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Die Spiele bringen Nord- und Südkorea einander näher

Olympia Die Spiele bringen Nord- und Südkorea einander näher

Für viele Südkoreaner hielten die Olympischen Spiele eine erstaunliche Erkenntnis bereit: Die Nordkoreaner sind ja auch Menschen – und sie wirken sogar sympathisch. Der Sport hat dem geteilten Land eine überraschende Annäherung beschert – aber wird sie auch von Dauer sein?

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Entdeckung des Lächelns: Mitglieder der nordkoreanischen Künstlergruppe Samjiyon bei ihrer Ankunft in Südkorea.

Quelle: Maxppp

Seoul. Ein seltsamer Moment war das, als diese nordkoreanische Kapelle in der Live-Arena von Gangneung spielte. Die Uniformen erinnerten an einen Spielmannszug, die Musik klang perfekt einstudiert, die Bewegungen waren haargenau choreografiert. Die etwa 40 Nordkoreaner genossen auch reichlich Publikum. Das ganze Gelände, das zu anderen Zeiten der vergangenen zwei Wochen eher als Abkürzungsweg zwischen den olympischen Wettkampfstätten diente, war brechend voll mit Zuhörern. Und dann geschah das Ungeheuerliche: Die Musiker schlugen nicht nur Takte an, zu denen diverse Beine mitwippten. Nein, diese Nordkoreaner lächelten auch noch dazu.

Anderswo wäre das nichts Besonderes, hier war es eine kleine Revolution. Bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang, an deren sicherem Ablauf zuvor viele gezweifelt hatten, haben sich die sonst verfeindeten Nord- und Südkorea einander vorsichtig angenähert. Neben einer hochrangigen Delegation mit Politikern und kulturellen Botschaftern schickte Nordkorea 22 Sportler in fünf Disziplinen an den Start. Dass sich eigentlich nur zwei sportlich qualifiziert hatten, spielte ausnahmsweise keine Rolle. „Der Sport baut Brücken, keine Mauern“, erklärte der IOC-Präsident Thomas Bach die Kulanz. So liefen die Koreaner aus Nord und Süd am Abend der Eröffnungsfeier auch gemeinsam ins Stadion ein, hielten eine weiß-blaue Flagge mit der Silhouette der koreanischen Halbinsel hoch – ein Symbol der Einigkeit.

Die Vereinigungsflagge, mit der viele Zuschauer der Spiele für ein vereintes Korea demonstrierten

Die Vereinigungsflagge, mit der viele Zuschauer der Spiele für ein vereintes Korea demonstrierten.

Quelle: dpa

Wird jetzt vielleicht nicht alles, aber doch manches wieder gut?

Seit vor 65 Jahren der Koreakrieg mit einem Waffenstillstand endete, greifen sich der kommunistische Norden und der kapitalistische Süden zwar nicht mit Armeen und Kampfjets an. Aber den jahrzehntealten Konflikt haben sie seitdem immer wieder befeuert. Dank seinem Alliierten, den USA, verfügt Südkorea über jederzeit abschussbereite schwere militärische Geschütze. Nordkorea hat zuletzt immer häufiger Atomwaffen getestet. Über die Jahre wurden auch Schiffe angegriffen, Menschen entführt, Kriegsdrohungen ausgetauscht.

Aber jetzt, als die ganze Welt auf Korea schaute, stand plötzlich Freundlichkeit auf der Tagesordnung: Nordkoreas sonst so abweisender Regent Kim Jong Un hat den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In nach Pjöngjang eingeladen. Südkorea will die Aufenthaltskosten der nordkoreanischen Olympiadelegation übernehmen – obwohl Nordkorea den hochrangigen General Kim Yong Chol zur Abschlussfeier geschickt hat, in dem man im Süden bisher vor allem einen Strippenzieher hinter Attacken auf Seoul vermutet. Plötzlich herrscht Harmonie – und der Austausch zwischen den Koreas soll weitergehen.

Kampfrufe der Cheerleader

Während sich Politiker für jeden sichtbar aufeinander zubewegen, hat es bei den Olympischen Spielen noch eine weitere, mindestens ebenso wichtige Entwicklung gegeben. Nur dass sie schwerer zu beobachten war. Eine Entwicklung in den Köpfen. Man weiß es eigentlich besser und kann sich spätestens nach kurzem Überlegen vorstellen, dass auch die Menschen in Nordkorea lächeln. Aber als diese strahlenden Gesichter mit nordkoreanischer Flagge das wirklich zeigten, war man trotzdem irgendwie erstaunt. „Schau mal, das sind Nordkoreaner!“, rief eine Mutter ihrem Kind im Grundschulalter zu, als sie vor der Bühne in Gangneung standen, wo die Kapelle aus Pjöngjang spielte. „Echt? Wow!“, staunte das Kind zurück – und stellte sich auf Zehenspitzen, um dieses Wunder auch bestaunen zu können.

Die Musiker in Gangneung waren ein Beispiel von vielen. Ein anderes waren die Cheerleader, die die gesamtkoreanische Mannschaft im Eishockey der Frauen anfeuerten. Die jungen Frauen hatten sich in kleineren Gruppen auf mehrere Tribünen verteilt, ihre synchronen Kampfrufe erreichten in der Halle jeden Zuschauer. Aber so kamen diese kommunistischen Ultras nicht nur streng und einschüchternd rüber, sondern zugleich mitfühlend und optimistisch. Auch die Schwester von Kim Jong Un, Kim Yo Jong, bot den Kameras wiederholt ein mildes Lächeln, als sie zu Besuch kam, um Südkoreas Präsident Moon Jae In einen Brief ihres Bruders zu übergeben.

„Mich schüchtert die Propaganda ein“

„Solche Bilder hab‘ ich noch nie gesehen“, sagte Lee Ji Hye, eine Frau mittleren Alters, in einem Restaurant in der Hauptstadt Seoul. Verdutzt starrte sie an die Wand, an der ein Flachbildschirm die Nachrichten zum Besuch von Kim Jong Uns Schwester zeigte. „Dieses Menschliche an ihr ist befremdlich“, fand die Frau. „Aber auch gut.“

Doch nicht jeder freut sich über die plötzlich freundlich anmutenden Nordkoreaner. Eine der Kellnerinnen im Restaurant, die früher aus dem Norden geflüchtet war, sagte leise, kaum hörbar im Lärm des Lokals: „Mich schüchtert es ein, dass Nordkorea hier seine Propaganda verbreiten darf. Ich weiß nicht, warum der Präsident das zulässt.“ An der Wand lief kurz danach Eiskunstlaufen, der einzige Wettbewerb, für den sich ein nordkoreanisches Paar regulär qualifiziert hatte. Aber die Kellnerin, eine ältere Dame mit Schürze um die Hüfte und Geschirr in ihren kräftigen Händen, wandte sich ab. „Das Paar macht das bestimmt sehr gut, mit perfekt einstudierten Figuren und so. Mir ist es sogar recht, wenn sie gewinnen. Aber ich will das lieber nicht sehen.“ Eine Propagandashow sei das für sie, die ihr sauer aufstoße.

Es scheint zwar kaum plausibel, dass irgendein Olympia-Zuschauer politische Sympathien für ein Land entwickelt, nur weil er ein paar elegante Choreografien sieht, gut geschnittene Uniformen oder Erfolge auf dem Eis. Auch die regelmäßig hörbaren Befürchtungen, dass Südkorea allen Ernstes den anachronistischen Kommunismus des Nordens annehmen könnte, weil die Regierungen aus Seoul und Pjöngjang jetzt miteinander reden, sind wohl von Hysterie begleitet. Aber weit vertreten sind diese Meinungen dennoch. Man liest in Zeitungen davon, hört es in Gesprächen. Gerade jetzt, wo Offizielle aus dem Norden gekommen sind. Die südkoreanische Rechte wirft dem liberalen Präsidenten Schwäche vor. Er knicke vor Nordkorea ein und mache Kim Jong Un den Hof.

Ein verzerrtes Bild vom Norden

Andere applaudieren, vor allem im Rest der Welt. Bis auf die Konservativen in den USA hat die internationale Gemeinschaft die Zusammenkünfte tendenziell begrüßt. Ian Bremmer, Vorsitzender des international häufig zitierten Thinktanks Eurasia Group, schwärmte: Wenn Olympia solche schnellen Fortschritte bringen kann, dann brauche die Welt ab jetzt niemals endende Olympische Spiele. Aber auch in Südkorea schlug die nordkoreanische Anwesenheit an den Wettkampforten Pyeongchang, Gangneung sowie in Seoul positive Wellen. Laut einer Umfrage hat mehr als die Hälfte der Südkoreaner die Teilnahme des Nordens befürwortet. Der Rückhalt von Präsident Moon Jae In unter der Bevölkerung hat durch die Annäherungen zwar nachgelassen, aber weiterhin unterstützen zwei Drittel seine Arbeit.

“Die haben ja Musikkultur“

“Die haben ja Musikkultur“: Nordkoreanische Kapelle bei ihrem Auftritt im Olympischen Dorf.

Quelle: dpa

„Ich finde es gut, dass wir uns besser kennenlernen“, sagte ein freiwilliger Helfer auf dem Olympiagelände in Gangneung, als er nach dem Konzert hingeschmissene Papierbecher aufsammelt. „Wir sprechen dieselbe Sprache, aber verstehen uns schon lange nicht mehr. Das muss sich doch ändern.“ Scott Kim, ein nordkoreanischer Flüchtling, der im Süden Seouls für ein Handelsunternehmen arbeitet, ist begeistert von der Berichterstattung dieser Tage: „Wann hört man hier im Süden sonst mal offizielle Musik aus dem Norden? Wann geht es mal nicht um das Böse aus Pjöngjang? Mir haben die letzten Wochen das Herz erwärmt.“ Einige seiner Arbeitskollegen hatten das Konzert live im Fernsehen verfolgt und seien erstaunt gewesen: Nordkorea habe ja Musikkultur!

Wenn solche Erkenntnisse Verwunderung hervorrufen, dann erzählt das viel über das verzerrte Bild, das man sonst von diesem weitgehend unbekannten und verklärten Land hat. In Südkorea und der westlich geprägten Welt ist Nordkorea vor allem ein beliebter Satiregegenstand: Nordkorea erfindet die Wahrheit, wie sie nur Nordkorea gefällt. In Nordkorea passiert nichts, was nicht passiert sein darf. Nordkorea beseitigt auch seine Feinde, nur um ein absurdes Heldenethos um die Kim-Dynastie aufzubauen. Nichts davon ist falsch, aber alles davon zeichnet ein reduziertes Bild eines Landes, in dem sich Menschen nicht den ganzen Tag intrigant verhalten, sondern auch Kunst machen, eine kulinarische Kultur pflegen und Witze reißen. So wirkt das Menscheln der vergangenen Wochen wie der Anfang einer Annäherung zweier Länder, die sich über sechseinhalb Jahrzehnte so sehr voneinander entfremdet haben, dass sie sich manchmal sogar die Menschlichkeit absprechen.

Kommt jetzt die Familienzusammenführung?

Was kann folgen? Staatsbesuche nach Pjöngjang und Seoul womöglich. Vielleicht auch eine Wiedereröffnung der Industrieanlage in Kaesong, wo jahrelang südkoreanische Unternehmen nordkoreanische Arbeitskräfte beschäftigten, bis zuletzt alle Zelte abgebrochen wurden, weil Nordkorea zu viele Raketen durch die Luft jagte. Dieser Tage wurde auch schon zaghaft über die Zusammenführung getrennter Familien gesprochen.

„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, hat Südkoreas Präsident Moon Jae In während der Olympischen Spiele mehrmals betont. Aber dass man das Gegenüber nicht als Barbaren sieht, sondern als Menschen, ist schon mal ein erster Schritt.

Von Felix Lill

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