssel in den Eisschrank, versuchen, sich einen Turnschuh zu braten, oder verwechseln den Papierkorb mit dem WC. „All das sind aber schon komplexere Formen. Eine einfache Variante des Schlafwandelns wäre, sich im Bett aufzusetzen und zu reden – ohne sich dessen bewusst zu sein. Bei vielen Betroffenen geht es darüber nicht hinaus“, sagt Tuin. Und: „Wenn jemand nur wenig aktiv ist, dann ist Schlafwandeln an sich nichts Schlimmes.“

Sicherheitsmaßnahmen schützen aktive Schlafwandler

In anderen Fällen kann es durchaus gefährlich werden. Einer von Tuins Patienten brach sich gleich mehrere Knochen, als er schlafend aus dem Fenster im zweiten Stock fiel. Und ein junger Mann hatte nach dem Tod seiner Mutter begonnen zu schlafwandeln. Eines Nachts lief er durch die Scheibe einer Glastür und zog sich unangenehme Schnittwunden zu.

Wenn jemand sehr aktiv schlafwandelt, sollte man Sicherheitsmaßnahmen ergreifen: Fenster sollte man nicht ohne Weiteres öffnen können, gefährliche Gegenstände gilt es vom Bett wegzustellen, und notfalls Türen abzuschließen. „Schlafwandler, die sich selbst oder andere gefährden, sollten sich außerdem behandeln lassen – genau wie solche, die deshalb tagsüber ständig müde und dadurch beeinträchtigt sind“, sagt Tuin. Wichtig sei es dann, nach möglichen Auslösern für das Schlafwandeln zu suchen. So ist eine gewisse genetische Veranlagung zum Schlafwandeln erblich. Gleichzeitig weiß man aber auch, dass sogenannte Trigger es hervorrufen können.

Psychischer Stress kann das Schlafwandeln hervorrufen

Dazu zählen Schlafmangel, alkoholische Getränke, bestimmte Antidepressiva und großer beruflicher oder privater Stress. Im Labor lässt sich zudem eine körperliche Ursache für das Symptom ausschließen: In einigen Fällen löst eine Apnoe, eine Atemstörung während des Schlafens, die nächtliche Unruhe aus. Wird sie erfolgreich behandelt, verschwindet auch die nächtliche Aktivität. „Ist psychischer Stress der Grund für das Schlafwandeln, kann möglicherweise eine Psychotherapie helfen, besser mit diesen Belastungen zurechtzukommen. Wobei das aber nicht heißt, dass jemand, der schlafwandelt, psychisch krank ist“, betont Tuin. Dies deutet auch nicht unbedingt auf andere Krankheiten hin.

In einem Schlaflabor können nicht nur die Schlafphasen gemessen werden, sondern auch mögliche Atemaussetzer, die zu nächtlicher Unruhe führen können. Quelle: picture alliance

Anders ist das bei der sogenannten REM-Schlafverhaltensstörung: Sie tritt häufig bei neurologischen Leiden wie Parkinson oder Alzheimer auf sowie bei schweren psychiatrischen Störungen. Menschen mit dieser Störung bewegen sich ebenfalls im Schlaf, sind dabei oft aggressiv, schlagen und treten um sich, weil sie schlechte Träume „ausleben“. Sie verlassen aber meist nicht das Bett.

Medikamente können Schlafwandlern helfen

Echtes Schlafwandeln lässt sich auch mit Medikamenten behandeln, wenn andere Versuche erfolglos bleiben. „Wir wissen, dass Antidepressiva, die den Spiegel des körpereigenen Hormons Serotonin erhöhen, Schlafwandeln auslösen können. Antidepressiva mit anderen Wirkmechanismen können es hingegen verhindern und werden zur Behandlung eingesetzt“, sagt Tuin. Allerdings werde nur sehr niedrig dosiert, die Stimmung der Patienten beeinflusse das nicht.

Für die Angehörigen der Schlafwandler hat Tuin einen Tipp: „Sicher hat jeder schon einmal gehört, dass man Schlafwandler nicht unsanft wecken sollte. Das ist völlig richtig, denn das führt nur zu großer Verwirrung. Es ist auch nicht nötig: Die meisten finden ohnehin irgendwann von selbst wieder ins Bett.“

Der problematische Schlaf

Die Deutschen schlafen nicht gut: 80 Prozent der Berufstätigen geben laut dem DAK-Gesundheitsreport 2017 an, unter Problemen beim Ein- oder Durchschlafen zu leiden. Seit dem Jahr 2010 sind diese Störungen bei den Berufstätigen zwischen 35 und 65Jahren um 66 Prozent gestiegen. An der Insomnia, einer ausgeprägten Schlaflosigkeit, leidet jeder zehnte Arbeitnehmer.

Ursachen für die zunehmenden Schlafprobleme sind Termin- und Leistungsdruck. Aber auch die Computernutzung oder das lange Fernsehen vor dem Zubettgehen führt laut DAK zu Störungen.

Jeder zweite Berufstätige, der keinen ausreichenden oder erholsamen Schlaf findet, kauft Schlafmittel ohne Rezept. Experten empfehlen, die Probleme ernst zu nehmen und sich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Von Irene Habich/RND

Die Bremer Staatsanwaltschaft will Verstöße gegen das Asylgesetz und einen Korruptionsverdacht aufklären. Für diesen umfangreichen Komplex ist sie aber personell noch nicht gerüstet.

14.06.2018

Jan Brandt aus Bad Pyrmont hat den Bundeswettbewerb „Bester Krankenpflegeschüler Deutschlands“ gewonnen. Der Niedersachse musste sein Können in Theorie und Praxis beweisen.

17.06.2018

Es ist die erwartete Reaktion: Als Konsequenz auf die Strafzölle der USA erhebt die Europäische Union eigene Zölle auf US-Produkte.

14.06.2018