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Welt 15-Jährige kämpfte gegen Krebs: Ein letzter Besuch bei Christiane
Mehr Welt 15-Jährige kämpfte gegen Krebs: Ein letzter Besuch bei Christiane
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11:20 24.07.2018
Christiane vor der OP, Chemo und Bestrahlung. So soll sie in Erinnerung bleiben. Quelle: privat
Wolgast

 Die Sonne geht purpurrot unter, ein laues Lüftchen weht. Doch mir sitzt ein dicker Kloß im Hals. Ich schaue hinauf zu den Fenstern, hinter denen Christiane Strehl mit ihrer Familie wohnt. Wolgast, Plattenbau, vierter Stock, rechts. Ich muss Abschied nehmen.

Wie viele Male war ich hier? Fünf, sechs, acht Mal? Ich weiß nur, dass ich heute, an diesem warmen Julitag, zum letzten Mal hier sein kann, um Christiane zu besuchen. Der Kampf eines tapferen Teenagers gegen seinen größten Feind, den Krebs, ist fast zu Ende. Christiane hat ihn verloren.

Es bleiben nur wenige Tage

Die Treppen nehmen kein Ende, die Beine werden schwer. Ich schnaufe, als ob mich größte Atemnot plagen würde. Dabei ist es die Angst, die mir im Nacken sitzt. Die Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, vor Christiane weinen zu müssen und ihr nicht in die Augen sehen zu können. Abschied...

Ich weiß es seit einem Tag. Mein Handy klingelte. Was ich vernahm, waren zunächst eine tränenerstickte Stimme und halb verschluckte Worte. Mandy Strehl, Christianes Mama, versuchte mir mitzuteilen: Die Lebensuhr für ihre Tochter sei fast abgelaufen. Nur noch wenige Wochen, eher Tage, blieben der Familie mit Christiane. Die Ärzte in Leipzig, die sie neben denen in Greifswald und Köln aufgesucht hatten, hätten zwar noch einmal alles versucht, aber nun alle Behandlungen abgebrochen. Jetzt könnten nur noch die Schmerzen gelindert werden. Denn mittlerweile wucherten im Kopf der Wolgaster Schülerin nicht nur einer, sondern viele Tumore der allerschlimmsten Sorte: Kein Hirntumor ist aggressiver als dieser. „Kannst Du morgen kommen, sie will Dich noch einmal sehen“, sagte Mandy Strehl dann. „Woher nimmt diese kleine Frau diese riesige Kraft?“, frage ich mich.

Hunderte Menschen spendeten

Das Unheil begann im vergangenen Sommer. Wegen eines Taubheitsgefühls im Arm wurde die Neuntklässlerin in der Greifswalder Universitätsmedizin untersucht. Dann die Schockdiagnose: Die Ärzte stellten bei dem Mädchen einen Hirntumor fest. Wenig später, im August 2017, wurde Christiane operiert. Doch der Tumor saß an einer derart ungünstigen Stelle, dass er nur in Teilen entfernt werden konnte, da sonst Bewegungs- und Sprachzentrum sowie weitere wichtige Vitalfunktionen beeinträchtigt worden wären. Und: Wegen seiner Aggressivität wuchs der Tumor nach der OP schnell wieder. Eine intensive Bestrahlung folgte. Die damals 14-Jährige ließ alles über sich ergehen, kämpfte. „Ich will leben“, sagte sie mir bei meinem ersten Besuch zu Jahresbeginn.

Hunderte Menschen, darunter viele Leser der Ostsee-Zeitung, spendeten für Christiane. Denn die Mutter hatte eine Alternativkrebstherapie einer privaten Klinik in Köln gefunden. Eine dort entwickelte Impftherapie mit speziell behandelten körpereigenen Tumorzellen sollte helfen – neben der herkömmlichen Chemo und der Bestrahlung. Ab Januar ging es alle vier Wochen nach Köln. Die Kosten – mehr als 80.000 Euro – musste die Familie allein aufbringen, die Kasse übernimmt nichts davon. Dank zahlreicher Spenden kam das Geld zusammen.

Christianes Mitschüler der Kosegarten-Regionalschule veranstalteten einen Spendenlauf, der mehr als 10.000 Euro brachte, auch die Spendenaktion der Ostsee-Zeitung spielte über 20.000 Euro ein. Die Bild-Zeitung half, private Rundfunksender, Unternehmen der Region ... Mandy Strehl, die um ihre Tochter kämpfte wie eine Löwin, war dankbar und voller Hoffnung. „Allein hätte ich das viele Geld nie aufbringen können. Ich kann ja auch nicht arbeiten, beziehe Hartz IV. Denn neben Christiane habe ich auch noch meinen Sohn Sebastian, der wegen einer psychischen Erkrankung ebenfalls einen Pflegegrad hat“, erzählte sie mir.

Sie verschwieg nicht, dass es nach Bekanntwerden von Christianes Erkrankung auch Anfeindungen im Internet und auf offener Straße gab. Sie sei nur aufs Geld aus, warf man ihr vor. „Ich bin kein Schmarotzer, setze alles für die Therapie ein. Ich wäre glücklicher, wenn ich dieses blöde Geld nicht brauchen würde“, meinte sie völlig verzweifelt.

Mutter kümmert sich liebevoll

Nun stehe ich vor der Wohnungstür, atme noch einmal tief durch – dann drücke ich den Klingelknopf. Auf dem schmalen Flur steht der Freund der Mutter. Tränen laufen über sein Gesicht. „Sie soll nicht gehen“, flüstert er und schaut mich mit angsterfüllten Augen an. Ich nehme ihn stumm in den Arm. Was soll ich sagen? Ich kann ihm die Angst nicht wegzaubern, nur meine eigene so gut es geht verbergen. Mandy Strehl sagt mit einer um Normalität bemühten Stimme: „Komm doch her zu uns.“ Ich sehe ihre rotgeweinten müden Augen. Sie hat, seitdem sie der Anruf aus Leipzig erreichte, nur ganz wenig geschlafen.

Auf der Couch liegt Christiane. Mandy Strehl hält ihre Hand. Der schmächtige Körper des Mädchens, das am 21. Juni 15 Jahre alt geworden ist, zeichnet sich unter der Decke ab. Der Arm auf der gelähmten linken Seite ist ganz dünn. Das Gesicht ist aufgequollen durch die Chemo. Das Sprechen fällt ihr schwer. Auch ihre Brille trägt Christiane nicht mehr. Es bringe nichts, drücke nur, meint die Mutter. Auf einem Auge sehe sie so gut wie nichts mehr. Ich schaue dieses Mädchen an, mit dem ich in den vergangenen Monaten so oft gesprochen und gelacht habe. Leise rufe ich ihren Namen. Christiane versucht, ihren Kopf in meine Richtung zu drehen. „Es tut so weh“, meint sie. Ich setze mich zu ihr, streichele ihre Hand und ihre Wange. Sie wird ganz ruhig dabei.

Hospiz ist die Endstation

Mandy Strehl berichtet mir, dass die 15-Jährige zusammen mit der ganzen Familie ihre letzten Tage in Leipzig verbringen wird. Dort, wo sie auch geboren wurde. Während die 40-Jährige spricht, ist förmlich greifbar, wie sehr sie alles andere ausblendet, nur um zu funktionieren. Tag und Nacht, jede Minute, da sein für die Tochter und den zehnjährigen Sohn, der seine Fassungslosigkeit über den baldigen Verlust der Schwester in imaginäre Figuren packt, mit denen er sich unterhält. „Wir haben alles offen mit ihr besprochen. Sie weiß, dass sie bald auf eine große Reise gehen wird, auf die andere Seite des Regenbogens“, sagt Mandy und schluckt. Christiane vernimmt jedes Wort. „Ich habe keine Angst davor. Nur mein Kopf soll nicht mehr so wehtun“, sagt sie plötzlich kaum vernehmbar. „Wir werden in Leipzig ins Hospiz gehen, und ich bleibe die ganze Zeit bei Dir“, antwortet Mandy und schaut auf ihr Kind.

In ihren Augen ist in diesem Moment kein Schmerz, sondern nur Liebe zu sehen. „Dort hat man uns auch Hilfe durch ein Palliativteam zugesagt. Greifswald hat das nie hinbekommen“, sagt Mandy. Der Vorwurf, dass sie sich von den hiesigen Ärzten alleingelassen fühlt, ist nicht zu überhören.

Meine Gedanken wandern zurück zum März dieses Jahres. Als ich Christiane damals besuchte, war innerhalb weniger Wochen ein riesiger Fortschritt zu spüren. „Ich kann wieder laufen“, rief sie mir entgegen und demonstrierte sogleich, dass sie tatsächlich kurze Strecken wieder ohne fremde Hilfe meisterte. Alle schöpften Hoffnung, weil auch alle Werte, die regelmäßig bei ihr überprüft wurden, sich positiv verändert hatten. Endlich ließen sich auch Wünsche erfüllen: Einen ihrer größten, die Stars ihrer geliebten Fernsehserien hautnah zu treffen, konnte ihr die OZ beim Riesen-Promi-Event „Baltic Lights“ erfüllen. Mit dem Organisator und Schauspieler Till Demtrøder zählte sie vor Tausenden Zuschauern an der Heringsdorfer Seebrücke den Countdown für die Schlittenhunde-Gespanne herunter. Es sei ihr schönster Tag gewesen, meinte sie hinterher.

Eine letzte Umarmung

Nach einer Stunde bei Christiane und ihrer Familie wird es Zeit, sich endgültig zu verabschieden. Jedes Wort, jede noch so kleine Bewegung strengt die 15-Jährige sichtlich an. Was sagt man, wenn man sich nicht wiedersieht? Christiane nimmt mir die Antwort ab. Sie versucht, mich zu umarmen. Ich halte sie ganz fest. Leise flüstert sie mir zu: „Ich mag Dich, Conny. Du hast Kinder gern.“ Und bevor sie erschöpft für einen Moment die Augen schließt, bekomme ich noch einen Kuss auf die Wange. Es ist ein Abschiedskuss.

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Von Cornelia Meerkatz/OZ/RND