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Der Mann, der die Antarktis bebaut

Architektur-Highlights im ewigen Eis Der Mann, der die Antarktis bebaut

Häuser auf Skiern, Farbe in der Einsamkeit, Heizungen für Gefrierschränke: Der Brite Hugh Broughton ist einer der renommiertesten Architekten fürs Bauen im ewigen Eis. Am Südpol hat er mit der Forschungsstation Halley VI ein Designereignis geschaffen.

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Klare Linien, klare Farben, extreme Bedingungen: Mit der britischen Forschungsstation Halley VI etablierte sich Hugh Broughton als Polararchitekt.

Quelle: James Morris

Hugh Broughton, Ihr Büro ist in London, einer Stadt, die nicht gerade für außergewöhnliches Wetter bekannt ist. Wie war es denn heute Morgen?

(lacht) Es war heute der tristeste Tag des Jahres. Kalt, grau, feucht und windig. Richtig schlimm.

Aber immerhin wärmer als in der Antarktis?

Ja, absolut.

Sie gelten als einer der weltweit führenden Spezialisten beim Bau von Polargebäuden. Wie wird man das, wenn es doch zu Hause so gut wie nie schneit und die Temperaturen fast immer oberhalb des Gefrierpunkts liegen?

Das war einfach nur Glück. Es gab mal einen Designwettbewerb für die britische Forschungsstation Halley VI, an dem wir uns mit anderen beteiligt haben. Einer in unserem Team hatte Erfahrungen beim Bau einer US-amerikanischen Südpol-Station gesammelt. Davon konnten wir alle profitieren. Es gab eine große Lernkurve während der Projektarbeit, letztlich hatten wir dadurch aber viel Erfahrung gebündelt. Und von der zehren wir jetzt.

Was ist anders, wenn man plötzlich bei Temperaturen zwischen minus 30 und minus 40 Grad arbeiten muss?

Es war zugegebenermaßen anfangs eher beängstigend, so leer und kalt. Eine andere Welt. Dann aber entdeckt man die unglaublichen Wolkenformationen, den Wind, die Farben. Am Ende finden Sie es regelrecht entspannend. Wir hatten aber auch „nur“ Temperaturen bis minus 30 Grad, als wir unten waren. Ich selbst bin nicht wirklich gut im Umgang mit Kälte. Alles unter minus 20 Grad empfinde ich nur noch als sehr, sehr kalt.

Wie muss man sich die Antarktis vorstellen?

Das kommt darauf an, wo man ist. Die alte britische Forschungsstation, die wir ersetzt haben, war in einer sehr bergigen, wunderschönen Umgebung. Halley VI, der Nachfolger, steht auf einer Eisscholle. Da ist es nur flach und leer, es gibt keine Berge, nichts. Wenn man dorthin will, kann man das nicht bei Expedia buchen. Wir sind mal über die Falklandinseln angereist, mal über Kapstadt. Und wenn Sie am Flughafen ein Gepäcklabel an Ihren Koffer bekommen, steht darauf kein Flughafencode wie sonst, sondern stattdessen nur “unknown“.

Der Grundanspruch der Designer

Der Grundanspruch der Designer: Die Mitarbeiter in der unwirtlichen Umgebung der Polkappe sollen sich wohlfühlen.

Quelle: James Morris

Was unterscheidet ein Gebäude in der Antarktis von einem in London? Wie muss es gebaut sein, damit es am Südpol dauerhaft stehen kann?

Das ist ganz unterschiedlich. Die neue britische Basis steht auf Eis, das sich laufend vom Kontinent wegbewegt. Deswegen haben wir sie als mobiles Gebäude aus unterschiedlichen Modulen gestaltet. Jedes davon steht auf vier hydraulisch verstellbaren Beinen. Sie können leicht in der Höhe verstellt werden, falls es zum Beispiel zu viel schneit. Grundmaterial der Module ist Glasfaser. Das gibt die Kälte nicht nach innen ab, und es lassen sich sehr große Elemente damit herstellen.

Ist die Möglichkeit, die ganze Station zu bewegen, nur eine theoretische?

Nein, vor einer Woche ist Halley VI umgezogen. Das Eis der Scholle wird brüchig, deswegen wurden die Module quasi auf Skier gesetzt und in sicheres Gebiet geschleppt.

Beim Bau mussten Sie die Module erst einmal ans Ende der Welt bringen. War das nicht aufwendig?

Sehr. Wir haben jedes Jahr nur eine kurze Periode im Sommer der Südhalbkugel, also unserem Winter, in der wir dort unten bauen können. Letztlich sind es nur rund zehn Wochen in jedem Jahr. Bis Halley VI fertig war, dauerte es deswegen vier Jahre.

Forschungsstation klingt nach sehr wissenschaftlicher Umgebung. Halley VI aber erntet vor allem für das bunte Design Beifall. Wie wichtig war das Äußere bei dem Projekt?

Die Mitarbeiter leben dort jeweils für eineinhalb Jahre am Stück. Die Station sollte also nicht nur funktional sein, sondern auch wohnlich. Das war ganz wichtig. Wir haben eigens einen Farbpsychologen engagiert, der uns bei der Innengestaltung beraten hat. Im Winter ist es dort draußen lange dunkel, deswegen wollten wir im Inneren Tageslicht nachempfinden, soweit das möglich war. Sie finden jetzt überall Farbakzente.

Viel Licht, viel Farbe

Viel Licht, viel Farbe: Das Innere der britischen Antarktisstation Halley VI.

Quelle: James Morris

Das beginnt schon außen: Halley VI ist in Blau und Rot gehalten, den britischen Farben ...

Ich weiß, dass das kaum zu glauben ist, aber das war wirklich Zufall: Blau haben wir gewählt wegen der Eisberge. Viele glauben, die seien weiß. Aber das sind sie vor allem auf Fotos nicht. Wenn Sie genau hinschauen, schimmern sie blau. Und: Blau absorbiert die Sonne. Rot war dann ein Farbakzent, um Module hervorstechen zu lassen. Am Ende dachten wir: Hey, das sind ja die britischen Farben. Es war aber keinesfalls unsere Absicht, nationalistisch zu sein. Bei der spanischen Antarktis-Station Juan Carlos haben wir dann aber bewusst Rot und Gelb genutzt, die spanischen Farben.

So schön Ihre Stationen auch sind – hält man es aber tatsächlich eineinhalb Jahre darin aus?

Wir haben zumindest alles dafür getan. Es ist sogar im Winter ein Chefkoch vor Ort. Die haben oft vorher irgendwo auf der Welt in großen, guten Restaurants gearbeitet. Außerdem gibt es Mechaniker, einen Arzt und zur Sonnenwende am 21. Juni ein großes Fest. Die Station verfügt sogar über Internetanschluss, allerdings keine große Bandbreite. Sie ist zu gering fürs Streaming. Wenn Sie Serien schauen, können Sie wohl nur eine Folge pro Woche puffern. Vorräte sind sehr wichtig, denn das Versorgungsschiff kommt nur einmal um Weihnachten herum und dann noch einmal im Februar mit frischen Lebensmitteln.

Kalt genug dürfte es ja sein für die Vorratshaltung ...

Es wird manchmal sogar so kalt dort unten, dass Sie die Gefrierschränke beheizen müssen, damit sie funktionieren.

Ein temporäres Zuhause mit Charakter

Ein temporäres Zuhause mit Charakter: Halley VI ist ebenso schön anzuschauen wie praktisch. Die Fotos von Halley VI stammen aus dem Buch “Ice Station – The Creation of Halley VI“ (Text: Ruth Slavid, Fotos: James Morris), 96 Seiten, Park Books.

Quelle: James Morris

Haben Sie aus Ihren Projekten in der Antarktis etwas für andere Bauten in Europa lernen können?

Ja, unter anderem haben wir Erfahrungen bei der Isolierung sammeln können. Unser Wissen nützt uns auch bei der Zusammenarbeit mit der Nasa, mit der wir wegen deren Marsexpeditionen zusammenarbeiten. Wir erforschen den Minimalraum, den ein Astronaut zum Leben braucht. Auch bei Wassereffizienz und Nachhaltigkeit sammeln wir in der Antarktis wichtige Erfahrungen.

Welche ungewöhnlichen Orte würden Sie noch gern bebauen?

Berge wären mal schön, das haben wir noch nie gemacht. Ich könnte mir aber vorstellen, unsere Erfahrungen aus der Antarktis zu nutzen, um beispielsweise in den Alpen etwas zu bauen. Pläne haben wir aber nicht dafür. Ich mag herausfordernde Projekte. Grundsätzlich machen wir in unserem Büro nicht viele kommerzielle Sachen.

Gibt es weitere antarktische Projekte?

Wir beginnen jetzt mit der Arbeit an einer weiteren Polarstation für ein anderes Land. Da sind wir aber noch in der Projektphase.

Raum für Forschung und Freizeit

Raum für Forschung und Freizeit: Ein Entwurf der Innenräume von Halley VI.

Quelle: Hugh Broughton

Zur Person: Hugh Broughton, geboren 1965 in Worcester, ist einer der weltweit führenden Architekten für Polarforschungsstationen. Sein Londoner Büro zeichnet neben Halley VI unter anderem für die Juan Carlos I Antarctic Base sowie ein US-Wissenschaftsprojekt in Grönland verantwortlich. Auch in Großbritannien baute Hugh Broughton Architects mehrere Gebäude, unter anderem einen Teil des Maidstone Museums sowie der sanierten Painted Hall in London-Greenwich.

Hugh Broughton

Hugh Broughton

Quelle: Jane Airey

Frisches Gemüse im Eis: Das Containergewächshaus

Frische Salate, Gurken, Radieschen und Erdbeeren – das soll in Kürze in der weißen Einöde der Antarktis wachsen. Möglich machen wollen das Experten vom Deutschen Zen-trum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dafür haben sie ein Gewächshaus entwickelt, in dem Gemüse und Kräuter ohne Erde und Tageslicht gedeihen. Im Januar sind die zwei Container, in denen die Hightech-Gemüsezucht untergebracht ist, in der Antarktis angekommen. Jetzt sind die Wissenschaftler mit dem Aufbau beschäftigt, bevor Projektleiter Daniel Schubert und sein Team die ersten Pflanzen aussäen können.

In den Containern wachsen die Pflanzen komplett unter künstlichem Licht. Alle paar Minuten werden die Wurzeln computergesteuert mit einer Nährstofflösung besprüht. “Die Pflanzen können die Nährstoffe dadurch besonders gut aufnehmen“, sagt Schubert.

Auch die Luft im Gewächshaus soll das Gedeihen der Pflanzen fördern. Sie hat einen höheren Kohlendioxidgehalt. Filter halten Keime und Pilzsporen ab, eine spezielle Anlage sterilisiert die Luft mit UV-Strahlung. Pestizide sind deshalb nicht nötig. Das Gewächshaus verfügt über einen geschlossenen Kreislauf, in dem Luft und Wasser immer wieder recycelt werden. Die Energie kommt von der 400 Meter entfernten Forschungsstation Neumayer III.

Wachstum unter künstlichem Licht

Wachstum unter künstlichem Licht: Der Prototyp des Antarktisgewächshauses.

Quelle: dpa

Schubert und zwei seiner DLR-Kollegen verlassen die Antarktis mit einem der letzten Flugzeuge, bevor dort der Winter anbricht. Dann ist die Station nämlich nicht mehr erreichbar. Dort überwintern wird allerdings der Raumfahrtingenieur Paul Zabel. Mit Pflanzenzucht hatte er bisher nicht so viel zu tun. “Bei einem Crashkurs in den Niederlanden habe ich mich zwei Wochen intensiv im Gemüseanbau trainieren lassen, damit ich erkennen kann, wie es den Pflanzen geht“, sagte er kurz vor seinem Aufbruch in die Antarktis.

Wenn alles gut läuft, könnte Zabel Ende März erstmals Salat und Radieschen ernten. Das zehnköpfige Team, das auf der Polarstation überwintert, freut sich auf das frische Gemüse. Von Ende Februar an werden keine Lebensmittel mehr an die Station geliefert werden können. “Wir sind daran interessiert herauszufinden, ob sich ein positiver psychologischer Effekt mit der frischen Kost erzielen lässt“, sagt Bernhard Gropp vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, der die Polarstation seit Januar leitet.

Bis Ende Dezember soll das Gewächshaus in der Antarktis bleiben. In dieser Zeit will das DLR erforschen, wie groß der Ertrag ist und wie viel Energie für den Betrieb gebraucht wird. Das Forschungsprojekt “Eden-ISS“ gilt als Testlauf für bemannte Missionen auf Mond und Mars, wo Ressourcen nicht so zur Verfügung stehen wie auf der Erde. Auch in anderen extrem kalten Regionen oder in Wüsten könnte das neuartige Gewächshaus zum Einsatz kommen.

Von Michael Pohl

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