Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Erinnerung an den Hauptfeldwebel Tobi

Bundeswehr Erinnerung an den Hauptfeldwebel Tobi

Manche Bundeswehrkasernen sind nach preußischen Generalen benannt, andere gar nach einstigen Helden der Wehrmacht. Der Verteidigungsministerin ist dies seit Langem ein Dorn im Auge. Heute unterschreibt sie einen neuen Traditionserlass – und benennt in Hannover auch gleich eine Kaserne um.

Voriger Artikel
Drogenbeauftragte warnt vor „Billigalkoholika“
Nächster Artikel
A 7-Skandal: Staatsanwalt ermittelt auch gegen Privatleute

„Bundeswehr – Wir.Dienen.Deutschland": Ein neues Selbstverständnis für Soldaten?

Quelle: dpa

Berlin. „Tobi, wir denken an Dich.“ Mit diesen Worten beginnt ein Eintrag vom 28. Mai 2012 in einem Trauerportal. Angehörige und Freunde erinnern dort an Tobias Lagenstein, einen deutschen Soldaten, der genau ein Jahr zuvor bei einem Sprengstoffanschlag in Afghanistan ums Leben kam.

„Der Himmel ist strahlend blau“, schreibt Simone Uetz aus dem niedersächsischen Wildeshausen, einer Kleinstadt im Kreis Oldenburg. „Der Rhododendron blüht in den schönsten Farben, in weiter Ferne hört man Glockengeläut einer Kirche.“ Dann wird berichtet: „Das Gildefest in Wildeshausen ist in vollem Gange, und in ein paar Tagen startet die EM.“ Später heißt es: „Es ist schwer, das schmerzlich Erlebte zu verarbeiten, zu verstehen, zu begreifen. Du wirst vermisst und fehlst in allen Reihen.“

Lagenstein hatte viele Freunde: frühere Mitschüler, Kollegen, Kameraden, Kicker aus dem Fußballverein. Bis heute ringen sie um Begründungen, um Erklärungen für den Tod eines Mannes, der nur 31 Jahre alt wurde. „Wir haben uns jeden Tag gesehen und jeden Tag gelacht“, schreibt „Dave“. „Ich hoffe, dass ich irgendwann damit fertigwerde.“

„Du fehlst in allen Reihen“

„Du fehlst in allen Reihen“: Vor dem Sarg von Tobias Lagenstein verneigt sich 2011 auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière.

Quelle: Bundeswehr

Bis heute kreisen die Gedanken von Angehörigen und Freunden um mögliche Erklärungen. Was ist das für ein seltsamer Krieg, in den die Bundeswehr in Afghanistan verwickelt ist? Welchen Sinn hat es, dort sein Leben zu lassen?

Viele Fragen werden bleiben. In einem Punkt aber schafft jetzt die Bundeswehr Gewissheit. Tobias Lagenstein wird nicht vergessen.

Am heutigen Mittwoch wird die größte Kaserne in der niedersächsischen Landeshauptstadt nach ihm benannt: Die bisherige Emmich-Cambrai-Kaserne wird künftig Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne heißen.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen ließ die Bühne bereiten für eine bundesweite Premiere: Erstmals trägt jetzt eine Einrichtung der Bundeswehr den Namen eines bei einem aktuellen Auslandseinsatz getöteten Soldaten.

Ein überfälliges Signal

Nach Meinung der CDU-Politikerin wird damit ein längst überfälliges Signal gesetzt. Wieso vielerorts noch immer Panzergenerale aus vorigen Weltkriegen die Namensgeber sind oder sogenannte Fliegerasse aus der Nazi-Zeit, will ihr nicht in den Kopf: Erstens blicke die Bundeswehr doch heute, nach mehr als sechs Jahrzehnten, auf ihre ganz eigene Geschichte. Zweitens will von der Leyen ein Thema bearbeiten, das ihr schon viel Ärger mit der Truppe eingebracht hat, bei dem sie aber nicht lockerlässt: das sogenannte Haltungsproblem.

Die Ministerin sagt es nicht laut, aber nach ihrer Meinung werden in Teilen der Bundeswehr noch immer allzu unselige Traditionen hochgehalten.

Im Frühjahr 2017 verlor von der Leyen beinahe die Fasson. Soeben hatten Berichte über rechtsextreme Umtriebe rund um den Oberleutnant Franco A. Uniformierte und Zivilisten aufgeschreckt. Staunend stieß damals die Ministerin, gefolgt von einem Tross von Journalisten, auf das Traditionszimmer einer Kaserne in Illkirch. Dort kündeten Wehrmachtshelme, Landserbilder und alte Gewehre mit eingeritzten Hakenkreuzen von exakt jener Art Traditionspflege, die man im Berliner Verteidigungsressort nicht mehr hinnehmen will.

„Falscher Korpsgeist“ in der Truppe

Fortan sprach von der Leyen von einem „falschen Korpsgeist“, von „Führungsschwäche“ und eben von einem „Haltungsproblem“. Weil sie Letzteres zeitweilig mit dem üblichen Hinweis zu verbinden vergaß, dass aber selbstverständlich die breite Mehrheit der Offiziere einen sehr guten Job mache, staute sich hinter den Kulissen viel Frust auf, vom Kompaniechef bis hinauf in höchste Generalsränge.

Wie kann die Ministerin es wagen, fragten viele, derartig respektlos über die Bundeswehr zu sprechen? Müsste sie sich nicht im Zweifel immer vor die Truppe stellen?

Wie kommt es, konterte von der Leyen, dass die hohen Herren mit den vielen Streifen auf den Schultern sich offenbar über Jahre und Jahrzehnte nicht interessiert haben für die düsteren Arten und Abarten von Traditionspflege in ihren Kasernen?

Neue Namen braucht das Land: In 23 Jahren sind 16 Kasernen umbenannt worden

Der Generaloberst Eduard Dietl hat sich lange gehalten. Erst 1995 musste er endgültig abtreten als Vorbild für junge Bundeswehrsoldaten. Vorbild, so muss man es wohl nennen, wenn ein Offizier dadurch geehrt wird, dass man eine Kaserne nach ihm benennt.

Im bayerischen Füssen hat man als erstem Bundeswehrstandort erkannt, dass Männer wie der Generaloberst Dietl nicht mehr taugen als Namensgeber und damit Identitätsstifter. Eng verquickt war der Gebirgsjäger mit der Zerschlagung der Münchner Räterepublik, mit Adolf Hitler, trug zur völkerrechtswidrigen Erschießung von Kriegsgefangenen bei. Trotzdem hieß die Füssener Gebirgsjägerkaserne ab 1964 Generaloberst-Dietl-Kaserne. Ihre Umbenennung – ganz schlicht in Allgäu-Kaserne – markierte 1995 den ersten Schritt zu einem neuen Bewusstsein.

In den 23 Jahren seither
haben 16 Kasernen neue Namen erhalten. Meist, aber nicht immer, weil der alte Name mit einem Helden- und Weltbewusstsein verbunden war, das dem der modernen Bundesrepublik nicht entspricht. Meist strahlt der neue Name die Neutralität regionaler Bezüge aus (Hochstaufen-Kaserne, Pionier-Kaserne am Solling), manchmal aber setzt er bewusst neue Vorbilder.

Die unverfängliche Harz-Kaserne im sachsen-anhaltinischen Blankenburg etwa heißt seit 2016 Feldwebel-Anton-Schmid-Kaserne – und ehrt damit einen Wehrmachtsangehörigen, der im Winter 1941/42 Hunderten litauischen Juden das Leben gerettet hat. Schmid, der in Wilna eine Wehrmachtsstelle leitete, verschaffte ihnen neue Papiere – und beschäftigte 150 Juden aus dem Getto als Handwerker in seiner Wehrmachtsstelle. Am 13. April 1942 wurde er deshalb hingerichtet. Der Staat Israel ernennt ihn 1967 zum „Gerechten unter den Völkern“.

In Deutschland ist Schmid bis heute kaum bekannt – und bis heute sind längst nicht alle Kasernennamen mit fragwürdigem Bezug geändert. Bei acht Kasernen läuft derzeit der Abstimmungsprozess mit den Kommunen: für die Mudra-Kaserne in Köln (Bruno von Mudra war preußischer General im Ersten Weltkrieg, Verfechter der Dolchstoßlegende und eines neuen Waffengangs „zu endgültiger Abrechnung mit dem Erbfeinde“), die nach dem Wehrmacht-Kampfpiloten Hans-Joachim Marseille benannte Kaserne in Appen, die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst, die Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne im mecklenburgischen Hagenow (wegen antisemitischer Äußerungen des Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung im 19. Jahrhundert), die Hindenburg-Kaserne, die Schulz-Lutz-Kaserne und die Peter-Bamm-Kaserne in Munster.

Offiziell nicht auf der Liste des Verteidigungsministeriums stehen die Kasernen, die nach dem Feldmarschall Erwin Rommel benannt sind. Zu heftig ist der Streit auch unter Historikern, ob der „Wüstenfuchs“ im Zweiten Weltkrieg nur Täter oder womöglich auch Opfer war.

Die Spannung wuchs, auch durch den parallel laufenden ständigen Streit um die Ausrüstung der Bundeswehr. Die Hoffnungen vieler Offiziere aber, die Kanzlerin möge jemand anderem das Verteidigungsressort anvertrauen, haben sich erledigt. Von der Leyen ist am 14. März zum zweiten Mal als Verteidigungsministerin vereidigt worden, und auf der höchsten Ebene ihres Hauses hat sie schon, als kleine Machtdemonstration zum Einstand, die ersten Neubesetzungen vorgenommen.

Neuer Generalinspekteur und damit ranghöchster deutscher Soldat wird am 1. Mai Eberhard Zorn (58), ein Mann aus dem Saarland, der als Teamplayer beschrieben wird und als umgänglich. Er war zuvor Personalchef und soll sich nicht zuletzt Themen der inneren Führung vornehmen.

Generalleutnant Benedikt Zimmer (56) wird künftig als Staatssekretär den Rüstungsbereich übernehmen und die sattsam bekannten Mängel bearbeiten.

Eine neue Software wird geladen

Beide, das ist aus Sicht der Ministerin das Entscheidende, sollen eine Scharnierfunktion in die Truppe hinein wahrnehmen. Das gilt auch beim Thema Traditionspflege. Zorn signalisierte bereits Unterstützung: Die Bundeswehr brauche ein neues, moderneres Selbstverständnis, sagt er. Und das „Haltungsproblem“? Das habe die Ministerin doch „abgeräumt“.

Jetzt wird gleichsam eine neue Software geladen. „Die Tradition der Bundeswehr – Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“ lautet der Titel des elfseitigen Führungsdokuments, das von der Leyen heute unterzeichnen wird. Wenn sich bestimmte Dinge nicht von selbst ergeben, werden sie eben, so ist das bei der Bundeswehr, von oben angeordnet. Dazu zählt nun ironischerweise auch die Anweisung, nicht stumpfem Militarismus zu folgen.

Der vielleicht entscheidende Satz steht in Punkt vier der einleitenden Grundsätze: „Die Tradition der Bundeswehr beruht auf der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auf den ethischen Geboten der Konzeption der Inneren Führung und auf ihrer gesellschaftlichen Integration als Armee der Demokratie.“

Ein Name, der für ein veraltetes Verständnis steht

Ein Name, der für ein veraltetes Verständnis steht: Die Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover Franc(benannt nach dem preußischen General Otto Emmich und der berüchtigten Schlacht von Cambrai im Ersten Weltkrieg) heißt künftig Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne.

Quelle: dpa

Im Jahr 1982, noch unter SPD-Verteidigungsminister Hans Apel, hatte die Politik der Bundeswehr bereits erstmals einen modern getrimmten Traditionserlass gegeben. Der Erlass atmete aber noch den Geist des Kalten Krieges. Wehrpflichtige bestimmten den Dienstalltag, an Frauen „beim Bund“ oder gar an die Bundeswehr als moderner Arbeitgeber, der um die Gunst jüngerer Leute buhlen muss, war nicht zu denken.

Wie sehr aber die Bundeswehr als „Armee der Demokratie“ anzusprechen ist, bleibt heute wie zu allen Zeiten eine große Frage. So machte erst vor wenigen Tagen mal wieder ein rebellischer Offizier von sich reden. Marinekommandeur Jörg-Michael Horn prangerte in einer öffentlichen Rede aus Anlass eines Kommandowechsels in Wilhelmshaven die miserable Lage beim Material und beim Personal in von der Leyens Armee an. Verrechtlichung ersetze inzwischen vielerorts Entscheidungen und Führung werde durch Administration ersetzt.

Er müsse zugeben, sagt Horn, „dass ich nach dem 30. April 2017 das Vertrauen in die politische Führung verloren habe“. Das war der Tag, als von der Leyen in einem Fernsehinterview über rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr und über das „Haltungsproblem“ und die „Führungsschwächen“ im deutschen Offizierskorps sprach. „Die Pauschalität der Vorwürfe hat selbst mich mit knapp 30 Dienstjahren erschüttert“, sagte Horn.

Aus seinem Kommando an der Küste scheidet Horn nun aus. Von der Leyen indessen macht in Berlin weiter.

Von Dieter Wonka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Welt