Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Welt Die Geschichte einer jahrelangen Tortur
Mehr Welt Die Geschichte einer jahrelangen Tortur
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:46 05.11.2018
Der angeklagten Mutter drohen bis zu 15 Jahre Haft: Der Fall wurde an das Landgericht Osnabrück weitergereicht. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Emsbüren

Wenn die Mutter ihn prügelte, weinte der Junge. Weil der Junge weinte, herrschte die Mutter ihn an: Er sehe aus wie sein leiblicher Vater, das könne sie nicht ertragen. Sie befahl ihm, einen Mundschutz umzubinden. Wegen seines Gesichts und wegen der Viren und Bakterien, die er verbreite. Und wegen dieser angeblichen Bakterien musste er nach der Schule auch seine Kleider ausziehen, bis auf die Unterhose, und durfte nur gelbe Müllsäcke tragen, einen für den Oberkörper, einen für die Beine. So musste er auch schlafen, in einem kahlen Zimmer ohne Bettdecke und ohne Licht.

Die gute Nachricht ist: Es ist vorbei. Nach jahrelangem Martyrium des Jungen standen am 2. Januar 2017 Polizei und Jugendamt vor der Tür des Hauses der Familie in Emsbüren im Kreis Emsland. Sie nahmen den damals 16-jährigen mit, und seine jüngeren Halbgeschwister, ein Mädchen und einen weiteren Jungen, ebenfalls. Die Kinder sind gut untergebracht, der Älteste ist heute volljährig und aus der Gegend weggezogen.

Bis zu 15 Jahre Haft drohen

Die zweite gute Nachricht ist: Es ist nicht vorbei. Im Juni hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück Anklage gegen die heute 37-jährige Mutter des Jungen erhoben: Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit Verletzung von Fürsorge- und Erziehungspflichten und Freiheitsberaubung. „Es handelt sich um einen der schwersten Misshandlungsfälle der letzten Jahre“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wird die Frau verurteilt, droht ihr eine bis zu 15 Jahre lange Haftstrafe. Ihr Mann, der Stiefvater des misshandelten Jungen und Vater seiner Halbgeschwister, ist ebenfalls angeklagt, wegen Unterlassung: Er sei „nicht eingeschritten“, sagt der Sprecher.

Noch ist kein Urteil gefällt, noch handelt es sich juristisch gesehen um reine Verdachtsmomente. Dass schon vor dem Prozess so viel über den Fall bekannt ist, liegt daran, dass der Junge und seine Schwester ausführlich bei der Polizei ausgesagt haben und dass irgendjemand mit dem Material zum Magazin „Spiegel“ gegangen ist. In dessen Bericht finden sich etliche erschreckende Details. Weil sie sich dort finden, hat nun aber die Staatsanwaltschaft Osnabrück auch Ermittlungen gegen einen ihrer Kollegen eingeleitet, wegen Geheimnisverrats. „Ein Betroffener“ habe Anzeige erstattet, sagt der Sprecher der Behörde, wer das war, sagt er nicht. Dieses Verfahren werde jetzt an den Generalstaatsanwalt weitergegeben, man könne ja schlecht gegen jemanden aus dem eigenen Haus ermitteln.

Die Geschichte der Familie besteht, wenn die Berichte zutreffen, aus einem Kreislauf von Vernachlässigungen und dem Zufügen von Schmerzen, körperlich wie seelisch. Nach ihrer Vernehmung wurde die Mutter psychiatrisch begutachtet, und dabei kam heraus, dass sie selbst schwer misshandelt worden sein soll, dass es für sie keine emotionale Bindung an ihre Eltern gab. Sie war 19, als sie von einem Mann geschwängert wurde, der sich bald darauf davonmachte. Mit dem Sohn, im Jahr 2000 geboren, war die Frau rasch überfordert. Der erste Jugendamtskontakt wegen Verhaltensauffälligkeiten des Kindes und erzieherischer Probleme datiert von 2002. Da war sie bereits mit einem anderen Mann verheiratet, dem jetzt mitangeklagten Stiefvater, mit dem sie zwei weitere Kinder bekam.

Mit den Geschwistern kamen die Misshandlungen. Erst nur Ohrfeigen. Dann Schläge mit der Suppenkelle, mit Kühlelementen, mit dem Besenstiel. Manchmal packte die Mutter ihren Ältesten und schlug ihn mit dem Kopf gegen die Wand. Er wurde in seiner Müllsackkleidung in sein Zimmer gesperrt, er musste sich und seine Wäsche in der Abstellkammer mit kaltem Wasser waschen. Die Geschwister bekamen Essen, er bekam Brot. Erleichtern durfte er sich nur in einer Hütte hinter dem Haus, und wenn er manchmal in eine Zimmerecke machte, wurde er noch mehr geschlagen. Wenn die anderen vor dem Fernsehen saßen, stand der Junge im Flur und musste die Klinke heruntergedrückt halten. Damit kontrollierte die Mutter, dass er noch dort stand. An Weihnachten durfte er ausnahmsweise mit am Esstisch sitzen. Für eine Stunde.

Irgendwann filmte die Halbschwester eine Szene, in der die brüllende Mutter den Jungen verprügelte, unbemerkt mit dem Handy, und zeigte das Video einem Mitschüler. Dessen Vater ging zur Polizei. Dann standen die Beamten vor dem Haus in Emsbüren.

„Hinweise nicht bestätigt“

Das zuständige Jugendamt Lingen geriet sofort in den Verdacht, nicht rechtzeitig genug eingeschritten zu sein. Der Landkreis Emsland stellte sich als vorgesetzte Behörde aber vor die Bezirkssozialarbeiter: Zwar habe es immer mal wieder Kontakt zu der Familie gegeben, wegen Hilfebedarfs in Entwicklungs- und Erziehungsfragen. Aber man habe „zu keinem Zeitpunkt gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung“ gesehen.

Es fällt schwer, das zu glauben. Die Kreisverwaltung berichtet selbst von einem anonymen Hinweis auf Gefährdung des Kindes im Jahr 2015, was ein Gespräch mit dem Jungen in der Schule nach sich zog – er habe aber alles in Abrede gestellt. „Auch ein anschließender Hausbesuch zeigte keinen Handlungsbedarf auf.“ Die Schule, die Emsbürener Realschule, vermutete Vernachlässigung und meldete das auch, aber die Anhaltspunkte „konnten nicht bestätigt werden“, sagt die Kreisverwaltung. Zweimal war der Junge in der Psychiatrie, stationär, mehrwöchig. Dort sei, heißt es, „über einen guten Allgemein-, Ernährungs- und Pflegezustand des Jungen sowie eine elterliche Überfürsorge“ berichtet worden.

Man muss das Wort „Überfürsorge“ zweimal lesen. Man fragt sich, wieso der Junge überhaupt in der Psychiatrie war, wenn alles so gut war.

Der Prozess gegen die Eltern sollte vor dem Jugendschöffengericht beim Amtsgericht Lingen stattfinden, wurde von dort aber ans Landgericht Osnabrück weitergereicht. Die Richter entscheiden jetzt, ob sie den Fall annehmen. Der psychiatrische Gutachter hat die Mutter als voll schuldfähig eingestuft.

Von Bert Strebe

Den Verzicht der Bundeskanzlerin auf den Parteivorsitz hält Ex-Kanzler Gerhard Schröder für einen Fehler. Er sieht einen dramatischen Machtverlust der Kanzlerin – und rät ihr zur Vertrauensfrage.

05.11.2018

Eigentlich war der 70-Jährige als Zeuge in einem Strafprozess geladen, erschien jedoch nicht. Erst drei Tage später wurde der Mann aufgefunden – tot im Gerichtsgebäude.

05.11.2018

Plötzlich gibt es einen Knall – und von zwei Häusern im Zentrum von Marseille ist nur noch ein Berg Schutt übrig. In einem sollen Menschen gewohnt haben. Nun suchen die Rettungskräfte nach möglichen Opfern.

05.11.2018