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Schüler lesen die OP 2018 Darmbakterien sind wichtige Mitbewohner
Mehr OP extra Schüler lesen die OP 2018 Darmbakterien sind wichtige Mitbewohner
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16:24 16.04.2018
Bauch gesund, alles gesund? Tatsächlich hat der Darm einen großen Einfluss auf die Gesundheit. Quelle: Monique Wüstenhagen
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Marburg

Betrachtet man allein die Artenvielfalt in unseren Gedärmen, so wird man überrascht. Im Darm befinden sich rund 1,3-mal so viele Mikroorganismen, wie der menschliche Organismus Zellen enthält. Das sind in etwa 100 Billionen.

Ein Zentimeter unseres unteren Dickdarms enthält mehr Darmbakterien, als je Menschen auf der Erde geboren wurden. 99 Prozent der in unseren Körpern vorhandenen DNA stammt von Bakterien. Die etwa 1.000 unterschiedlichen Stämme, die in unseren Darm besiedeln, nehmen zusammen eine Masse von zwei bis drei Kilogramm an und produzieren bis zu vier Liter Gas pro Tag.

Die meisten dieser Mikroorganismen nehmen wir bei unserer Geburt auf. Sie stammen aus dem Geburtskanal oder, bei einem Kaiserschnitt, vom ersten Hautkontakt mit der Mutter. Aber was machen diese Keime dort überhaupt? Schon seit Längerem bekannt ist ihre Bedeutung für die Verdauung. Sie liefern Enzyme, die uns helfen die Nahrung zu zerlegen. Außerdem produzieren Bakterien im Darm auch Vitamine und kurz-kettige Fettsäuren.

Darmflora hat auch Einfluss auf unser Verhalten

Alles in Allem sind dies wichtige Aufgaben, die sicherstellen, dass wir von unserer Nahrung leben können, egal ob wir ein saftiges Steak oder einen veganen Burger essen. Auch unser Immunsystem ist existenziell auf die Bakterien angewiesenen, denn die ankommende Nahrung enthält Unmengen von Keimen und Erregern.

Eine wichtige Sache also, aber bei Weitem nicht alles! In den letzten Jahren gab es immer wieder Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung unserer Darmflora Einfluss auf unser Verhalten hat. Forscher der McMasterUniversity in Hamilton, Kanada, konnten beobachten, dass, wenn die Darmflora einer relativ schüchternen Maus in eine steril aufgezogene Maus übertragen wird, diese die gleichen schüchternen Verhaltensweisen entwickelt.

Genauso verhielt es sich mit relativ neugierigen Mäusen. Die sterilen Tiere zeigten sich danach deutlich abenteuerlustiger. „Das ist doch erstaunlich. Die Mikroorganismen scheinen wirklich das Verhalten ihres Wirts zu bestimmen, und zwar ziemlich deutlich“, erklärt der Gastroenterologe Premysl Bercik.

In weiteren Versuchen haben die Forscher Stuhlbakterien eines Menschen mit Reizdarmsyndrom und Angstzuständen in Mäuse übertragen. Auch diese Mäuse zeigten ängstliches Verhalten, das bei der Übertragung von Bakterien aus gesunden Kontrollpersonen nicht auftrat.

"Alle Krankheiten beginnen im Darm"

Heute wissen wir, dass etwa die Hälfte des Neurotransmitters Dopamin und ca. 95 Prozent des Serotonins in unserem Körper im Darm produziert werden. Ein Ungleichgewicht in der Darmflora kann einen Serotoninmangel herbeiführen, was wiederum mit Erkrankungen wie Depressionen, innerer Unruhe und Angstzuständen in Verbindung gebracht wird. Bei Patienten mit Autismus-Spectrum-Störung wird häufig ein verschobenes Gleichgewicht in der Darmflora beobachtet. Nicht umsonst wird der Darm als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Man spricht von der „Darm-Hirn-Achse“.

Aber auch in anderen Bereichen spielt das sogenannte Microbiom eine Rolle. Das zeigt der Fall einer 32-jährigen Amerikanerin, die nach einer Pilzinfektion eine Darmfloraspende von ihrer übergewichtigen, aber sonst gesunden, Tochter erhielt. Kurze Zeit später entwickelte auch die Mutter starkes Übergewicht, das sich auch mit Sport und Ernährungsumstellung nicht bekämpfen ließ.

„Alle Krankheiten beginnen im Darm“, das wusste schon Hippokrates, der berühmte Arzt der Antike. Und auch wir verstehen immer besser, welche Rolle der Darm und seine winzigen Bewohner spielen.

von Andrea Rhiel, Klasse CT11 der Adolf-Reichwein-Schule

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