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Welt Fremder Leute Müll einfach liegen lassen? Das kann dieses Paar nicht
Mehr Welt Fremder Leute Müll einfach liegen lassen? Das kann dieses Paar nicht
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13:26 23.11.2018
Margrit und Erwin Prochnow auf einer ihrer Sammeltouren: „Wir konnten das nicht mit ansehen.“ Quelle: Michael Stamp
Bad Segeberg

673 Schnapsflaschen lagen in der Hecke. In Worten: sechshundertdreiundsiebzig. Garniert wurde das Altglas mit (benutzten) Kondomen und diversen Spritzbestecken. Dieses umfangreiche Sortiment haben Margrit und Erwin Prochnow an einem einzigen Tag auf dem Gelände einer Diskothek in Bad Segeberg gesammelt. Müll einfach liegen lassen? Das können die beiden Senioren nicht. Seit Jahrzehnten heben sie all das auf, was ihre Mitmenschen gedankenlos wegwerfen. Ob im Urlaub auf Fuerteventura, in ihrer ehemaligen Heimat an der Nordsee oder in ihrem neuen Zuhause in Bad Segeberg. Meist ernten die freiwilligen Müllsammler dafür Lob – aber nicht immer.

Die Prochnows stammen aus Ostrohe, einer 1000-Seelen-Gemeinde in Dithmarschen. Dort war Erwin Prochnow als „radelnder Bürgermeister“ bekannt, der 16 Jahre lang ehrenamtlich die Amtsgeschäfte leitete und stets mit Drahtesel durch den Ort kurvte. Als die Prochnows einst Urlaub auf den Kanaren machten, landete der Müll aus dem Atlantik direkt vor ihren Füßen. „Da wurde haufenweise Plastik angeschwemmt“, sagt Erwin Prochnow. „Wir konnten das nicht mit ansehen.“ Haben sie auch nicht. Wenig später steckte das Plastik in Müllbeuteln. „Müssen Sie das tun?“, fragten einige Passanten besorgt. Der heute 81-Jährige ließ seinen trockenen Humor aufblitzen: „Wir haben einen Auftrag vom Umweltminister in Madrid. Dann dürfen wir auch wiederkommen.“

Auch in Büsum, wo die Prochnows 20 Jahre lang wohnten, lag jede Menge Unrat am Strand. „Die Nordsee will den Dreck auch nicht haben und spuckt ihn wieder aus“, sagt Margrit Prochnow (75). „Unsere Wiesen und Wälder können das nicht.“ Also ziehen die Prochnows mindestens zweimal pro Woche los.

Seit 2016 wohnen sie in Bad Segeberg mit Blick auf den Großen Segeberger See. Sie sind somit nur wenige Schritte von der Natur entfernt – und dem unvermeidlichen Müll.

Die Prochnows kennen die Schmuddelecken der Stadt wohl besser als jeder andere. Wobei gerade entlang der idyllischen Wanderwege so manche Flasche im Gebüsch landet. Auf einem Stück der Strecke um den Großen Segeberger See haben die Rentner bei einem ihrer ersten Spaziergänge sage und schreibe 113 Wodkaflaschen entdeckt. „Die lagen da wie gesät“, sagt Margrit Prochnow. Tags darauf kehrten sie mit Müllbeuteln zurück.

Gäbe es die Sendung „Wetten, dass…?“ noch – die Prochnows könnten wohl problemlos erraten, in welchem Teil der Stadt welcher Müll zu finden ist. Im Landratspark sind kleine Magenbitterflaschen en vogue, anderswo steht man mehr auf Wodka, und an der Seepromenade liegen etliche Zigarettenkippen unter den Sitzbänken, obwohl direkt daneben Papierkörbe stehen.

Verärgert waren die Prochnows, als sie beim städtischen Bauhof um ein paar kostenlose Müllsäcke baten und von einem Mitarbeiter regelrecht abgebürstet wurden. Er unterstellte ihnen, die Beutel für ihren Privatmüll nutzen zu wollen – obwohl das Ehepaar bei der Stadtverwaltung inzwischen bestens bekannt ist. Außerdem gab es eine Diskussion, ob man an Kreis-, Landes- oder Bundesstraßen überhaupt sammeln darf. Wenig später erhielten sie einen Brief, in dem Bürgermeister Dieter Schönfeld um Verzeihung für den unschönen Zwischenfall bat und zugleich das Engagement der beiden Rentner lobte. Die Müllsäcke gab es obendrein.

Manche Passanten schauen betreten weg, wenn Margrit und Erwin Prochnow den Müll vom Wegesrand sammeln. Andere reagieren sehr nett – so wie Busfahrer Jan Anton, ein führendes Mitglied der arabisch-evangelischen Gemeinde in Bad Segeberg. Er hatte die Prochnows bei seinen Touren schon des Öfteren bei ihrem ungewöhnlichen Hobby beobachtet. Eines Tages stieg er aus, dankte ihnen und überreichte eine kleine Bibel, versehen mit einer persönlichen Widmung: „Ich finde Ihre Arbeit eine Gnade.“

Von Michael Stamp

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