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Welt Die Angst der Politiker vor „El Chapos“ Geheimnissen
Mehr Welt Die Angst der Politiker vor „El Chapos“ Geheimnissen
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22:38 22.11.2018
„El Chapo“ im Jahr 2014 bei einem Transfer durch mexikanische Marinesoldaten. Im Prozess in New York trägt er Anzug und Krawatte – Fotos aus dem Gerichtssaal existieren nicht. Quelle: Eduardo Verdugo/dpa
Mexiko-Stadt

Jedes Mal, wenn Joaquín Guzmán und seine Anwälte den Verhandlungssaal des Bundesgerichts von Brooklyn in New York betreten, zittert einige Tausend Kilometer südwestlich eine ganze Heerschar mexikanischer Politiker. Guzmán, den alle nur „El Chapo“, den Kleinen, nennen, kennt wie kein anderer die Bestechlichkeit von Mexikos Machthabern auf allen Ebenen. Und sollte er Details ausplaudern und Anschuldigungen erheben, drohen im südlichen Nachbarland politische Krisen.

Mehr als ein Jahrzehnt hat Guzmán Bürgermeister, Gouverneure, Staatsanwälte, Polizeichefs, Sicherheitsminister und nach Aussagen seines Verteidigers Jeffrey Lichtman sogar zwei Staatschefs auf seiner Gehaltsliste geführt. Ob er wirklich den scheidenden Präsidenten Enrique Peña Nieto persönlich mit Millionen geschmiert und auch dessen Vorgänger Felipe Calderón bestochen hat, wie sein Verteidiger behauptet, bleibt wohl unbewiesen. Denn die Zahlungen – falls sie denn erfolgten – liefen immer über Mittelsmänner. Klar ist aber, dass der kleine Drogenboss nur deshalb ein ganz Großer im Business wurde, weil mexikanische Behörden und Politiker ihn gewähren ließen und unterstützen. Dabei ist auch klar, dass Guzmán lange beste Beziehungen bis ganz oben in den Präsidentenpalast Los Pinos hatte.

Vom armen Jungen zum globalen Gangster

Es ist dieses typisch mexikanische Biotop, das Karrieren wie die von Joaquín Guzmán erst möglich macht – den Aufstieg vom armen Jungen aus dem Hochland von Sinaloa zum globalen Gangster. „Korruption und Straflosigkeit“, sagt Francisco Jiménez Reynoso, Experte von der Universität Guadalajara, sei die Formel, die ihm erlaubt habe, so lange so ungestört seinen Geschäften nachzugehen. Chapo und sein noch immer frei herumlaufender Kompagnon Ismael „El Mayo“ Zambada hätten sich mit Millionenzahlungen die Freiheit erkauft, kolumbianisches Kokain über Mexiko in die USA zu transportieren und zunehmend auch in Mexiko produziertes Heroin, Marihuana und synthetische Drogen in das Nachbarland im Norden zu liefern.

Die Gerichtszeichner dokumentiert den Prozess am Bundesgericht von Brooklyn. Der Mann im dunklen Anzug (Mitte) soll Joaquin „El Chapo“ Guzman darstellen. Quelle: Elizabeth Williams/dpa

Aber es kommt noch ein wichtiger Aspekt hinzu: der Mythos vom „guten Narco“. Menschen wie „El Chapo“ und „El Mayo“ werden – anders als die kalten Schlächter konkurrierender Banden – nicht nur als Verbrecher und Wahnwitzige gesehen, sondern vor allem als Wohltäter, die in der Folge den Schutz der Bevölkerung genießen. Aber dazu später.

Chapo hatte offenbar einen direkten Draht zum Sicherheitsminister

Jahrelang trafen also die Schläge der Militärs, der Drogenfahnder und Sonderkommandos fast immer nur die anderen Kartelle. Der Staat ging vor allem unter dem konservativen Staatschef Calderón (2006 bis 2012) gegen die „Zetas“, das „Golf-Kartell“, die Beltrán-Leyva-Organisation und das Tijuana-Kartell vor. Aber dem Sinaloa-Syndikat von Guzmán wurden nur homöopathische Dosen Staatsmacht verabreicht.

Zwischen 2006 und 2012, so heißt es, habe Guzmán einen direkten Draht zu Sicherheitsminister Genaro García Luna gehabt, dem er Gegner und in Ungnade gefallene Kooperanten ans Messer lieferte und angeblich 56 Millionen Dollar an Schmiergeldern zahlte. Auch ausländische Geheimdienste und Experten für Organisierte Kriminalität sahen García Luna immer auf beiden Seiten des Gesetzes operieren. Die Idee hinter dieser Politik war es, das größte Kartell Mexikos zu stärken und damit gleichzeitig die anderen zu schwächen, um so die Revierkämpfe zu reduzieren.

Mit seiner spektakulären Flucht düpierte Chapo die Regierung

Guzmán verlor seine Protektion erst, als den Kartellboss die Hybris ereilte, er Absprachen mit der Regierung brach und sich in Nachahmung des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar sogar in politische Angelegenheiten einmischen wollte. Zeitgleich änderte sich mit dem Regierungswechsel von Calderón zu Peña Nieto Ende 2012 auch der politische Fokus. Peña Nieto wollte die Kartelle und die Gewalt zurückdrängen und Mexiko als Wirtschafts- und Reformland präsentieren. Er ließ Chapo mithilfe der USA nun ernsthaft jagen. Im Februar 2014 wurde er gefasst, düpierte die Regierung aber erneut mit einer spektakulären Flucht im Juli 2015. Nach seiner abermaligen Festnahme im Januar 2016 war klar: Chapo muss ausgeliefert werden. Für Mexikos Machthaber ist er ein zu großes Risiko, weil er in keinem Knast sicher aufgehoben ist. Es ist die Kapitulation des mexikanischen Rechtsstaates, die auch dadurch illustriert wird, dass bis heute nicht ein einziges Verfahren gegen den legendären Drogenchef in seiner Heimat anhängig ist.

Polizisten untersuchten 2015 das Ende des Tunnels in diesem Haus – auf diese spektakuläre Art war Chapo aus dem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano entkommen. Quelle: Yuri Cortez/afp

Den ersten Verhandlungstagen des größten Mafiaprozesses in New York seit zwanzig Jahren folgt der 61 Jahre alte Mexikaner in seinem gewöhnungsbedürftigen Outfit weitgehend schweigend. Er trägt dunklen Anzug, dunkle Krawatte und weißes Hemd, so hatte man ihn vorher noch nie gesehen. Wenn die Staatsanwaltschaft oder seine Verteidiger zu ihren Einlassungen ansetzen, neigt sich Chapo leicht zu den Übersetzern zur Seite. Vor allem, wenn sein Verteidiger Lichtman das Wort ergreift, nickt Guzmán immer wieder zustimmend. Etwa dann, wenn es um seine Rolle im Sinaloa-Kartell und in Mexikos Mafia-Universum geht und Lichtman seinen Mandanten zum Mitläufer schrumpft. Der eigentlich starke Mann und Verantwortliche des Sinaloa-Syndikats sei Ismael Zambada, der in seiner knapp 50 Jahre währenden Karriere als Mafioso nicht ein einziges Mal festgenommen wurde.

2000 Menschen skandierten: „Wir wollen unseren Chapo in Freiheit“

Der Prozess gegen Chapo Guzmán belegt also, wie eng Politik und Organisiertes Verbrechen in Mexiko zusammenarbeiten. Die Korruption ist der eine Grund, warum die Capos so lange frei herumlaufen und die Kartelle anscheinend nicht zu besiegen sind. Der andere Grund ist ihre Verankerung in der Gesellschaft.

Im Februar 2014 gingen in Culiacán, der Hauptstadt Sinaloas, 2000 Menschen auf die Straße und skandierten: „Queremos libre al Chapo“: „Wir wollen unseren Chapo in Freiheit“. Es waren Junge und Alte, die da mit finsterer Mine demonstrierten.

Guzmán wird in Sinaloa und großen Teilen Mexikos nicht als Drogenboss und Krimineller wahrgenommen, sondern als Arbeit- und Almosengeber. Er tat in der Überzeugung vieler Menschen Böses, um Gutes zu bewirken. Die Realität um einen der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte verkläre sich zu einem Mythos, sagt Elmer Mendoza. „Daraus entstehen dann die wahrhaft großen Legenden.“ Der 68 Jahre alte Schriftsteller muss es wissen. Er stammt aus Culiacán und hat sein ganzes Leben dort zugebracht. Er ist mit Jungen zur Schule gegangen, die später Drogenbosse wurden.

„Wer sich in den abgelegenen Dörfern der Sierra Sinaloas über ausgebesserte Straßen, restaurierte Kirchen und gestrichene Schulen wundert, dem sagen die Menschen offen, dass es der ‚Chapo’ war“, erzählt Mendoza. Auch nach Naturkatastrophen hilft das Sinaloa-Kartell schneller mit Lebensmitteln und Medikamenten als der Staat.

Chapos heimliche Romanze wird ihm zum Verhängnis

Diese Mischung aus Gangster und Gutmensch war es auch, die Kate del Castillo vor sechs Jahren dazu brachte, einen Appell in die virtuelle Welt zu senden, der sich eigentlich an den Großganoven richtete: „Ich glaube heute mehr an Chapo Guzmán als an die Regierungen, die nichts tun und Wahrheiten vorenthalten“, schrieb die Schauspielerin damals auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Diese 127 Zeichen lösten heftige Reaktionen aus. Die Regierenden schäumten, die Bevölkerung wunderte sich. Und die durchschnittlich begabte Akteurin del Castillo war plötzlich Gesprächsthema Nummer eins.

Geliebte des Drogenbarons: Schauspielerin Kate Del Castillo (damals 43) bei einer Gala in Los Angeles im Jahr 2015. Quelle: imago

Damals, Anfang 2012, war El Chapo mal wieder auf der Flucht, hörte in seinem Versteck von diesem Tweet, fühlte sich geschmeichelt, sandte Blumen und seine Emissäre zu der Darstellerin. Und so begann eine heimliche und platonische Romanze. Die Darstellerin und der Drogenboss hatten eine gegenseitige Schwäche füreinander. Die Kurznachrichten zeigen über die Jahre einen säuselnden und umsorgenden Drogenbaron. Und eine Schauspielerin, die sich darauf einlässt.

Kurz vor dem berühmten Treffen im Oktober 2015 schrieb der flirtende Drogenboss: „Du bist das Beste in dieser Welt. Wir werden sehr gute Freunde sein. [...] Vertraue mir, dass es dir gut gehen wird. Ich werde dich besser schützen als meinen Augapfel.“ Getarnt als „M“ antwortete del Castillo in dem gleichen liebevollen Ton: „Ich bin überwältigt, dass du mich beschützen willst, Danke!“

Diese Affäre, die so schnulzig war, als stamme sie aus einer der Serien von del Castillo, wurde Guzmán am Ende zum Verhängnis. Als sich die Mimin und der Mafioso gemeinsam mit dem US-Schauspieler Sean Penn letztlich trafen, bekamen das 2500 Geheimdienstler, Computer- und Telekommunikationsfahnder, Polizisten und Militärs aus zwei Ländern mit.

Guzmán wäre ohne dieses Treffen vielleicht noch heute ein freier Mann.

Von Klaus Ehringfeld

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