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Welt Wie die Atomgegner von Gorleben mit dem Ausstieg umgehen
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20:03 04.11.2018
„Hier traut keiner dem Braten“: Die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Susanne Kamien. Quelle: Strebe
Gorleben

Der Bus rollt langsam vor das Tor. Durch die Frontscheibe ist zu sehen, dass die Dame auf dem Sitz neben dem Fahrer zum Mikrofon greift. Man kann nicht hören, was sie den Leuten erzählt, die die Nasen an die Scheiben drücken. Aber was wird sie schon sagen: Salzstock, Endlagerung, Castor-Transporte, Demos, Widerstand. Vielleicht benutzt sie sogar den Ausdruck, der damals, als alles anfing, zum Kampfbegriff wurde: Gorleben, das Atomklo der Republik.

Das befürchteten viele Einheimische, nachdem der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht von der CDU am 22. Februar 1977 sein Konzept für ein nukleares Entsorgungszentrum in Gorleben verkündet hatte: Brennelementefabrik, Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe, Atommülllager. Das strahlende Lächeln, mit dem Albrecht so gern vor die Kameras trat, mutierte für die Wendländer zum bösen Grinsen.

Susanne Kamien winkt der Fremdenführerin in dem Bus zu, die winkt zurück. Man kennt sich im dünn besiedelten Wendland, zudem arbeitet Susanne Kamien heute in der Touristeninformation in Lüchow. Einen Namen gemacht hat sie sich aber, in der Region und bundesweit, als langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Sie schaut über den Zaun zu den Gebäuden des Salzstocks hinüber, in dem die Arbeiten zur Erkundung seiner Endlagerfähigkeit vor ein paar Jahren abgebrochen wurden. „Gefühlt habe ich hier 80 Prozent aller Demos angemeldet“, sagt sie und lacht.

Gorleben: ein kleiner Ort im Landkreis Lüchow-Dannenberg. 600 Einwohner. Hübsche Kapelle.

Gorleben: ein Mythos. Die Inkarnation der Atomdebatte in Deutschland.

1979: Größte bisherige Demo

Susanne Kamien ist Jahrgang 1957, stammt aus Küsten, das liegt einen Steinwurf weit von Gorleben entfernt. Sie hat Hotelfachfrau gelernt, wollte dann eigentlich studieren. Aber vorher, am 25. März 1979, setzte sie sich bei einem Bekannten, der zum Gorleben-Treck nach Hannover aufbrach, mit auf den Trecker.

Es waren am Ende 350 Traktoren, die am 31. März auf dem Klagesmarkt in Hannover zur Bauerndemonstration gegen Albrechts Pläne eintrafen. Und außerdem kamen 100.000 Demonstranten ohne Traktor. Es war die bis dato größte Anti-Atom-Kundgebung in der Geschichte der Bundesrepublik. Knapp zwei Monate später erklärte Albrecht, dass die Wiederaufarbeitungsanlage politisch nicht durchsetzbar sei.

Sollte die Landesregierung anfangs gedacht haben, sie würde im konservativen, bäuerlich geprägten Wendland, das weit in die damalige DDR hineinragte, auf nicht allzu viel Widerstand treffen, dann hatte sie sich verkalkuliert. „Die Menschen hier haben ein besonderes Verhältnis zur Scholle hinter dem Haus“, sagt Susanne Kamien. „Ein Bauer hat mal gesagt: Meinen Acker kann man nicht evakuieren.“ Außerdem passte es vielen Wendländern nicht, wie die Herren aus Hannover auftraten. „Da kamen diese Typen in ihren Anzügen und haben geglaubt, wir sind nur dumme Bauern.“

Deswegen ging der Widerstand 1979 ungebremst weiter, weil klar war, dass zwar die Wiederaufarbeitung, sonst aber nichts vom Tisch war. Es wurde ein jahrzehntelanges Ringen um Einlagerung oder Nichteinlagerung von Atommüll im Gorlebener Salzstock, mit Demos und Klagen, mit Information und Desinformation. Je nach Couleur versuchte die Politik, die Eignung des Salzstocks doch noch irgendwie zu beweisen oder aber eine Entscheidung hinauszuzögern.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg, der Zusammenschluss der Landwirte vor Ort, erklärt auf ihrer Internetseite in drei Zeilen, wieso sie die Nutzung der Atomkraft für Irrsinn hält: Abgebrannte Brennstäbe sind hochradioaktiv. Strahlung schädigt lebendige Zellen. Nach ein paar Jahren Nutzung muss man den Brennstab für mehrere Hunderttausend Jahre wegschließen.

13 Castor-Transporte

Am heißesten umkämpft waren deswegen die Castor-Transporte mit dem Brennelementeabfall nach Gorleben. Sie fanden in den Jahren von 1995 bis 2011 statt, 13 an der Zahl mit insgesamt 113 Atommüllbehältern. Gesamtkosten: 361,9 Millionen Euro. Bei allen Demos in all den Jahren soll eine halbe Million Menschen auf den Beinen gewesen sein. Und 500.000 Polizisten.

Bauern und Bürgerinitiative wollten ein klares Nein zur Atomenergie von der Politik. Anfangs gab es das nicht, und als die aus der Anti-Atom-Bewegung hervorgegangenen Grünen mitregierten, auch noch nicht. 20 Jahre nach dem Gorleben-Hannover-Treck fuhren die Wendländer nach Berlin und demonstrierten gegen die Atompolitik der rot-grünen Bundesregierung. „Der Trog bleibt der gleiche, nur die Schweine wechseln“, hieß es auf einem Transparent.

Wenn man den Atomkraftgegnern von 1979 erzählt hätte, dass 32 Jahre später eine Kanzlerin mit einem CDU-Parteibuch das Ende der Atomenergie in Deutschland durchsetzen würde, sie wären vor Lachen unter den WG-Küchenschrank gerollt.

Susanne Kamien mag Angela Merkel das Copyright am Atomausstieg nicht allein überlassen: „Wir waren es ja, die durch Gorleben ein Umdenken in der Bundesrepublik eingeleitet haben. Dadurch, dass wir dauerhaft genervt haben, haben wir die politische Landschaft verändert.“

Haben sie. Auch durch ihren Stil. Der 68er-Protest zehn Jahre zuvor war oftmals eine konfrontative Angelegenheit. Die Anti-Atom-Bewegung dagegen fiel schon durch ihr Emblem, die rote Sonne mit dem freundlichen Slogan „Atomkraft? Nein danke“, 1975 erfunden von einer 22-jährigen Dänin, aus dem Rahmen. Und während Frauen in der Studentenbewegung darum kämpfen mussten, gehört zu werden, waren alle wirklich wichtigen Personen im Gorleben-Widerstand (Ausnahmen bestätigen die Regel) weiblich: Lilo Wollny. Marianne Fritzen. Undine von Blottnitz. Susanne Kamien. Rebecca Harms.

Leitfigur des Widerstands

Lilo Wollny, die heute, 92 Jahre alt, in einem Altenheim in Wittenberge jenseits der Elbe lebt, ist das Paradebeispiel: Die Bäckerstochter, Hausfrau und Mutter von fünf Kindern, war 50, als die Gorleben-Pläne bekannt wurden. Sie ließ sich von ihrem Schwiegersohn, einem US-Soldaten, in Deutschland damals kaum erhältliche Fachliteratur über Atomkraft besorgen, auf Englisch, und arbeitete sich ein. Bald war sie fachlich unschlagbar, und weil sie außerdem witzig und warmherzig ist, wurde sie rasch die Leitfigur des Widerstands.

1987 kam Lilo Wollny sogar für die Grünen – bei denen sie nach dem Atomkompromiss wieder ausgetreten ist – in den Bundestag. Heute kann sie sich nach wie vor echauffieren: „Das verdammte Zeug wird ja immer noch benutzt“, sagt sie und erzählt von damals, während ihr Milchkaffee kalt wird. Und sie ist ganz sicher, dass die Bewegung viel erreicht hat: „Ohne uns hätten die einfach losgewirtschaftet.“ Zur Dominanz der Frauen von Gorleben hat sie auch eine Theorie: Frauen gehe es um mehr, „als nur irgendwo den Mund aufzumachen“.

Susanne Kamien hat dann doch nicht studiert. Sie hat erst ein bisschen Landwirtschaft probiert und anschließend einen Bioladen in Lüchow geführt, viele Jahre lang. Heute weiß sie, dass die Region dem Atom auch einiges zu verdanken hat: „Ohne Gorleben wäre Lüchow-Dannenberg eine ausgeblutete, überalterte Gegend.“ Dass viele Künstler in dem Landstrich leben, dass der Umgang der Menschen miteinander oft freundlich ist, das nennt Susanne Kamien den „Gorleben-Spirit“. Und, ja: „Der Castor fehlt uns.“ Der Widerstand habe das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. „Gefahr schweißt zusammen.“

Davon ist aber immer noch viel zu spüren. Und rund um Gorleben haben die Leute auch nach wie vor Angst, dass die Endlagerpläne doch irgendwann reaktiviert werden. „Hier traut keiner dem Braten“, sagt Susanne Kamien.

Neue Suche nach einem Endlager

Mit dem Atomausstieg in Deutschland ist die Regelung verbunden, noch einmal neu nach einem Standort für ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll zu suchen. Die Suche hat 2017 begonnen und soll eigentlich 2031 abgeschlossen sein, was viele Experten für unrealistisch halten. Gorleben ist kein Vorrangstandort für die Endlagerung mehr, sondern nur einer von vielen möglichen. Etliche Fachleute schließen Gorleben sogar aus, weil der Salzstock nicht völlig dicht ist.

Das Salzstock-Bergwerk Gorleben wird nicht mehr betrieben, sondern nur noch offengehalten. Die bisherige Erkundung hat mehr als 1,8 Milliarden Euro gekostet. Außer dem Bergwerk befinden sich an dem Standort zwei oberirdische Atommülllager, eines davon für Castoren, und die Pilotkonditionierungsanlage, die nicht mehr in Betrieb gehen soll.

Das Endlager, nach dem die Bundesgesellschaft für Endlagerung jetzt sucht, soll mindestens 300 Meter unter der Erdoberfläche liegen und über eine mindestens 100 Meter dicke Schicht aus Kristallin-, Salz- oder Tongestein verfügen. Das Endlager soll Sicherheit für eine Million Jahre bieten.

Bis 2080 fallen in Deutschland 10.500 Tonnen hochradioaktiver Abfälle an. Dafür werden rund 27.000 Kubikmeter Raum benötigt. Zusätzlich sind 300.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfall unterzubringen. Sie sollen im Schacht Konrad bei Salzgitter eingelagert werden.

Von Bert Strebe

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