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20:07 27.04.2018
Viele Besatzungssoldaten hatten – aus Beziehungen oder Vergewaltigungen – Kinder mit deutschen Frauen. Die meisten von ihnen haben ihre Väter nie kennengelernt. Wie lebt es sich mit einer solchen Leerstelle im Leben? Quelle: Jacqueline Schulz
Berlin

Regina Wagner ist fünf oder sechs Jahre alt, als ihr ihre Mutter erklärt, dass sie gar nicht ihre Mutter ist. Sie hatte zuvor aus einem Wäschestapel im Schrank ein gerahmtes Foto gezogen. Es zeigt einen Mann in Uniform. “Das ist dein Vater Leo“, sagt ihr die Frau, die sie Mutti nennt. Dann holt sie aus ihrem Kittel das abgegriffene Foto einer jungen Dame mit hochgesteckten Haaren und weißer Bluse. “Das ist Vera, meine Tochter und deine richtige Mama.“

Die kleine Regina erfährt an diesem Tag, dass sie bei ihrer Oma im Prignitzdörfchen Herzsprung aufwächst, weil sie keine Eltern mehr hat. Vera war mit 20 und ein halbes Jahr nach Reginas Geburt an Tuberkulose gestorben. Ihr Vater Leonid diente als Offizier in der Roten Armee. Er musste zurück in die Sowjetunion, als seine Liebe zu der jungen Deutschen und die Geburt Reginas die Ohren seiner Vorgesetzten erreichten. Niemand wusste, ob er noch lebt. “An diesem Tag“, erzählt Regina Wagner, die heute 72 ist und in Kleinmachnow bei Berlin wohnt, “begann ich die Suche nach meinem Vater.“

Regina Quelle: Jacqueline Schulz

Früher oder später ging es nach dem Zweiten Weltkrieg vielen jungen Menschen wie Regina Wagner. Für die Soldaten aller Alliierten galt eigentlich ein Fraternisierungsverbot. Briten, Amerikaner, Sowjets und Franzosen sollen von 1945 bis 1955 allerdings mindestens 400 000 Kinder mit deutschen Frauen gezeugt haben, schätzen Wissenschaftler. Es begann mit Vergewaltigungen in den letzten Kriegswochen. “Mit dem offiziellen Kriegsende endeten jedoch die massiven Übergriffe auf Frauen“, sagt Professor Stefan Karner. “Danach begann die Beziehungsphase.“

Der österreichische Historiker ist Gründer des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz. Karner, der exzellent Russisch spricht, war 1991 der erste Wissenschaftler aus dem Westen, der Zugang zu den bis dahin geheimen Archiven der früheren sowjetischen Geheimdienste erhielt. Er suchte nach Schicksalen vermisster österreichischer Kriegsgefangener und stieß eher zufällig 2003 auf das Thema Besatzungskinder.

Einer seiner Mitarbeiter, ein pensionierter Schuldirektor, hatte Karner darum gebeten, in den Akten nach einem bestimmten Mann zu suchen. Der sei sein Vater. Der frühere Lehrer outete sich als sogenanntes Russenkind. In den Akten fanden sie ihn nicht, sondern später in der russischen TV-Suchsendung “Schti menja“ (Warte auf mich). Doch Karners Kollegen begannen, auch in diese Richtung zu forschen. Daraus entstand das Projekt “Kinder des Krieges“, und inzwischen beschäftigen sich im Netzwerk CHIBOW (Children Born of War) weltweit Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen mit dem Thema.

Lehrer nannten ihn “Bastard“

Winfried Behlau erfährt am Tag nach seinem 13. Geburtstag nicht, wer sein Vater ist. Seine Mutter erklärt ihm jedoch in drei dürren Sätzen, was im Juli 1945 im ostpreußischen Ottendorf geschehen ist. “Weißt du, wie die kleinen Kinder entstehen?“, fragt sie ihren Winnie. “Mhmm“, murmelt der unwirsch. Das Gespräch verspricht, peinlich zu werden. “Damals kamen Russen. Die haben mich vergewaltigt.“ Dem Teenager bleibt der Mund offen stehen. Martha Behlau wird bis zu ihrem Tod 2017 im gesegneten Alter von 102 Jahren nie wieder darüber reden.

Geahnt hatte der Junge schon vorher, dass etwas nicht stimmt. Seine beiden älteren Schwestern tuscheln manchmal. Die Familie lebt inzwischen inmitten vieler Flüchtlinge im ostwestfälischen Lage (Lippe). Im Klassenbuch steht, dass Anton Behlau 1942 gefallen ist. Winfried wurde 1946 geboren. Es gibt Lehrer, die bemerken das und bezeichnen ihn als Bastard. “Das kratzte mich wenig, da ich als Kind gar nicht wusste, was ein Bastard war.“

Instinktiv will er es auch gar nicht wissen. Denn Mutters Offenbarung empfindet er als schlimm genug. Die Russen galten als dumm, rückständig, ungehobelt, minderwertig. Und einer von denen war sein Vater. Für Winfried Behlau bricht eine Zeit der inneren Emigration an, wie der Delmenhorster erzählt. “Ich begann mich mit 13 Jahren abzukapseln, scheute den Kontakt zu anderen, fürchtete meine Enttarnung als dummer Russe.“

Winfried Behlau aus Delmenhorst. Er wurde bei der Vergewaltigung seiner Mutter durch einen Russen gezeugt. Quelle: Thoralf Cleven

Doch nicht nur das, er redet sich auch ein, dass er ja eigentlich gar nicht auf der Welt sein sollte. “Einmal hatte ich mir einen Strick um den Hals geschlungen und stand im Fenster. Was, fragte ich mich, wäre, wenn ich nun einen Schritt mache?“ Als seine Mutter ihn einmal mit einem Lederriemen schlägt, weil er bei der Gartenarbeit bockt, schreit er sie an: “Schlag mich doch tot. Das hättest du schon früher machen sollen.“ Suizidgedanken trägt er auch später in seiner zweijährigen Zeit bei der Bundeswehr mit sich, als er mit Waffen umgeht. “Die Angst, ein Russe zu sein, durchdrang mein Leben wie Gift.“

In Deutschland wurde lange zu diesen Kindern geschwiegen. Es war egal, ob sie Folge von Liebesbeziehungen, kurzen Affären, “Überlebensprostitution“ oder von Vergewaltigungen waren. Wenn die Ehemänner aus dem Krieg zurückkehrten, erkannten viele ein fremdes Kind als eigenes an, um sich und der Frau nichts nachsagen zu lassen. In vielen Haushalten wurde doppelt geschwiegen – darüber, was der Mann im Krieg gesehen oder getan hatte, und darüber, was der Frau zu Hause geschehen war. Pfarrer tauften stillschweigend Kinder mit dem Vermerk “Vater unbekannt“.

“Wenig Fürsorge erlebt“

Der 1946 im sächsischen Wurzen geborenen Alexandra Rückert wurde immer erzählt, dass ihr Vater im Krieg vermisst sei. Als sie zehn Jahre alt ist, rutscht ihrer schwangeren Tante im Scheidungsfrust heraus, dass das nicht stimmt. Aber darüber müsse Alexandra mit ihrer Mutter Gudrun reden. Nur: Die will gar nicht. Immerhin bestätigt sie, dass ihr Vater sowjetischer Offizier war und zwei Jahre nach ihrer Geburt verschwand.

Etwas später rückt Alexandras Mutter widerwillig ein Foto von Wladimir Alexandrowitsch Krudilin heraus. Dieser 8 mal 13 Zentimeter große Papierabzug zeigt einen lesenden Mann mit hellen Haaren. Es ist das einzige Bild, das Alexandra Rückert von ihrem Vater besitzt. “Meine Mutter hat mir nie erzählt, wie ihre Beziehung zu meinem Vater war.“

Immerhin erfährt sie 1984, wie innig die Liebe zwischen der 22-jährigen Gudrun und dem 26-jährigen Wladimir, den sie Waldemar nennt, gewesen sein muss. Im Nachlass ihres Großvaters entdeckt sie einen Brief ihrer Mutter an die Eltern aus dem Jahr 1946. “Im Juni, am 15., um 0.50 Uhr im Stadtkrankenhaus kam meine kleine Alexandra zur Welt, da war das Glück voll“, schreibt Gudrun. “Denn Waldemar liebt sein Kindchen und mich mehr denn je. Zu allem Glück sieht sie aus, wie Waldemar aus dem Gesicht geschnitten. Blond, blaue Augen, groß, schlank, Mund und Nase von ihm.“

Alexandra Rückert aus Berlin sucht seit Jahrzehnten nach ihrem Vater. Quelle: Thoralf Cleven

Als die Mutter 1990 im Alter von 65 Jahren stirb, kann Alexandra Rückert nicht weinen. Die Berlinerin, die bis zu ihrer Pensionierung als Kulturmanagerin arbeitete, trägt noch heute schwer am zerbrochenen Vertrauen zu ihrer Mutter, die sich immer mal wieder an neuen Beziehungen mit Männern versuchte, und den schwierigen Familienverhältnissen in ihrer Jugend. “Ich habe wenig Fürsorge erlebt, wurde als Kleinkind eingesperrt oder verprügelt. Wenn meine vier Jahre jüngere Schwester und ich Probleme hatten, ließ sie uns damit allein.“ Das Erstaunliche: Die Mutter ist eine allseits gelobte Lehrerin. Alexandra Rückert urteilt als Tochter streng: “Im Beruf war sie tadellos, als Mutter war sie grausam.“

Im Gegensatz zu Vätern, die im Krieg gefallen oder aus anderen Gründen nicht mehr in der Familie waren, tat sich für die Besatzerkinder eine dauerhafte Leerstelle auf. Ein Foto, ein (vielleicht richtiger) Name – mehr gab es oft nicht, bei Vergewaltigungskindern nicht einmal das. Keine Geschichten, die noch ewig durch Familien geistern, kein Lieblingsessen des Vaters, kein Musikgeschmack, nichts.

Wladimir Alexandrowitsch Krudilin, genannt Waldemar, ist der Vater von Alexandra Rückert. Quelle: privat

Mit diesen Leerstellen in den Leben von Menschen wie Regina Wagner, Winfried Behlau und Alexandra Rückert beschäftigt sich die Psychologin Heide Glaesmer von der Universität Leipzig. 2013 suchte sie gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Greifswald nach den Kindern des “WK 2“, des Zweiten Weltkriegs.

Mehr als 150 Frauen und Männer füllten ihre Fragebögen aus. Dass sich erst jetzt intensiver mit den Kindern der damaligen Besatzer beschäftigt wird, hängt mit ihnen selbst zusammen, erklärt die Forscherin: “Die meisten Menschen fangen zu suchen an, wenn sie selbst in den Ruhestand gehen oder die Kinder alle aus dem Haus sind. Es ist noch einmal eine Lebensaufgabe. Da ist diese ewige Lücke, die wieder sichtbar wird, wenn das Leben ruhiger läuft.“

Grundlegendes Ergebnis dieser ersten Studie ist, dass Kinder von Besatzungssoldaten keine auffallenden, traumatischen Belastungsstörungen zeigen. “Das ist eine gute Nachricht“, findet Glaesmer gerade im Vergleich mit jüngeren, auch ethnischen Konflikten in Afrika oder auf dem Balkan. “Viele haben sich das Bild eines Vaters herbeifantasiert, dem wahrscheinlich kein Mann entsprechen konnte. Es half aber auch, dem mehr oder weniger subtilen Mobbing in Schule, Familie oder Kirchgemeinde etwas entgegenzusetzen.“

Winfried Behlau mit seiner Mutter und den beiden älteren Schwestern im Jahr 1947. Quelle: privat

Vergewaltigungskinder wie Winfried Behlau hatten es schwerer, stellten Glaesmer und Kollegen fest. Mütter, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind, entwickelten häufig ambivalente Verhältnisse zu den Kindern. Sie wurden selbst als “Huren des Feindes“ stigmatisiert, erhielten zunächst keinerlei finanzielle Hilfen, mehr als die Hälfte erfuhr häufig Ausgrenzungen innerhalb und außerhalb der Familie. Das Gleiche geschah den Kindern, zusätzlich mussten viele es ertragen, als Grund allen Übels zu gelten. Psychologin Glaesmer sagt: “Vor allem Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgingen, machten Bekanntschaft mit Vernachlässigung, Diskriminierung und körperlicher Gewalt. Unserer Studie zufolge signifikant häufiger als der Rest der Bevölkerung dieses Alters.“

Winfried Behlau sagt, seine Mutter war hart. Zu sich selbst und auch im Umgang mit anderen. Aber sie hat ihn nicht anders behandelt als ihre beiden älteren Töchter. “Sie hat mich lange gestillt, sie nannte mich Winnie und ich durfte bis zum Alter von zehn Jahren mit ihr in einem Bett schlafen.“

Als er einmal in ihrem Nachtschrank schnüffelte, fand er ganz unten eine Akte. “Kriegsschadensfall Winfried Behlau“ war sie überschrieben. Dort stand, was sie deutschen Behördenmitarbeitern berichtet hatte, um ein bisschen Unterstützung für sich und die drei Kinder zu erbetteln. Der Kriegsschaden, das war er. Die Vergewaltigung war auf den 26. Juli 1945 terminiert. Es geschah auf dem Küchentisch. “Niemand kann sich vorstellen, was Frauen wie meine Mutter mit sich herumtrugen.“

Flucht in den Wald

Je älter Regina Wagner wird, desto sehnlicher wünscht sie sich, ihren Vater kennenzulernen. Die letzte Verbindung – das Foto – hatte ihre Großmutter inzwischen verbrannt. Obwohl sie die Vormundschaft für Regina erhalten hatte, misstraute sie den DDR-Behörden. Aus gutem Grund: Kurz nach der Strafversetzung Leos in die Sowjetunion hatten Soldaten versucht, das Baby zu holen, um es vermutlich in ein Heim zu geben. Die Großmutter war mit der Kleinen in den Wald geflohen. Die Furcht, dass ihr jemand Regina wegnimmt, begleitete sie bis ans Lebensende.

Die Oma verbietet Regina, darüber zu reden, dass ihr Vater Russe ist. Immerhin kennt sie seinen Namen: Leonid Petrowitsch Ulitin. So schleicht sie als Kind über Friedhöfe, um zu schauen, ob sein Name auf einem Grabstein steht, und löchert den Pfarrer mit Fragen. “Geholfen hat mir niemand“, erzählt die Kleinmachnowerin.

Als sie 14 ist, stirbt die Großmutter. Beide lebten damals bei Reginas Tante in Stahnsdorf bei Berlin. Regina beendet die Schule, arbeitet und beginnt eine Lehre als Feinmechanikerin. Mit 20 bittet sie in einem Brief an die DDR-Botschaft in Moskau um Hilfe. Niemand antwortet.

Das einzige Foto von Regina Wagners Vater Leonid. Quelle: Jacqueline Schulz

Nach dem Mauerfall sucht Regina Wagner intensiver. Sie wühlt in Archiven, kontaktiert Suchdienste, schreibt Briefe an russische Institutionen. Lange vergeblich. “Was ich mir in den Kopf setze, ziehe ich aber durch“, sagt sie. Mit Erfolg: 2011 hält sie endlich einen Brief aus dem russischen Verteidigungsministerium in den Händen, der bestätigt, dass Ulitin Oberleutnant der Roten Armee war und bis 1985 in Iwanowo, 250 Kilometer nordöstlich von Moskau, gewohnt hätte. Er hatte geheiratet und eine Tochter.

Dann ging es sehr schnell. Das russische Fernsehen berichtet in der Vermissten-Sendung “Schti menja“ über ihre Suche, schon zwei Wochen später sitzt Regina Wagner mit Mann, Tochter und Sohn auf Einladung des Senders im Flieger nach Moskau. “Das erste Mal in meinem Leben war ich still“, erinnert sie sich. “Plötzlich fragte ich mich: Worauf hast du dich da eingelassen?“

Im Studio laufen auf riesigen Bildschirmen Fotos ihres Vaters und ihre. Dann gehen die Türen auf und der Moderator sagt feierlich “Regina, kommen Sie zu ihrer großen Familie.“ Das ist sie tatsächlich: Da kommen plötzlich drei Schwestern auf sie zu. Sie haben ihre Männer, Kinder und Enkel dabei. “Ich war wie erstarrt. Mir schossen so viele Gedanken durch den Kopf. 65 Jahre war ich quasi Einzelkind und plötzlich standen mir Fremde gegenüber, die meine Familie waren“, erzählt Regina Wagner.

Plötzlich Großfamilie: Regina Wagner hat ihre Schwestern über eine Vermissten-Sendung im russischen Fernsehen kennengelernt. Quelle: Jacqueline Schulz

Die Fremdheit dauert nur wenige Minuten. Ihre Schwestern Tatjana, Lydia und Galina nehmen Regina in ihre Mitte. Tränen fließen, die niemand übersetzen muss. Eine von Reginas neuen Nichten spricht fließend Deutsch, den Rest regeln Finger, Hände, Füße. “Drei Tage lang haben wir gegessen, getrunken, getanzt und gesungen. Ich fühlte mich befreit.“ Sie erfuhr, dass Leonids russische Frau versucht hatte, Regina nach Russland zu holen, nachdem sie erfahren hatten, dass ihre Mutter Vera in Deutschland gestorben war. Das hatte die Großmutter durch ihre Flucht in den Wald offenbar vereitelt. Ansonsten wäre Regina Wagners Leben ganz anders verlaufen.

Ein Jahr später besuchte sie das Grab ihres Vaters, der 1986 gestorben war, in Iwanowo. Er hatte als Drechsler gearbeitet. 80 ist er geworden und sei stets melancholisch gewesen, erzählten ihr die Schwestern. Das erinnerte sie an Omas Worte. “Leo saß am letzten Abend in Deutschland an deinem Bettchen und hat bitterlich geweint.“

“Für viele schließt sich der Kreis“

Auch Wissenschaftler wie die Leipzigerin Heide Glaesmer und der Grazer Stefan Karner sind immer wieder von diesen Geschichten berührt. “Für viele schließt sich der Kreis, wenn sie am Grab des unbekannten Vaters stehen können“, sagt die Psychologin. Historiker Karner ist überzeugt, dass Kriege erst dann wirklich beendet sind, wenn auch die Geschichten der Besatzerkinder geklärt sind.

Die Hoffnung, noch mehr über ihren Vater zu erfahren, gibt die Berlinerin Alexandra Rückert nicht auf. Sie versucht es auf vielen Kanälen. “Aber es ist auch stets die Angst dabei, was einen am Ende erwartet“, sagt sie. Ihr ist es wichtig, dass sie überhaupt und endlich über alles reden kann. “Wenn man das meiste im Leben mit sich selbst abmacht, ist man ziemlich schlecht darin, die eigene Bedürftigkeit zu formulieren oder um Hilfe zu bitten. Aber ich habe gemerkt, wie es meinen Panzer aufgebrochen hat.“

Selbstkritisch schätzt sie ein, viel zu spät erkannt zu haben, wie wertvoll das Leben in einer Familie ist. Ihr Mann, der 18 Jahre älter und “vielleicht auch ein bisschen Vaterersatz war“, lebt nicht mehr. Alexandra Rückert will sich postum mit ihrer Mutter aussöhnen, auch habe sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Tochter, die 45 ist und in Kanada lebt. “Ich spüre in mir ein paar Muster, die ich von meiner Mutter kenne. Darüber muss ich viel nachdenken, darüber muss ich mit meiner Tochter reden.“

Alexandra Rückerts Mutter Gudrun im Jahr 1944 Quelle: privat

Winfried Behlau sagt, er habe sich nie den Kopf darüber zerbrochen, wer oder was sein Vater war. Aus Scham, aber auch aus Abscheu. Er hat nichts gegen Russen. Seine Furcht aus Kindertagen, dass er ein Russe ist, war auch unbegründet. “Ich kann nicht tanzen, ich singe schlecht, und sehr trinkfest bin ich auch nicht“, meint der pensionierte Mathe- und Physiklehrer lächelnd.

Nicht zuletzt: Die Zeiten ändern sich. Ostern war ein Enkel von Winfried Behlau zu Besuch in Delmenhorst. Er erzählt dem Großvater, dass ein Klassenkamerad in der Schule damit geprahlt hätte, zu einem Achtel Amerikaner zu sein. “Opa“, zitiert Behlau seinen Enkel, “dem habe ich gesagt, dass ich zu einem Achtel Russe bin. Da war der still.“

“Jedem war klar: Eine Heirat ist ausgeschlossen“

Professorin Silke Satjukow ist Historikerin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Quelle: privat

Frau Professorin Satjukow, für alle Armeen, die Deutschland vom Nazi-Regime befreiten, galt das Verbot, zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Art mit den Deutschen einzugehen. War das realitätsfremd?

Ja. Das Fraternisierungsverbot galt zwar auf dem Papier, in die Praxis konnte das jedoch nicht umgesetzt werden. Amerikaner, Briten, Russen, Franzosen und Deutsche lebten ja nach dem Krieg Tür an Tür – nicht selten teilten sie sogar Küche und Badezimmer. Selbstverständlich wachsen dabei Verständnis füreinander und darüber hinausgehende Sympathien.

Gab es Unterschiede zwischen den Besatzungsmächten?

Briten und Amerikaner waren generalstabsmäßig auf die Besetzung Deutschlands vorbereitet. Die hatten einen genauen Plan, wer wofür verantwortlich ist und wo die Einheiten kaserniert werden. Franzosen und Russen hingegen handelten unbürokratischer und entschieden häufig spontan.

Stimmt es, dass in der Roten Armee Kommandeure darüber hinwegsahen, wenn sich Soldaten mit deutschen Frauen einließen?

Sowjetische Offiziere hatten eine Million junge Männer zu befrieden, die eine Menge Wut im Bauch hatten. Sie kamen aus einer vorwiegend bäuerlichen Gesellschaft und begriffen nicht, warum ein Land wie Deutschland, das feste Straßen, Wasserleitungen und Häuser wie Paläste besaß, sie überhaupt angegriffen hatte. Es war ein Clash der Kulturen, der von vielen mit Alkohol oder Sex bewältigt wurde.

Was passierte, wenn dann Kinder zur Welt kamen?

Kommandeure handelten unterschiedlich. Einige fanden, solange der Soldat diese kleine Familie mit ernährt, muss gar nichts passieren. Andere wiederum handelten sofort und versetzten den Mann an einen anderen deutschen Standort oder nach Hause in die Sowjetunion. Die Dienstzeit der Soldaten endete ohnehin nach drei Jahren. Viele Männer verschwanden über Nacht und hinterließen keine Adresse.

Bestrafungen gab es keine?

Jedenfalls nicht für sexuelle Beziehungen. Bestrafungen wie Sibirien, Arbeitslager oder gar Erschießungen sind verständliche Erklärungen zurückgelassener Frauen, die plötzlich mit Kind und ohne Ernährer dastanden. Es sind alte Mythen, neu aufgelegt.

Die Soldaten wussten also . . .

. . . von Anfang an, dass die Beziehungen zu Deutschen keine Zukunft hatten. Und die meisten Frauen wussten es eigentlich auch. Jedem war klar: Eine Heirat ist ausgeschlossen. Doch die Verliebten wollten davon nichts wissen. Und aus Briefen wissen wir, dass so mancher Rotarmist nie vorhatte, seine „Kriegsbraut“ nach Hause zu bringen. Eine Deutsche in der Nachkriegs-Sowjetunion – das war praktisch undenkbar.

War das bei Briten, Amerikanern und Franzosen anders?

Ab 1946 gab es für sie zwar die Möglichkeit zu heiraten. Praktisch war das aber auch hier schwierig. Eine Deutsche galt in den USA, in Großbritannien oder Frankreich als Nazi. Das war eine mental nicht zu unterschätzende Hürde. Und auch hier erzählten die wenigsten zu Hause, dass es in Deutschland ein Kind von ihnen gibt.

Wie wurde in Deutschland mit den Müttern und ihren Kindern umgegangen?

Im Osten war die Diktion: Der Rotarmist hat uns befreit und ist nun ein Freund. Das Thema wurde unter den Teppich gekehrt. Die Kinder galten einfach als außerehelich geborene Deutsche. Die Mütter hatten zu arbeiten, um für sie zu sorgen.

Und im Westen?

Hier wurde bis Mitte der 1950er-Jahre davon ausgegangen, dass diese Kinder, obwohl sie rechtlich gesehen Deutsche waren, zu gegebener Zeit in ihre “Herkunftsländer“ abgeschoben würden.

Was wurde öffentlich diskutiert?

Es ging darum, dass alliierte Soldaten gewöhnlich sang- und klanglos verschwanden und fast nie Alimente zahlten. Und es ging darum, was “wir mit den ganzen Schwarzen“, also Mischlingskindern, anfangen sollten.

Und die Mütter fragte niemand?

Bis Ende der 1950er-Jahre wurden die Frauen in westdeutschen Sozialämtern nicht selten als “Flittchen“ behandelt, wenn sie dort um Hilfen baten. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis sich die Gesellschaften im Osten wie im Westen an die fremden, oft “anders aussehenden“ Kinder gewöhnt hatten. Für viele kam dies zu spät: Die lange Stigmatisierung hatte bei Müttern wie Kindern zur Selbststigmatisierung geführt – ein Leben lang.

Späte Befreiung in der Gruppe der Distelblüten

Cover des Buchs "Distelblüten" Quelle: Knut Weise

Als 2012 in der Lokalzeitung ein Artikel über schlechte Väter stand, schrieb der Delmenhorster Winfried Behlau einen brummigen Leserbrief: “Lieber einen schlechten Vater haben als gar keinen.“ Eine Reporterin spürte da eine Geschichte und schrieb sie nach einem Treffen mit Behlau, der infolge einer Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten auf die Welt gekommen war, auf. Es folgten Vorträge, Diskussionen, es meldeten sich Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilten.

“Als ich mich geoutet hatte, fiel jegliche Angst von mir ab. Nichts konnte mir mehr passieren. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Endlich konnte ich auch meinen drei Söhnen erzählen, wie es mir ging. Alles konnte raus.“

Für ihn sei seine Geschichte abgeschlossen, sagt Behlau. Die späte Befreiung wünscht er nun anderen. Die Geschichten über die Besatzerkinder sind jetzt seine Mission. Er hat etliche im Buch “Distelblüten“ veröffentlicht, reist zu Lesungen durch Deutschland, nimmt an internationalen Kongressen teil, hat mit anderen eine Gruppe für Russenkinder gegründet, die sich einmal jährlich in Leipzig trifft. Sie animieren Betroffene, sich zu öffnen, und betreiben eine eigene Homepage, zu finden unter der Adresse:

http://russenkinder-distelblueten.de

Das Buch “Distelblüten – Russenkinder in Deutschland“ kostet 9,90 Euro und ist über die oben angegebene Internetadresse erhältlich.

Von Thoralf Cleven

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