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Jetzt sind die Brachter am Zug
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12:31 23.05.2016
Der Einbecker Physiker Gunter Brandt zeigte in Bracht Lösungen für den Bau eines mit Bioenergie betriebenen Nahwärme-Netzes auf. Foto: Matthias Mayer
Bracht

Zu dieser hatten Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich und Brachts Ortsvorsteher Karl-Heinrich Koch in den kleinen Saal der Mehrzweckhalle eingeladen. „In Rauschenberg gibt es drei Nahwärmenetze in Betrieb, die alle zuverlässig und sicher arbeiten. In Josbach haben wir im vierten Jahr hintereinander den gleichen Preis. In Schwabendorf wurde dieser nach dem ersten Jahr deutlich gesenkt und ist auch beim Vergleich mit den aktuellen Heizölpreisen noch immer günstig“, sagte der Bürgermeister, der als Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Bioenergiedorf Josbach zu den heimischen Nahwärme-Pionieren gehört. Der Bürgermeister warnte davor, sich vom aktuellem Heizölpreis blenden zu lassen. Das Nordsee-Öl gehe zur Neige, die Abhängigkeit von Öl-Lieferungen aus fragwürdigen Ländern nehme zu.

Diese benannte der Einbecker Physiker Gunter Brandt: Russland, Algerien, Saudi-Arabien, Libyen und Nigeria. Das Öl-Geld mache diese instabilen Länder für die Durchsetzung ihrer fragwürdigen Ziele stark. Sich in die Abhängigkeit dieser Staaten zu begeben, bereite ihm ein mulmiges Gefühl, sagte Gunter Brandt, der mit seiner Kollegin, der Diplom-Ingenieurin Energiewirtschaft Barbara Illmer vom Planungsbüro GUT von der Stadt Rauschenberg mit der Erstellung der Machbarkeitsstudie beauftragt wurde. Diese wird zu 75 Prozent aus dem Leader-Programm finanziert. Den Rest trägt die Stadt.

Gunter Brandt hat die Nahwärme-Netze in Josbach, Schwabendorf und Rauschenberg projektiert, geplant und deren Bau überwacht. Auch er kam am Thema Öl-Preisverfall nicht vorbei. Die durch nationalstaatliche Interessen ausgelöste Entwicklung widerspreche jeder wirtschaftlichen Vernunft, denn der Rohöl-Verbrauch steige weltweit bei knapper werdenden Ressourcen Jahr für Jahr. Eine Umkehr zu den rasanten Preisanstiegen vergangener Jahre werde kommen. Nur könne niemand sagen, wann dies der Fall sein werde. Es sei eine kluge und zukunftssichere Entscheidung, sich für diesen Tag mit einem Nahwärmenetz und einer aus erneuerbaren Energien gespeisten Heizquelle zu wappnen.

Die Rahmenbedingungen für Bracht sind günstig

Für Bracht traf Brandt folgende Feststellungen:

n Die Topografie Brachts mit seiner dichten Bebauung ist ideal für den wirtschaftlichen Betrieb eines Nahwärmenetzes. n Bracht hat 926 Einwohner, die in 395 Wohnungen mit zusammen 44450 Quadratmeter Wohnfläche in 288 Wohnhäusern leben. Der Heizenergie-Verbrauch ist mit jährlich 8300 Megawatt-Stunden relativ hoch, was für den wirtschaftlichen Betrieb eines Nahwärmenetzes günstig ist. n Wenn sich genügend Interessenten finden, ist der Bau eines flächendeckenden Nahwärme-Netzes. Es sind aber auch Insellösungen für einzelne Bereiche wie die Siedlung oder Straßenzüge denkbar, für die dann je eine Wärmequelle erforderlich ist. n Da Bracht keine Biogasanlage hat und keine bekommen wird, favorisiert der Physiker als Heizquelle einen Holzhackschnitzel-Heizkessel mit Wärmepufferspeicher und einen mit Öl betriebenen Spitzenlastkessel als Back-up-System für extrem kalte Tage. Für die nächsten Schritte sind nun die Brachter Bürger gefordert. Jeder Haushalt bekommt einen einseitigen Fragebogen, der bis zum 3. März im Rathaus oder bei Ortsvorsteher Karl-Heinrich Koch abgegeben werden soll. Die Angaben der Anlieger zu ihrem Heizenergie-Verbrauch, zur Lage und Art ihres Wohnhauses und zum etwaigen Interesse zum Anschluss an ein Nahwärme-Netz sind unerlässlich für die Erstellung der Machbarkeitsstudie, die am 30. Juni vorliegen soll.Gunter Brandt bittet auch die Bürger, die kein Interesse an der Nahwärme haben, eindringlich darum, die Fragebögen abzugeben, da auch die Zahl dieser Haushalte für die Kalkulation extrem wichtig sei. Während der konstruktiven Diskussion zeigten die Besucher großes Interesse und beachtliche Vorkenntnisse in Sachen Nahwärme. Wiederholt brachten sie die Sonne als Energieträger für Bracht ins Spiel. Sonnenenergie sei die wirtschaftlichste Lösung, bekannte Gunter Brandt. Es sei technisch kein Problem, für ein Dorf wie Bracht im Sommer mit einem überschaubaren Flächenverbrauch genügend Sonnenenergie zu ernten, um das Dorf ganzjährig zu beheizen. Das Problem seien die dafür notwendigen, sehr teuren Wasserspeicher, die über 50 Jahre finanziert werden müssten. Das mache keine Bank mit.

von Matthias Mayer