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Schüler lesen die OP 2014 Hilfe benötigt - Hilfe bekommen
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11:59 27.03.2014
Blick auf den Haupteingang der Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Schule am Ortenberg in Marburg.Privatfoto
Marburg

Seit über sechs Wochen befinde ich mich nun schon in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums in Marburg. Da dies hier bereits mein zweiter Aufenthalt ist, kam ich ohne Vorurteile. Doch bevor ich das erste Mal herkam, hatte ich Angst vor dem, was mich erwartet. Es stellte sich aber heraus: es ist nicht so schlimm, wie es Film und Fernsehen oft vermitteln. Das Leben auf Station erinnert mich viel eher an eine Klassenfahrt - nur dass man nicht nur eine Woche hier bleibt, sondern ein bisschen länger. Wie lange so ein Aufenthalt dauert, wird individuell entschieden.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ortenberg besteht im Moment aus drei Stationen, eine Vierte wird demnächst geöffnet. Zwei Stationen sind offene und eine ist eine geschlossene Station, viele Unterschiede gibt es aber nicht. Die offenen Stationen bieten mit ihren Einzel-, Dreibett- und Fünfbettzimmern Platz für 21 Patienten. Nicht selten kommt es jedoch vor, dass ein Zustellbett in ein Zimmer oder auf den Flur gestellt wird, da es häufig mehr Patienten als Betten gibt. Auf der Geschlossenen gibt es mit jeweils zwei Einzel-, Doppel und Dreibettzimmern Platz für zwölf Patienten.

Es gibt viele verschiedene Therapieangebote, zu denen auch Gespräche mit dem Therapeuten gehören. Die Physiotherapie wird dabei stationsübergreifend ausgeübt und wird auch Bewegungstherapie genannt. In der großen Gruppe erinnert die Physiotherapie ein wenig an den Schulsport. In kleineren Gruppen findet Entspannungstherapie statt oder es geht ans Laufband und den Ergometer und zum Körpertraining.

Eines meiner Lieblingsangebote ist jedoch Ergotherapie, auch Beschäftigungstherapie genannt. Dort kann man eigene Dinge herstellen und so Erfolge feiern. Zur Auswahl stehen dort verschiedene Materialien wie zum Beispiel Holz oder auch Farbe. Es wird auch eine tiergestützte Therapie angeboten, bei der mit Hunden gearbeitet wird und, kleinere Kinder einen „Hundeführerschein“ machen können.

Freizeitangebote und Schulbildung

Ernährungstherapie hilft außerdem Essgestörten dabei, eine ausgewogene Ernährung zu erlernen. Auch auf Station ist man niemals alleine, da viele Betreuer da sind und nach einem schauen. Darunter sind viele, mit denen man wirklich gut reden kann und die einem weiterhelfen können. Es werden verschiedene AGs angeboten wie zum Beispiel Kino- oder Schwimmbadbesuche, Stadtgang oder ein Spaziergang um den Ortenberg.

Oft finden Aktivitäten auch direkt auf Station statt, wie zum Beispiel beim Kochen in der hauseigenen Küche, beim Herstellen selbstgefertigter Armbänder oder beim Tischkicker-Turnier. Neben den Freizeitangeboten wird aber auch die Schulbildung nicht vernachlässigt. Die Schule am Ortenberg, die früher „Schule für Kranke“ hieß, bietet für mehr als 60 Patienten Platz und die 13 festangestellten Lehrer bieten nach Möglichkeit alle Haupt- und viele Nebenfächer an. Die Schule dauert ungefähr drei Zeitstunden am Tag - mal etwas mehr und mal ein bißchen weniger.

Auf der Station gibt es feste Fernsehzeiten, sodass man jeden Abend seine Sendung verfolgen kann, solange die Altersfreigabe berücksichtigt wird. Wenn einem in der restlichen Zeit langweilig wird, kann man Spiele spielen, etwas Kreatives machen oder einen Betreuer darum bitten, mit ihm einem einen Spaziergang zu unternehmen.

Insgesamt ist es also nicht so schlimm, wie man denkt, stationär in einer Psychiatrie untergebracht zu sein. Wenn man sich helfen lässt, gilt das umso mehr. Man ist in einer sicheren Umgebung, bekommt geregelte Mahlzeiten und kann viele unterschiedliche Aktivitäten unternehmen. Die schöne Stadt Marburg hat dafür einiges zu bieten.

Eine Auszeit vom stressigen Alltag

Ob einem der Aufenthalt dort weiterhilft, hängt vom Patienten ab. Viele kommen raus, ohne dass sich für sie etwas geändert hat. Bei anderen ist es ein persönlicher Neuanfang. Ich persönlich hatte bei meinem letzten Aufenthalt noch das Gefühl, dass die Zeit auf Station meine Probleme verschlimmert hat. Doch jetzt, anderthalb Jahre später, ist mir bewusst geworden, dass ich die Hilfe benötige und dass mir dort geholfen werden kann.

Ich sehe das Ganze hier als eine Auszeit, da ich so meinem stressigen Alltag entkomme und wieder gesund werden kann. Natürlich sind Probleme mit einem Kliniksaufenthalt allein nicht aus der Welt geschafft und mir ist bewusst, dass ich noch einen langen Weg mit ambulanter Therapie vor mir habe. Doch darauf bin ich vorbereitet.

von einer Schülerin der 10. Klasse,

Schule am Ortenberg, Marburg