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Welt Diese Arte-Doku über den Ersten Weltkrieg ist brandaktuell
Mehr Welt Diese Arte-Doku über den Ersten Weltkrieg ist brandaktuell
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19:31 10.09.2018
May Picqueray (Solène Rigot) flieht aus ihrer unglücklichen Ehe nach Paris, wo die Idealistin sich den Kommunisten anschließt. Quelle: Foto: Frédéric Serve/Arte France
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Paris

Der Krieg, so sehr sich die Menschheit auch nach Frieden sehnt, ist praktisch nie ganz vorbei. Selbst als Charles Edward Montague am 11. November 1918 um 10.45 Uhr die Sekunden bis zum letzten Schuss der bis dato größten Völkerschlacht runter zählt, beginnt im Grunde bereits die nächste, unermesslich größere. Drei, zwei, eins, zero – kaum glaubt sich der pazifistische Vorkriegsjournalist im Rang eines britischen Hauptmanns am Beginn einer ewig währenden Nachkriegszeit, brennt der Kontinent schon wieder lichterloh. Ach was, er war nie völlig gelöscht.

Das ist die Quintessenz einer Erzählung, mit der Arte ab heute drei Abende zur besten Sendezeit ein beispielgebendes Werk fortsetzt. Zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs hatte der Kulturkanal im Sommer 2014 die Erinnerungen verschiedenster Zeitzeugen zum Dokudrama „14 Tagebücher“ verdichtet. Fast 100 Jahre nach dem offiziellen Waffenstillstand nun fragt „Krieg der Träume“, was der Frieden dem innerlich wie äußerlich verheerten Kontinent gebracht habe. Die bittere Antwort der 400-minütigen Reihe lautet: noch mehr Krieg, ob förmlich erklärt oder nicht.

In der Niederlage steckt der Keim eines Bürgerkriegs

Das zeigt sich bereits in der allerersten Szene: Als der Kapitän eines deutschen Marinezerstörers seine Mannschaft aussichtslos ins letzte Gefecht schicken will, zettelt der sozialistische Obermaat Hans Beimler eine Meuterei an. Der anschließende Matrosenaufstand in Kiel vollendet dabei nicht nur die Niederlage des kampfesmüden Kaiserreichs; er bildet den Keim eines Bürgerkriegs, der eigentlich bis zum Ausbruch des nächsten Weltkriegs anhält. Weil der Erste im Gegensatz zum Zweiten jedoch kein hausgemacht deutscher war, sondern Resultat hyperheroisierter Machtpolitik vieler Nationen, beleuchtet Filmemacher Jan Peter wie in „14 Tagebücher“ diverse Archetypen aller beteiligten Länder.

Mit großem Aufwand schildert der Regisseur das Schicksal der französischen Anarchistin May Picqueray ebenso wie das des künftigen Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Die schwedische Sexualaufklärerin Elise Ottesen kommt zu Wort, der italienische Unternehmer Silvio Crespi. Und spätestens, als neben dem unbekannten Stalin-Gegner Stepan Podlubny ein gewisser Nguyen Ai Quoc in Versailles seinen Werdegang zum Guerilla-Präsidenten Ho Chi Minh einleitet, wird deutlich, wie vielgestaltig Geschichtsfernsehen sein kann.

Die Zerrüttung ganzer Nationen

Dafür nutzt Jan Peter erneut ein filmästhetisches Mittel, das die Zerrüttung ganzer Nationen schon vier Jahre zuvor wirkungsvoll in Szene gesetzt hat: Anders als im klassischen Dokudrama üblich, wechseln nachgestellte Spielszenen nicht en bloc mit Originalaufnahmen aus 75 Archiven in 23 Ländern; sie gehen reißverschlussartig ineinander über. Wenn die polnische Schauspielerin Pola Negri den Stummfilm der Weimarer Republik erobert, flattert daher dauernd die schwarz-weiße Wirklichkeit durch Michalina Olszanskas bunte Fiktionalisierung. Wenn der linke Fabrikarbeiter Hans Beimler sein ausgebeutetes Proletariat für den Kampf gegen Kapital und Nazis mobilisiert, mischen sich industrielle Impressionen tatsächlicher Verelendung nahtlos unter die Verkörperung durch den Schauspieler Jan Krauter.

Vom revolutionären Aufbruch der Massen über die Versailler Verträge bis zur rechtsradikalen Reaktion, die sich wie ein nahendes Gewitter überm kurzen Sommer der Demokratie zusammenbraut, erscheint Geschichte weit weniger linear, als es der chronologische Ablauf des Achtteilers bis zum nächsten Weltkrieg suggeriert. Hinterm imposanten Donnergrollen des Filmorchesters Babelsberg bildet das optische Stakkato aus Bildkollagen, Archivmaterial, Animationssequenzen und Reenactment gewissermaßen den lautlosen Soundtrack der Implosion einer Zivilisation.

„Die Systempresse heult vor Wut“

Das ist stimmiges Dokutainment von hoher Qualität. Zumal es ein Fanal ist in Zeiten, da der rechte Mob die Demokratie abermals infrage stellt. Kurz nachdem optimistische Zeitzeugen im ersten Teil mutmaßen, auf den „letzten aller Kriege“ folge nun unweigerlich das „wundervolle Märchen des Friedens“, wird der Mord am Finanzminister Erzberger durch rechte Freikorps 1921 im schnarrenden „Wochenschau“-Ton mit den Worten kommentiert, „die Systempresse heult vor Wut, doch wahre Patrioten triumphieren“. 100 Jahre – auch das ist die Lehre aus „Krieg der Träume“ – sind eine ziemlich kurze Zeit.

„Es ist schon bemerkenswert und auch unheimlich, was sich in der Welt und besonders in Europa in den letzten Monaten getan hat“, sagte Peter in einem Interview. „Zu sehen ist ganz klar, wie sehr der erstarkende Nationalismus eine Reaktion auf eine Krise ist, und wie sich dieselben Antworten wie damals auch heute wiederfinden.“

Von Jan Freitag

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