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Welt „Bewegte Zeiten“: Ausstellung zeigt in Berlin die spektakulärsten Funde der Archäologie
Mehr Welt „Bewegte Zeiten“: Ausstellung zeigt in Berlin die spektakulärsten Funde der Archäologie
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06:32 26.09.2018
Die Himmelsscheibe von Nebra, vorn im Bild, soll mit einem Wert von 100 Millionen Euro versichert sein. Im Hintergrund sind Goldhüte aus der Bronzezeit zu sehen. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa
Berlin

Wenn ein Mensch geboren wird, gilt sein erster Drang der Bewegung: Schon ein Baby streckt die Beine, dann lernt es sich zu drehen, zu krabbeln und schließlich zu laufen – schon ist der Mensch nicht mehr an einen Ort gebunden und sichert sich sein Überleben. Ein Erwachsener schafft es, etwa 30 Kilometer am Tag zu überbrücken. In weniger als einem Monat kann man von Flensburg nach München laufen. Wie groß der Einfluss menschlicher Bewegung schon seit Anbeginn der Zivilisation auf die Kultur war, zeigt die Ausstellung „Bewegte Zeiten“, die bis zum 6. Januar im Gropius-Bau in Berlin zu sehen ist.

Dafür geht die Archäologie-Schau weit zurück: zu alten Pfaden und Trassen, deren Verlauf noch die heutigen Straßen oftmals folgen. Um dies zu veranschaulichen, stellen die Ausstellungsmacher den historischen Exponaten multimediale Technik zur Seite. Schwarze Schatten laufen über eine Wand, Autos und Flugzeuge ziehen ebenfalls vorbei. Davor liegen Fundstücke von antiken Straßen, die sich durchs Bundesgebiet ziehen – immer wieder versucht die archäologische Leistungsschau von den Exponaten Bezug zum Erfahrungshorizont des heutigen Besuchers zu nehmen.

Leistungsschau der Archäologie: Exponate aus jedem Bundesland

Über 300 Fundkomplexe – die spektakulärsten der vergangenen 20 Jahre – versammeln sich unter dem Dach des Gropius-Baus. Die Venus vom Hohlefels, etwa 40 000 Jahre alt. Das älteste Rad der Welt – vom Bodensee. Die Himmelsscheibe von Nebra, etwa 4000 Jahre alt. Die Exponate reihen sich nicht durch ihre chronologische Einordnung aneinander, sondern beziehen sich durch thematische Nähe aufeinander. Die Ausstellungsmacher haben vier Schwerpunkte festgelegt: Mobilität, Konflikte, Austausch und Innovation – eigentlich klingt das eher nach einem Workshop für Führungskräfte und nicht nach einer Ausstellung über die Menschheitsgeschichte.

„Der Mensch ist ein Wanderer. Dafür ist er gebaut“, sagt Professor Matthias Wemhoff, Leiter der Ausstellung und des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Wenn jemand unterwegs ist, geht er nicht allein: Er nimmt sein Wissen mit, hat seine Techniken im Gepäck und manchmal auch seine Habseligkeiten dabei – damals wie heute.

An der Wand sind die Spundwände aus dem römischen Hafen in Köln aufgereiht – davor liegen Bruchstücke als Zeugnisse des Alltags aus der römischen Kolonie. Quelle: Anne Pollmann/dpa

Funde aus Deutschland – Geschichten aus Europa

Als in Köln 2007 eine neue U-Bahn gebaut wurde, fanden die Grabenden ein altes Hafenbecken aus einer Zeit, als die Stadt noch römische Kolonie war – etwa im ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus. Römische Spundwände, Holzpfähle wie riesige Walrippen, stehen an der Wand im Lichthof des Gropius-Baus. Davor liegen verteilt tausende Tonscherben, Bruchstücke eines Alltagslebens. Doch sie stammen nicht aus Köln. Wein-Amphoren sind aus Italien, andere Krüge für Olivenöl kommen ursprünglich aus Spanien. Handelsschiffe haben sie einst nach Köln gebracht. Auch römische Kriegsschiffe lagen vor Anker. Die Ausstellung will mit der Vorstellung aufräumen, dass früher die Menschen in ihrem einen Tal gelebt haben und von dem Rest der Welt – anders als heute zu Zeiten der Globalisierung – nichts mitbekommen hätten. Der Besucher soll sich von der Idee loslösen, dass wir in besonders bewegten Zeiten leben.

Doch die Geschichte Europas war auch eine blutige: Am Harzhorn, am Westrand des Harzes, kämpften Römer und Germanen um die militärische Vorherrschaft im Norden. Auch von diesen Schattenseiten von Populationsbewegungen erzählt die Ausstellung.

„Bewegte Zeiten“ als Antwort auf Seehofers These „Migration als Mutter aller Probleme“

Die Himmelsscheibe von Nebra. Quelle: Anne Pollmann/dpa

Wenn jemand auf Nationalismus pocht, auf Abschottung, wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer ausruft, dass die Migration die Mutter aller Probleme sei, dann lohnt sich ein Blick in die Erdschichten und in die Ausstellung. Die vermittelt den Eindruck: Migration ist vielmehr die Mutter aller Entwicklung. Alle gezeigten Objekte wurden innerhalb von Deutschland gefunden, im gesamten Bundesgebiet. Und doch erzählen sie nicht von Deutschland, sondern von Europa und darüber hinaus. So wie die Himmelsscheibe von Nebra – der zweitälteste bekannte Versuch von Menschen, den Himmel darzustellen. Gefunden wurde die Scheibe 1999 bei Querfurth in Sachsen-Anhalt. Sie ist etwa 4000 Jahre alt. Schon das verwendete Kupfer stammt aus Österreich, das Gold aus dem britischen Cornwall.

Das astronomische Wissen und die Gestaltung sind aber noch viel weiter gereist. Eine runde Sonne, Sterne, zwei Barken, eine Sichel. Diese Goldapplikationen auf der Scheibe ließen die Forscher rätseln. „Diese Barken erinnern sehr stark an die Sonnenbarken, wie wir sie aus Ägypten kennen. Da überlegen wir, ob es nicht eine Weitergabe von Ideen oder eine direkte Reise in die Region gab, von der Ideen mitgenommen wurden“, erklärt Wemhoff. Auf welchen Routen kam dieses Wissen nach Sachsen-Anhalt? Vielleicht sind es Straßen, die auch heute noch in Benutzung sind – zum Beispiel von Menschen, die aus Krisengebieten fliehen.

Von Geraldine Oetken / RND

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