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Welt „Leto“ – Von den Beatles der Sowjetunion
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06:00 07.11.2018
Der Sommer, in dem es anfing: Viktor Zoi (Teo Yoo, 2. v. l.) im Kreis seiner Band Kino, die unter Regie von Kirill Serebrennikov Kinoreife erlangt. Quelle: Foto: Weltkino
Hannover

Einer fehlte bei der Premiere in Cannes – der Regisseur des Films „Leto“. Bei der Pressekonferenz blieb Kirill Serebrennikows Stuhl unbesetzt. Sein Name stand denonstrativ auf dem Schild. Das Festival hatte Wladimir Putin gebeten, den gerichtlich angeordneten Hausarrest gegen den Regisseur aufzuheben, die Antwort war: Gerne, aber geht nicht. Ein Präsident könne sich doch nicht über die unabhängige russische Justiz stellen.

Der Regisseur steht unter Hausarrest – Vorwurf der Unterschlagung

Die Geschichte des Regisseurs bietet möglicherweise Stoff für einen Politthriller. Mit drei anderen Theaterleuten - Sofia Apfelbaum, Jurij Itin und Alexej Malobrodskij - soll Serebrennikow Fördergeld unterschlagen haben. Von 2,7 Millionen Euro ist die Rede. Die Theatermanagerin Apfelbaum habe Subventionen bewilligt, die über Scheinfirmen in die Taschen der drei Künstler geflossen seien. Ein Teil der Vorwürfe ist absurd: Stücke die nie produziert worden sein sollen, stehen offen auf Spielplänen, werden auch gespielt, besucht, diskutiert.

Systemkritiker glauben, dass ein Exempel gegen ein zukunftsgewandtes Theater statuiert werden soll. Das Gogol-Zentrum Serebrennikows gilt als Versuchslabor für Bühnenexperimente. Der neue Kultusminister Wladimir Medinskij verficht dagegen „traditionelle Werte“. Gerade erst wurde Serebrennikows Hausarrest bis April 2019 verlängert. Immerhin inszenierte er aus der Ferne Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Così fan tutte“ für Zürich.

Womöglich mag man in kontrollfreudigen Ländern Filme wie „Leto“ nicht, die schon die Buchstaben ihres Titelschriftzugs hüpfen lassen. Zu Beginn steigen zwei junge Frauen frech über Hinterhöfe in einen Konzertsaal ein, um keinen Eintritt zahlen zu müssen. Gitarren maunzen, Schlagzeuger testen die Felle, wir werden zurückgeworfen in das Prä-Perestroika-Leningrad des Jahres 1980. Wo Bands rockten, obwohl der Rock ’n’ Roll offiziell ungelitten war - als Ausdruck westlicher Dekadenz und kapitalistischer Ausbeutung.

Der gebürtige Kölner Teo Yoo ist charismatisch als Viktor Zoi

Wo dann auch die staatlichen Aufpasser mit strengem Blick den Sänger Mayk fokussieren (Roman Bilyk, im wahren Leben Frontmann der russischen Band Zveri). Das Publikum hat lange Haare, die Lust auf Bewegung, Tanzen, Ausflippen steht in den Gesichtern geschrieben. Wehe aber, wenn einer in den Sitzreihen zu sehr zuckt. Dann kommt der Saalordner stoppt das Wippen der Kniee und Füße. Keine Ekstase, bitte.

Erzählt wird – reichlich fiktionalisiert – das Leben des 1990 bei einem Autounfall tödlich verunglückten russischen Rockstars Victor Zoi, Sänger der Band Kino (charismatisch gespielt von dem in Köln geborenen Schauspieler Teo Yoo). So ähnlich wie der Regisseur die Jugendkultur seines Landes zeigt, war das bei uns auch mal. Als die Alten die Sounds der Jungen als Untergang des Abendlands verdammten, aber nichts machen konnten gegen die jugendliche Leidenschaft (gepaart mit Kaufkraft). Als Elvis die Hüften kreisen ließ, die Beatles „Yeah, Yeah, Yeah“ plärrten und Johnny Rotten sein „I am the Antichrist“ mehr in die Saalnacht spuckte als sang.

„Ich sag’s dir: Du bist ein Miststück!“ röhrt Mayk hier nun ins Mikrofon. Und seine Band spielt einen treibenden Mix aus Glamrock, Hardrock und Punk. Wie kann man da stillsitzen, wenn ein Lebensgefühl zu Sound wird und die Energie einen fast platzen lässt?

Der Erzähler Skeptic relativiert: „Alles ist nicht so passiert“

Eine richtige Handlung gibt es nicht in diesem Schwarzweiß-Film. Mayk und seine Freundin Natascha (Irina Starshenbaum) haben ein Kind, elende Geldverdienjobs und hören in ihrem winzigen Zimmer Platten von Dylan, Bowie und T. Rex. Im „Leto“ (das russische Wort für Sommer) stößt Viktor am See zu ihnen, ein junger Typ mit einer Band und dem Kopf voller Musik. Mayk und Viktor werden Freunde, der Ältere hilft dem Neuen bei seiner Musik, es entsteht eine Art Liebesdreieck.

In die Schwarzweiß-Bilder brechen zuweilen bunte Momente der Fantasie ein. Und ein Erzähler namens Skeptic (Alexaner Kusnetzow) relativiert: Alles sei nicht wirklich so passiert. Aber hält die Wahrheit im Detail eine Überprüfung auch nicht statt, ist die Wahrhaftigkeit doch unzweifelhaft.

„Leto“ ist kein offen politischer Film, er kämpft nicht für Demokratie, gegen Korruption, Politikerkaste oder Klerus. Serebrennikow legt sich nicht so mit dem System an wie in seinem Vorgängerfilm „Der Student“. Und doch fühlt man den rebellischen Puls, wenn der Film die Selbstverwirklichung fordert und die Lebensfreude verficht. „Leto“ ist durchdrungen vom Verlangen aller Kunst nach Verwirklichung. Sehnsucht steigt in „Leto“ mit der Schubkraft einer Rakete auf.

Serebrennikow hat alles über Rock ’n’ Roll verstanden

Serebrennikow hat alles über den Rock’n’Roll verstanden, auch wenn einige seiner Kritiker aus der Rockszene das Gegenteil behaupten. Er erzählt dessen alte Geschichte von der unbegrenzten Freiheit, wohingegen nin Hollywood Filmemacher wie Bryan Singer ihn in zahnlosen Biopics wie „Bohemian Rhapsody“ zu banaler Unterhaltung herunterspielen.

Der Regisseur wurde von den Dreharbeiten weg verhaftet, musste seinen Film aus der Distanz beenden und schneiden. Fast möchte man mutmaßen, man habe die Fertigstellung von „Leto“ verhindern wollen. Denn die nach Zois Unfalltod aufgelöste Band Kino hat in Russland Beatles-Rang. Wie keine andere Rockgruppe hat Kino (die heute verpönte) westliche Popkultur in den Ostblock getragen. Ihre Fans heißen Kinomaniacs, pilgern bis heute zur Zoi-Gedenkmauer in der Moskauer Arbatstraße, und hinterlassen dort Graffitti-Botschaften an den toten Musiker hinterlassen.

Die Zuschauer sollen sich nicht in Zois „Baum“ verlieben

Zoi lebt. Und wenn Teo Yoo gegen Ende des Films singt „Mein Baum hat keine Chance in dieser Stadt“, kann das System Putin nicht wollen, dass die Zuschauer sich in diesen Baum verlieben. Das Prozessende wird wohl noch lange auf sich warten lassen. Gerade wurde Serebrennikovs Hausarrest verlängert.

Von Matthias Halbig / RND

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