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Welt Ein Hörbuch voller Platt-Genüsse
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07:03 26.11.2018
Hannelore Hoger macht aus Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ein zweisprachiges Hörvergnügen. Quelle: Uwe Anspach/dpa
Hannover

Weitaus häufiger ist allerdings die Enttäuschung – da wird die audiovisuelle Umsetzung des literarischen Erlebnisses zum Ärgernis. Mal ist die Stimme des Erzählers zu penetrant, mal sieht der Protagonist im Film nicht so aus wie in der eigenen Fantasie und kontaminiert so den eigenen Handlungskosmos.

Doch es gibt sie zum Glück, diese seltenen Momente, in denen das Gehörte das Gelesene noch übertrifft. Etwa bei „Mittagsstunde“, der Hörbuchfassung von Dörte Hansens im Oktober erschienenem zweiten Roman, der sich wie der Vorgänger „Altes Land“ anschickt, zum großen Bestseller zu werden.

Universum nordischer Wunderlichkeiten

Den melancholischen Abschied von den bäuerlichen Strukturen eines nordfriesischen Dorfes orchestriert Hannelore Hoger als ein zweisprachiges Universum nordischer Wunderlichkeiten. Dabei geht es nicht um die erstaunliche Vielfalt der hogerschen Altstimme, die mal raunt, flüstert, schmettert oder säuselt – es geht um das exquisite Vergnügen, den hohen Prozentsatz an plattdeutschen Dialogen und Einsprengseln, die das Buch enthält, in allen Facetten seines norddeutschen Seins zu erleben. Ob genörgelt, genuschelt, geraunzt oder geschnackt, Hannelore Hoger rollt nicht nur das „r“, sondern dem Plattdütsch den roten Teppich aus. „Dat hett mien Moder mi beibröcht“, sagte die Hamburgerin Hoger 2017 in einem Interview über ihre Muttersprache.

So wie Dörte Hansen der geliebten Sprache ihrer eigenen Kindheit in „Mittagsstunde“ ein sprachliches Denkmal setzt, macht Hoger die Plattpassagen zu einer akustischen Hommage. Die ausgefeilte Finesse von Hansens Sprache kommt durch Hannelore Hoger erst richtig zur Geltung. Sie reißt den Hörer sofort mit in ihrem lakonischen Hamburger Singsang, dessen Höhepunkte zweifellos die plattdeutschen Schimpfkanonaden sind. Wort für Wort entsteht und vergeht so die Geschichte jenes fiktiven Geestdorfs Brinkebüll, für das Dörte Hansens Geburtsort in der Nähe von Husum Pate stand. All die knorrigen Charaktere des Romans finden ihren individuellen, unverwechselbaren Platz in Hannelore Hogers vielschichtigem Stimmenkosmos.

Parabel auf die Dissonanz von Tradition und Fortschritt

Beim Zuhören versinkt man geradezu in diesem modernen Märchen, das doch keines ist, sondern eher eine Parabel auf die Dissonanz von Tradition und Fortschritt. Oder, wie es Hansen formuliert: „Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft.“

Nur eines stört die Hörbuchharmonie: Die ausgeprägte „scheinbar/anscheinend“-Schwäche der Autorin wirkt in Hogers pointierter Aussprache noch störender als im Text, zumal der falsche Gebrauch von scheinbar statt anscheinend fortlaufend vorkommt. Da hätte ein Lektor genauer hinschauen beziehungsweise -hören sollen; aber das ist wirklich Mäkeln auf hohem Niveau an einem ansonsten makellosen Hörerlebnis.

Dörte Hansen: „Mittagsstunde“. Gelesen von Hannelore Hoger. Random House Audio. 13,95 Euro.

Von Daniel Killy/RND

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