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"Vielen fällt es schwer, sich ihre Hilfsbedürftigkeit einzugestehen"
"Vielen fällt es schwer, sich ihre Hilfsbedürftigkeit einzugestehen"
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14:24 28.04.2017
In Schlafsäcke gehüllt oder nur mit einer Jacke bedeckt schlafen Obdachlose am in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache. In besonders kalten Winternächten übernachten hier mehr als 100 Personen. Quelle: dpa (Archiv)
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Frankfurt am Main

Allein in Frankfurt am Main, einer Stadt mit knapp 730.000 Einwohnern, leben 2200 Menschen auf der Straße (Quelle: frankfurt.de/ Frankfurter Neue Presse). Um die Situation besser verstehen zu können, gab uns Alexander Gnüchtel Auskunft. Der 46-jährige Sozialpädagoge arbeitet seit vielen Jahren im Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der schon seit über 100 Jahren besteht.

Schülerin: „Arbeiten Sie in diesem Bereich hauptberuflich oder ehrenamtlich?“

Alexander Gnüchtel: „Ich bin von Beruf Sozialpädagoge und arbeite hauptberuflich beim Frankfurter Verein für soziale Heimstätten.“

Schülerin: „Wie lange sind Sie schon in diesem Beruf tätig und wie kamen Sie dazu? “

Gnüchtel: „Ich bin im Frankfurter Verein seit 1997 angestellt. Früher habe ich im betreuten Wohnen gearbeitet, da ich schon immer etwas mit Menschen machen wollte.“

Schülerin:  „Welche Art von Hilfen bieten Sie an?“

Gnüchtel: „Zweimal wöchentlich kann man sich bei uns beraten lassen. Wir kommen auf Bitte nach Hause und arbeiten an verschiedenen Projekten, eben viele verschiedene Sachen. Außerdem gehen wir auf die Straße, sprechen hilfsbedürftig aussehende Menschen an und bieten ihnen unsere Unterstützung. Besonders der Kältebus ist sehr gefragt, weswegen er auch von den Medien viel Aufmerksamkeit bekommt.“

Schülerin: „Was macht der Kältebus?“

Gnüchtel: „Der Kältebus fährt nachts durch die Stadt und bietet den Leuten auf Anfrage eine Mitfahrt zu einer Notübernachtungsstätte an.

Schülerin: „Wie reagieren die Betroffenen auf Ihre Hilfe?“

"Meist sind die Gründe Alkohol, Drogen und psychische Krankheiten"

Gnüchtel: „Das ist ganz unterschiedlich: Die einen lehnen dankend ab, andere wiederum nutzen die Hilfe erfreut. Selten trifft man auch auf solche, die einem grob mitteilen, man solle sich verziehen. Bei der Mehrheit ist jedoch eine gewissen Grundskepsis wahrzunehmen, weil es vielen schwerfällt sich Hilfsbedürftigkeit einzugestehen.“

Schülerin: „Erzählen Ihnen die Obdachlosen die Gründe, weshalb diese auf der Straße leben?“

Gnüchtel: „Ja, natürlich, man kriegt da schon einiges mit. Meist sind die Gründe Alkohol, Drogen und psychische Krankheiten. Aber auch Geschichten, wie wir sie nur aus Filmen kennen, passieren im richtigen Leben. Zirka 90 Prozent der Menschen, die in Frankfurt am Main auf der Straße leben, sind EU-Bürger, die hierher kommen, um Arbeit zu suchen und keine finden. Sie haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen, da sie noch nicht in die Sozialkassen eingezahlt haben und sind somit gezwungen, auf der Straße zu leben.

Schülerin: „Wie lange dauert so eine Wohnungslosigkeit im Durchschnitt an? Kann man überhaupt von einem Durchschnitt reden?“

Gnüchtel: „Das ist sehr unterschiedlich und hängt ganz von der Problemlage ab. Da die Wohnungslosenhilfe heutzutage mehr auf die Menschen zugeht, hat das langjährige Obdachsuchen schneller ein Ende.“

von Anna Krenz und Maike Adam, 9. Klasse, Freie Waldorfschule Marburg

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