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„Zwei Pässe sind für mich Komfort“

Doppelte Staatsbürgerschaft „Zwei Pässe sind für mich Komfort“

Die doppelte Staatsbürgerschaft steht im Wahlkampf wieder zur Debatte. Kritiker befürchten Loyalitätskonflikte für Doppelbürger. Deutsch-Türken sehen das Thema dagegen pragmatisch.

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Debatte um Doppelpass und Integration

Erdem Sungur hat einen türkischen Pass, Hasan Otkan einen deutschen. Beide sind hier geboren und fühlen sich als Deutsch-Türken.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Hasan Otkan hat ­einen deutschen Pass, Erdem Sungur einen türkischen – doch in einem Punkt sind sich die beiden Stadtallendorfer einig: „Ich fühle mich in beiden Ländern zu Hause“, sagt der 25-jährige Otkan. „Wir sind Deutsch-Türken.“ Der 35-jährige Sungur stimmt ihm zu: „Ich kann nicht sagen, die Türkei ist meine Heimat – weil ich hier geboren bin.“ Obwohl jeder der beiden nur ­einen Pass hat, fühlen sich beide sowohl mit Deutschland als auch mit der Türkei verbunden. Kein Wunder – schließlich ­haben sie in beiden Ländern Verwandte und Freunde.

Die doppelte Staatsbürgerschaft will Sungur trotzdem nicht. „Man sollte sich entscheiden, wo man wählen will“, findet der stellvertretende Vorsitzende des Stadtallendorfer Ausländerbeirates, der bei Fritz Winter als Produktionsmitarbeiter tätig ist. „Ich würde zwar auch gerne den Bürgermeister mitwählen. Aber beim Bundeskanzler denke ich nicht, dass ich dieses Recht ­haben sollte. Denn ich kann ja in der Türkei wählen.“

Mehr Papierkram in der Türkei ohne türkischen Pass

Das sieht Otkan, der ebenfalls Mitglied des Stadtallendorfer Ausländerbeirats ist, anders. „Wenn Türken auch in Deutschland wählen dürfen, können sie zum Beispiel verhindern, dass die AfD in die Regierung kommt“, sagt er. Das sei ein gutes Argument, gibt Sungur zu – aber ganz überzeugt ist er nicht.

Otkan hat sich mit Erreichen der Volljährigkeit für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, weil er eine Ausbildung zum Zollbeamten machen wollte. Beruflich ging es dann doch in eine andere Richtung – er studiert und will Wirtschaftsingenieur in der Fachrichtung Maschinenbau werden. „Ich darf wählen und ich muss nicht immer zum Konsulat nach Frankfurt fahren, sondern kann zur Stadtverwaltung gehen“, beschreibt er die Vorteile des deutschen Passes.

Allerdings sieht er auch Nachteile darin, dass er keinen türkischen Pass hat. Seine Schwester, die auch ausschließlich deutsche Staatsbürgerin ist, habe fünf Jahre in der Türkei studiert, berichtet Otkan. „Um Papierkram zu erledigen, musste sie dauernd pendeln. Sie konnte mit ihrem deutschen Pass nicht einmal eine Prepaid-Karte für ihr Handy kaufen.“

Als Otkan sich für den deutschen Pass entschieden hat, gab es die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft noch nicht. Früher wurden nach dem sogenannten Optionsmodell hier geborene Kinder von Ausländern zwar zu Deutschen und behielten zunächst auch die Staatsangehörigkeit der Eltern. Zwischen ihrem 18. und 23. Lebensjahr mussten sich die meisten aber für einen Pass entscheiden. Seit Dezember 2014 gilt: Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können beide Pässe dauerhaft behalten.

Diese Regelung steht im Wahlkampf wieder zur Debatte. Die Union plant einen Generationenschnitt für Nicht-EU-Bürger: Die zweite Generation der Doppelstaatler soll sich für ­einen Pass entscheiden müssen. Die FDP will die doppelte­ Staatsbürgerschaft zwar erleichtern, aber maximal bis zu den Enkeln der Eingebürgerten erlauben. Die AfD will zurück zum „Abstammungsprinzip“ – hier geborene Kinder von Ausländern sollen keinen deutschen Pass bekommen.

"Ich habe Bürgerrechte – das ist mehr als nur Menschenrechte"

Otkan würde gerne nachträglich den Doppelpass bekommen, aber das ist nicht so einfach – es liegt in solchen Fällen im Ermessen der Behörden. Die Marburgerin Aylin Yüzgülen hat hingegen zwei Pässe. Ihr Vater hatte sich einbürgern lassen, ihre Mutter hat die türkische Staatsbürgerschaft.

Dadurch sei sie schon als Vierjährige unter Anerkennung der türkischen Staatsbürgerschaft eingebürgert worden, erklärt die 28-Jährige, die dem Ausländerbeirat der Universitätsstadt angehört. „Ich bin ganz zufrieden“, sagt sie. „Die Vorteile des deutschen Passes liegen auf der Hand: Ich habe Bürgerrechte – das ist mehr als nur Menschenrechte.“

Die studierte Gymnasiallehrerin arbeitet zur Zeit für die Volkshochschule, unter anderem in Integrationskursen. „Für mich bedeuten die zwei Pässe vor allem Komfort“, sagt sie. „Ich fühle mich schon eher deutsch. Aber es ist schön, dass ich in die Türkei reisen und so lange bleiben kann, wie ich will. Und es wäre mit dem türkischen Pass wesentlich einfacher, wenn ich mal etwas erben würde.“ Ein ­Argument, das auch Otkan wichtig findet.

Kritiker der doppelten Staatsbürgerschaft sehen die Gefahr, dass Betroffene in Loyalitätskonflikte kommen – gerade angesichts der Spannungen zwischen türkischer und deutscher Regierung. „Ich kann das schon verstehen“, sagt Yüzgülen. Aber das Problem möglicher Loyalitätskonflikte lasse sich nicht durch eine Abschaffung des Doppelpasses lösen. „Was im Pass steht und was man fühlt, ist nicht immer deckungsgleich.“

Herkunft sollte im Zusammenleben keine Rolle spielen

Ob jemand einen deutschen, einen türkischen oder beide Pässe hat, spielt auch für die  Wahrnehmung der Mitbürger keine große Rolle. Sungur,­ ­Otkan und Yüzgülen haben ­alle drei festgestellt, dass sie als Türken wahrgenommen – und häufig abgestempelt – werden. „Mein Name verrät mich sofort“, sagt Yüzgülen. „Ich habe das Gefühl, dass das einen großen Unterschied macht, wenn man eine Bewerbung schickt oder eine Wohnung sucht. Das ist ein Stigma.“

Auch Otkan ärgert sich darüber: „Ich bin trotzdem der Hasan, obwohl ich den deutschen Pass habe und in Deutschland geboren bin wie Karl-Heinz und Jürgen“, sagt er. Sungur fragt: „Was ist denn bei mir anders? Wenn Sie die Augen schließen, würden Sie mich für einen Deutschen halten. Warum soll ich ständig meine Meinung zu Erdogan sagen? Vielleicht will ich sie nicht sagen, vielleicht habe ich dazu auch keine Meinung.“

Die Staatsbürgerschaft und die Herkunft sollten im Zusammenleben keine zu große Rolle spielen, finden Otkan und Sungur. „Wir arbeiten im Ausländerbeirat mit, weil wir wollen, dass sich Ausländer gut integrieren“, sagt Sungur. „Sie sollen nicht sagen, ich bin Türke oder ich bin Deutscher, sondern ich bin Stadtallendorfer.“

„Integration muss von beiden Seiten kommen“

Das findet er auch angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen wichtig. „Die Leute sind nicht aus Spaß gekommen, sondern geflüchtet. Denen muss man helfen.“ Wichtig sei, dass sich die Flüchtlinge an die deutschen Gesetze hielten und Deutsch lernten, aber auch ­arbeiten dürften, sagen Sungur und Otkan.

Yüzgülen hat in den Volkshochschulkursen, in denen sie arbeitet, das Gefühl, dass Integration heute besser gelingt als in den 60er-Jahren. „Die Leute sind sehr motiviert, aber man gibt ihnen auch Chancen – zum Beispiel Alphabetisierungskurse für Menschen aus arabischen Ländern.“ Fest steht für sie: „Integration muss immer von beiden Seiten kommen. Beide müssen aufeinander zugehen.“

von Stefan Dietrich

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