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Welt „In den Gängen“: Getränke-Christian ist verliebt
Mehr Welt „In den Gängen“: Getränke-Christian ist verliebt
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06:02 23.05.2018
Auf dem Gabelstapler: Getränke-Christian (Franz Rogowski) und Süßwaren-Marion (Sandra Hüller), in dieer verliebt ist. Quelle: Foto: Zorro Film
Hannover

In diese Gänge fällt niemals Tageslicht. Aber wenn die Neonlichter an den Decken blinzelnd erwachen, dann sieht das aus wie ein unterkühltes Feuerwerk. Und wenn dann Gabelstapler emsig durchs Bild surren und sich die Kamera noch ein wenig weiter zurückzieht, könnte man meinen, der US-Maler Edward Hopper habe in dem riesigen Großmarkt irgendwo in ostdeutscher Provinz vorbeigeschaut und Bilder von der Einsamkeit der Menschen inmitten des Konsums gefunden – wobei sich dann aber bald herausstellt, dass die Menschen „In den Gängen“ gar nicht so einsam sind.

Vor Vergleichen mit Meisterwerken ist Thomas Stuber nicht bange

Genauso könnte man sich auch an einen Schauplatz im All erinnert fühlen – und das liegt nicht nur an diesen entrückten Bildern, sondern auch an der Musik: Walzerklänge von „An der schönen blauen Donau“ erklingen, und dieses Stück ordneten Kinogänger bislang eindeutig Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ zu. Vor Vergleichen mit Meisterwerken hat Regisseur Thomas Stuber offenbar keine Angst. Muss er auch nicht.

In das Großmarkt-Universum taucht Christian (Franz Rogowski, gerade noch für „Transit“ gefeiert) ein, der Neue – oder auch der „Frischling“, wie Marion (Sandra Hüller, die unterkühlte Businessfrau aus „Toni Erdmann“) schnippisch sagt, wenn die beiden sich am Kaffeeautomaten treffen. Christian redet nicht viel, versteckt die Gefängnis-Tätowierungen aus seinem früheren Leben sorgfältig unter dem weiten Arbeitskittel und lernt, Bierkisten zu stapeln, Sektflaschen in Regale zu sortieren und den bockigen Gabelstapler („Flurförderzeug“) zu manövrieren.

Der Zusammenhalt der Heinzelmännchen

Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung ist Christians barscher Lehrer. Bruno kann aber auch ganz zart sein: „Du stapelst heute wie ein Irrer, weil es dich erwischt hat“, sagt er dann. Getränke-Christian hat sich in Süßwaren-Marion verliebt. Und die ganze Großmarktnachtschicht weiß davon. Sie wünscht Christian viel Glück und will auf keinen Fall, dass er der Marion weh tut. Marion hat schon einen Ehemann zu Hause, der nicht so gut zu ihr ist. So heißt es jedenfalls bei den Kollegen.

Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber sucht in seinem Drama dort eine Solidargemeinschaft, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte. Zusammen mit seinem bevorzugten Drehbuchautor Clemens Meyer – die beiden schufen schon das viel gepriesene Boxerdrama „Herbert“, ebenfalls mit Peter Kurth in der Hauptrolle eines alternden Kämpfers – entdeckt er Zusammenhalt bei denen, die der Großmarkt-Kunde gewöhnlich für Heinzelmännchen hält. Beinahe unbeobachtet tun sie fleißig ihr Werk.

Hier hat sich ein Häuflein ehemaliger DDR-Bewohner ausgerechnet in einen Konsumtempel zurückgezogen – ironischerweise an jenen Ort, an dem sich in George A. Romeros Horrorfilmklassiker „Zombie“ (1978) Menschen vor Untoten versteckten.

Blicke in eine jederzeit gefährdete Welt

Eine jederzeit gefährdete Welt ist das, in die Stuber wie ein umsichtiger Forscher eindringt: Bruno sehnt sich nach seinem alten Leben als Lastwagen- und nicht als Gabelstaplerfahrer in der DDR, Marion wird (möglicherweise) von ihrem Gatten verprügelt, und Christian könnte jederzeit die Vergangenheit mit den bösen Jungs einholen, die lärmend auftauchen und ihren alten Kumpel zwischen den Regalen entdecken.

Zahlreiche Zeichen der Bedrohung legen Stuber und Meyer aus – und lassen das Schicksal dann ganz überraschend an anderer Stelle zuschlagen. So viel wissen die Heinzelmännchen im Großmarkt eben doch nicht übereinander, als dass sie wirklich aufeinander aufpassen könnten.

Kein bitteres Sozialdrama sondern poetische Exkursion

„In den Gängen“ ist aber kein bitteres Sozialdrama, sondern eine fein beobachtete, manchmal wunderbar poetische Exkursion. Hier kann man auch mal geschwind nach „Sibirien“ aufbrechen, also in die Kühlkammer, und dort wie die Ureinwohner arktischer Regionen seine Nasen aneinanderreihen. Und wenn man den Gabelstapler bis hoch an die Decke ausfährt und dann ganz vorsichtig wieder runter, hört man womöglich das Meer rauschen.

„Was wünschst Du Dir?“, fragt Getränke-Christian die Süßwaren-Marion. Er hat aus den Mülltonnen mit der nicht mehr ganz frischen Ware einen Keks gefischt, obwohl das verboten ist. Oben auf den Keks hat er eine kleine Kerze gepflanzt, und die hält er Marion nun vor dem Kaffeeautomaten vor die Nase, denn Marion hat Geburtstag. Sie antwortet: „Alles!“ Geträumt wird in der Großmarkt-Nachtschicht also auch.

Von Stefan Stosch

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