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Welt „Unsere Utopie ist Normalität“: ein Besuch im Schwerpunktland Rumänien
Mehr Welt „Unsere Utopie ist Normalität“: ein Besuch im Schwerpunktland Rumänien
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02:21 26.02.2018
„Wir Rumänen konsumieren keine Bücher.“ Im Bukarester Buchladen „Humanitas Cismigiu“ liegen sie trotzdem bereit. Quelle: Mathias Wöbking
Bukarest

Seit Januar gehen sie wieder zu Zehntausenden auf die Straße. „Wenigstens ist Rumänien ein Land, in dem es nie langweilig wird“, sagt Mircea Cartarescu mit einem bitteren Lächeln. So oft er kann, protestiert er mit. Von einer „Kleptokratie der Macht“ spricht der 61-Jährige, der als einer der bekanntesten rumänischen Gegenwartsschriftsteller im März zur Delegation seines Landes auf der Leipziger Buchmesse gehören wird. Trotz seiner Kritik an den Mächtigen und obwohl die deutsche Übersetzung seines neuen Buchs erst in anderthalb Jahren erscheint.

Wie Cartarescu haben die meisten Rumänen ihr Vertrauen in die politische Klasse völlig verloren. Ende Januar bildete sich zum dritten Mal seit den Wahlen vor gut zwei Jahren eine neue Regierung. „Sie haben es geschafft“, witzelt Marius Chivu, „noch merkwürdigere Figuren als vorher in die Ämter zu hieven“. Der 39-Jährige ist Literaturkritiker der renommierten Wochenzeitung „Dilema Veche“ und schreibt Kurzgeschichten.

Viorica Dancila heißt die aktuelle Ministerpräsidentin, aber den Namen muss man sich wahrscheinlich nicht merken. Als Strippenzieher gilt Liviu Dragnea, Parteichef der regierenden Sozialdemokraten. Wegen einer Vorstrafe darf er kein Regierungsamt mehr bekleiden – bis auf Weiteres: Dragneas großes Projekt ist eine Justizreform, die den geltenden Antikorruptionsgesetzen den Wind aus den Segeln nimmt. Der lautstarke Protest Hunderttausender in den Straßen von Bukarest, Sibiu, Timisoara, Iasi und anderswo vor einem Jahr und die resultierenden Mahnungen von Europäischer Union und Nato haben die Umsetzung nach Dragneas Ansicht nur aufgeschoben.

Sechs Kulturminister in zwei Jahren

Dennoch verspürt der Philosoph Andrei Plesu „Anflüge von Optimismus“ inmitten der ganzen Misere. „Die Leute, die auf die Straße gehen, sind jung. Die wenigsten haben Erfahrungen mit dem Kommunismus, mit Ceausescu, mit der Angst.“ Plesu, der manchmal „Umberto Eco Rumäniens“ genannt wird, sieht in den Demonstrationen ein „Symptom sozialer Gesundheit“. Auf die parlamentarische Opposition hingegen setze er nicht, sagt der 69-Jährige.

Plesu ist heute Alterspräsident eines von ihm gegründeten Bukarester Wissenschaftskollegs, des New Europe College. In den 90er Jahren war er selbst zweimal Regierungsmitglied, zu Beginn des Jahrzehnts Kulturminister, an dessen Ende Außenminister. Eine Lebenserfahrung, die er „nicht gerade in bester Erinnerung“ habe. Etliche seiner Nachfolger dürften das nachfühlen: Fünf Kulturminister haben die ständigen Kabinetts­rochaden in nur zwei Jahren verschlissen. George Vladimir Ivascu heißt der sechste, ein Schauspieler. Er ist seit gut drei Wochen im Amt.

Alex Popescu hat aufgehört, seine Minister zu zählen. Im Kulturressort hat der Mittvierziger seit vier Jahren den Gastlandauftritt Rumäniens bei der Leipziger Buchmesse auf dem Tisch. Das Problem am politischen Kuddelmuddel sei weniger, dass kein Politiker lange an der Spitze des Ministeriums bleibe. „Sondern, dass die Ebene darunter aufhört, Entscheidungen zu fällen, sobald der Chefsessel verwaist ist.“ Zum Glück, so sagt Popescu, habe der Auftritt seines Landes in Leipzig eine Eigendynamik entwickelt, an der kein Staatssekretär und kein Abteilungsleiter mehr vorbeikomme. Sein Budget von einer Million Euro – davon 700 000 Euro im laufenden Jahr – bleibe daher unangetastet. Zusätzlich schießt das Rumänische Kulturinstitut Mittel zu.

Dieses Jahr 40 Übersetzungen, sonst drei bis vier

Mit 80 Vertretern der Literaturszene reisen sie im März nach Leipzig, 30 davon Schriftsteller. Mehr als 40 deutsche Übersetzungen erscheinen dank der Buchmesse, gefördert durch das europäische Literatur-Netzwerk Traduki. Ein Aufmerksamkeitsschub, den die rumänische Gegenwartsliteratur gut gebrauchen kann. In gewöhnlichen Jahren werden drei bis vier Bücher ins Deutsche übertragen.

Der eigene Buchmarkt ist kaum geeignet, seine Autoren zu ernähren. „Es fehlt an Bildung, es fehlt an PR: Wir Rumänen konsumieren keine Bücher“, sagt Mihai Mitrica, Geschäftsführer des Rumänischen Verlegerverbands. Bei einem Durchschnittslohn von 519 Euro schlägt es ins Gewicht, wenn ein Buch im Schnitt sieben, acht Euro kostet. Auf 60 Millionen Euro taxiert Mitrica den jährlichen Umsatz auf dem Büchermarkt, bei rund 20 Millionen Einwohnern. Slowenien kommt mit zwei Millionen Bürgern auf 75 Millionen Euro. „Wir konkurrieren stets mit Bulgarien um den letzten Platz in Europa“, klagt er.

Unter den etwa 500 aktiven Verlagen teilen sich im Wesentlichen zwei das Geschäft. „Humanitas“ hat die Klassiker und großen Namen im Programm und betreibt eigene Buchläden. Eminescu und Cioran werden dort veröffentlicht, aber auch Erfolgsautoren wie Herta Müller oder eben Cartarescu. Ansonsten ist der Verlag „Polirom“ auf zeitgenössische rumänische Literatur spezialisiert.

Schnörkel für die Literatur: Buchladen „Carusel“ in der Leipziger Straße in Bukarest. Quelle: Mathias Wöbking

Für Kleinunternehmen hingegen, wie das Bukarester Verlagshaus „Vremea“, haben sich die großen Erwartungen nach dem Sturz Ceausescus vor bald drei Jahrzehnten nicht erfüllt, als der Buchmarkt als einer der ersten Wirtschaftssektoren privatisiert wurde. „Jetzt kommt unsere Zeit, dachten wir“, erinnert sich Vremea-Gründerin Silvia Colfescu, heute 70 Jahre alt. Doch die Inflation der 90er, die 1998 zu einem Währungsschnitt führte, habe fast das gesamte bis dahin verdiente Kapital aufgefressen. „Die Leidenschaft für Gedrucktes ist heute der einzige Grund, Bücher zu verlegen“, sagt sie.

Die EU ist die effektivste Opposition

Bei einer durchschnittlichen Auflage von 2000 Exemplaren sind fast alle rumänischen Schriftsteller auf Nebenjobs angewiesen. „Mein Buchhonorar ist wie das Loch einer Brezel“, sagt Autor Catalin Mihuleac aus Iasi achselzuckend. Er bestreitet seinen Lebensunterhalt als Journalist. Andere arbeiten als Lehrer oder Übersetzer. Der Ökonom Varujan Vosganian, als Schriftsteller seit seinem „Buch des Flüsterns“ von 2009 einem internationalen Lesepublikum bekannt, ist seit kurzem wieder Berufspolitiker. Der einstige Wirtschafts- und Handelsminister sitzt für die Nationalliberale Partei im Parlament, dem Juniorpartner in der aktuellen Regierungskoalition. Vosganian wirft seiner Generation vor, während Ceausescus Regime in einer utopischen Blase gelebt zu haben. „Als die Mauern fielen, fanden wir auf der anderen Seite nicht die erträumte Wirklichkeit vor.“ Noch immer suchten seine Altersgenossen das gelobte Land, kritisiert der 59-Jährige. „Es wird Zeit, dass wir im 21. Jahrhundert ankommen.“

Cartarescu sieht das vollkommen anders: „Es geht gegenwärtig um nichts weniger als die Menschenrechte, den Rechtsstaat, den Fortbestand der Demokratie.“ Und Andrei Plesu, der Philosoph, der ja wie Vosganian ebenfalls bereits Minister war, spricht einen einfachen Satz: „Unsere Utopie ist Normalität.“ Die Rumänen sehnten sich lediglich nach einem Alltag wie im Rest von Europa. Der EU-Beitritt 2007 sei das Beste gewesen, was dem Land passieren konnte. „Die EU ist unsere effektivste Opposition“, sagt Plesu.

Cartarescu warnt allerdings, dass in Rumänien nichts irreversibel sei, nicht einmal die EU-Mitgliedschaft. „Logik spielt hier keine Rolle“, ätzt er. Was immerhin auch gute Seiten habe: „Rumänien ist voller Schönheit, voller Magie. Die Boulevards von Bukarest sind rätselhafter, melancholischer, menschlicher als die Städte aus Glas und Beton. Ich fühle mich wohl unter Ruinen.“ Ein halbverfallenes Architektur-Mischmasch aus Jugendstil, Klassizismus, Neuromanik, sozialistischer Moderne, orthodoxen Kirchen und ab und zu einem postmodernen Prachtbau prägt die Hauptstadt. „Die ideale Kulisse“, sagt er, „um auf die Straße zu gehen“. Am besten zu Zehntausenden.

Lesen Sie hier einen Text über neue Bücher rumänischer Schriftsteller, deren deutsche Übersetzungen zur Leipziger Buchmesse erscheinen.

Schauspieler, Fernsehkoch, Nobelpreisträgerin

Am 15. März, dem Messedonnerstag, eröffnet der neue Kulturminister und bisherige Schauspieler George Vladimir Ivascu um 11 Uhr in Halle 4, E 501, den rumänischen Stand. Architekt Attila Kim gestaltet ihn wie ein Amphitheater. Dichter Mircea Dinescu, maßgeblicher Akteur der Revolution gegen Diktator Ceausescu 1989 und heute als Fernsehkoch bekannt, bringt Kostproben aus seinem Bukarester Restaurant mit. Im weiteren Messeverlauf tauchen unter anderem Gabriela Adamesteanu, Lavinia Braniste, Mircea Cartarescu, Nora Iuga und Andrei Plesu am Stand auf.

Ebenfalls um 11 Uhr beginnt am Donnerstag mit Übersetzer Ernest Wichner das Programm der LVZ-Autorenarena in Halle 5, Stand D 100. Wichner, bis Ende 2017 Leiter des Literaturhauses Berlin, ist für seine Übersetzung des Romans „Oxenberg & Bernstein“ für den Preis der Buchmesse nominiert. Autor Catalin Mihuleac selbst stellt sein Buch am Samstag, 17. März, 18 Uhr, im Ariowitsch-Haus vor, Hinrichsenstraße 14.

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Sängerin Ada Milea sind am Messe­donnerstag in der Schaubühne Lindenfels, Karl-Heine-Straße 50, zu erleben.

Am Freitag, 16. März, findet in der Galerie KUB, Kantstraße 18, ab 19 Uhr ein rumänisch-deutscher Abend der Poesie statt. Jungen Literaten des Landes und der Band Balkan Taksim gehört am Samstag, 19 Uhr, die Bühne in der Diskothek des Schauspielhauses, Bosestraße 1.

Bereits am Montag, 26. Februar, 20 Uhr, fangen im UT Connewitz, Wolfgang-Heinze-Straße 12a, Rumänische Filmtage an. Sie enden dort am Buchmessesamstag, 17. März, ab 20 Uhr mit der jährlichen Balkan-Nacht des Traduki-Netzwerks.

www.zoom-in-romania.ro

Von Mathias Wöbking

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