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Welt Der Intendant des Berliner Friedrichstadt-Palasts über Angriffe von AfD-Anhängern
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17:42 22.11.2018
Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadtpalast Quelle: Foto: Patrick Gutsche

Das Programm im Friedrichstadt-Palast ist eher wenig politisch. Sie gehören zu den Erstunterzeichnern einer bundesweiten „Erklärung der Vielen“, in der sich Kulturinstitutionen gegen Nationalismus und für Toleranz positionieren. Was erhoffen Sie sich davon?

Unser Haus hat zwei Diktaturen hinter sich – wobei ich die DDR auf gar keinen Fall mit dem Dritten Reich gleichsetzen will. Die Gründer des Friedrichstadt-Palastes in der jetzigen Tradition haben unter dem Nazi-Regime gelitten. Der jüdische Intendant Max Reinhardt floh und starb einsam in New York, der jüdisch-stämmige Regisseur Erik Charell musste ebenfalls Deutschland verlassen, und der Architekt Hans Poelzi, der unseren Vorgängerbau für Reinhardt umgebaut hatte, wurde als entarteter Künstler verfemt. Das ist für mich eine Verpflichtung, dazu beizutragen, dass wir nicht verschlafen in ein Viertes Reich taumeln. Wer, wenn nicht die Theater, sollten sich dagegenstellen, als Vorreiter und Speerspitze? Jetzt werden ja die Intendanten und Kulturschaffenden aktiv, in der Berliner Erklärung bezeugen sie, dass sich die Theater und Institutionen gegenseitig stützen wollen.

Nach der Bundestagswahl 2017 haben Sie gesagt, AfD-Wähler seien in Ihrem Haus nicht willkommen. Trugen Sie so nicht noch zur Spaltung der Gesellschaft bei?

Viele sind auf die AfD hereingefallen. Wir haben uns öffentlich von dem rassistisch-nationalisten Weltbild distanziert, das diese Partei vertritt. Die AfD hat umgehend daraus gemacht, dass ihre Wähler ausgegrenzt werden. Ich habe keine Hausverbote erteilt, sondern festgehalten, dass sie Mittäter sind. Dazu stehe ich weiterhin.

Sie haben daraufhin Morddrohungen und Hassmails bekommen, eine Aufführung musste wegen einer Bombendrohung abgesagt werden. Prägt diese Erfahrung das Haus bis heute?

Ein Jahr später hat sich schon viel verändert. Viele haben sich an der großen Demonstration #Unteilbar am 18. Oktober beteiligt. Auch jene, die mich angegriffen haben, sehen, dass die AfD im Kern immer mehr eine nationalistische und rassistische Partei ist. Sie ist zwar demokratisch gewählt, aber sie vergiftet das Land. So verhalten wir uns angemessen, und ich glaube, dass man sich als Theater auch abgrenzen kann von dem Weltbild, was dort propagiert wird, das reine Deutsche, auch die völkische Kultur.

Haben Sie den Eindruck, dass Kulturinstitutionen vermehrt Übergriffen durch Rechte ausgesetzt sind?

Wir haben das größte Kinder- und Jugendensemble Europas mit 250 Kids – darunter viele mit asiatischem Hintergrund oder dunkler Hautfarbe. Das Angeschautwerden, Zischen, Anrempeln, Zurufe wie „Benimm dich, solange du hier bist“: Das sind so Kleinigkeiten, an denen sie merken, dass sie nicht mehr als Berliner Kinder, sondern als Fremdkörper wahrgenommen werden. Auch erwachsene Künstler, die einen internationalen Hintergrund haben und schon lange hier leben, fragen sich, ob sie hier noch erwünscht sind, und das macht ihnen Angst. Sie werden nicht unbedingt angegriffen, aber sie merken, dass sich die Leute immer mehr herausnehmen, sie werden offen unverschämt. Das ist das Gift, was die AfD ausstreut. Früher wären Leute dafür sozial geächtet worden oder hätten ihren Job verloren.

Zur Person

Berndt Schmidt war der erste Intendant einer staatlichen Bühne, der sich nach der Bundestagswahl 2017 vom Weltbild der Alternative für Deutschland (AfD) distanziert hat. Darüber entbrannte eine bundesweite Diskussion, wie Theater mit Rassismus und Rechtsextremismus umzugehen haben. In der Folge erhielt Schmidt zahlreiche Hassmails. Nach einer Bombendrohung kurz vor Beginn der Abendvorstellung am 7. Oktober 2017 wurde der Palast mit 1800 Gästen geräumt. Mehr als 140 Berliner Kulturinstitutionen – von Berliner Ensemble bis Deutsche Oper – haben jüngst gemeinsam die „Erklärung der Vielen“ für die Freiheit der Kunst und gegen Angriffe von rechts auf Kulturinstitutionen veröffentlicht. Ähnliche Erklärungen kamen aus Städten wie Dresden, Hamburg und Düsseldorf.

Von Nina May/RND

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