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Weniger Autos, weniger Menschen

Kommentar: Thema der Woche Weniger Autos, weniger Menschen

In der Debatte um die Sperrung der Weidenhäuser Brücke irritiert vor allem die offen formulierte Autofeindlichkeit in der Stadtverwaltung. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen.

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Es war einmal der Mohrenkopf

Die Sperrung der Weidenhäuser Brücke ab dem 26. Februar beschäftigt die Marburger.

Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter

Die Brücke zu sperren, ist das Eine. Es gibt sicher gute Gründe dafür, so zu agieren, wie die Stadt es hier tut. Die Aufforderung des Oberbürgermeisters Dr. Thomas Spies aber, die Gunst der Stunde zu nutzen und aufs Auto zu verzichten, klingt für die meisten Berufspendler wie der blanke Hohn.

Denn ohne die Entscheidung der Stadt, die Brücke zu sperren, wären sie nicht in dieser misslichen Lage. Wohlgemeinte Ratschläge braucht da niemand – so nach dem Motto: Ja, ist blöd, aber nur weil du immer noch Auto fährst. Als Oberzentrum hält Marburg tausende von Arbeitsplätzen bereit. Das ist sozusagen die Überlebensversicherung für eine funktionierende städtische Gemeinschaft. Viele Menschen, die hier arbeiten, wohnen aus guten Gründen außerhalb Marburgs. Sie sind auf das Auto angewiesen. Es steht niemandem zu, darüber zu urteilen, wie sie von A nach B kommen. Sie und ihre Arbeitgeber müssen ganz im Gegenteil sogar darauf vertrauen, dass die Verkehrsinfrastruktur den Erfordernissen nach und nach angepasst wird.

Hier sind in der Vergangenheit sicherlich Fehler gemacht worden. Die neue Denkweise im Rathaus lässt aber auf etwas anderes schließen. Man will nicht die Verkehrsinfrastruktur anpassen, sondern die Erfordernisse zurückschrauben. Es geht darum, möglichst wenig Autos in der Stadt zu haben. Weniger Autos bedeutet aber auch weniger Menschen.

Womit wir beim zweiten, und eigentlich noch viel dramatischeren Punkt wären. Marburg als Oberzentrum kann allein von Marburg nicht leben. Insbesondere der Handel, aber auch Kultureinrichtungen, sind aufs Umland angewiesen. Dabei spielt Erreichbarkeit für viele Menschen die zentrale Rolle. Gemeint ist in einer insgesamt ländlich geprägten Region Erreichbarkeit mit dem Auto. Ist diese nicht gegeben, lässt man Marburg einfach links liegen.

Insofern ist das Signal ans Umland verheerend, das von der Brückensperrung und der allzu sorglosen Autoverzichtserklärung des OB ausgeht: Wenn Ihr es irgendwie vermeiden könnt, kommt nicht hierher. Das kann und sollte sich eine Stadt nicht erlauben. Hier fehlt ein schlüssiges Konzept, wie man Menschen trotz allem nach Marburg lockt und so auch den Handel in dieser schwierigen Zeit unterstützt.

von Jan Schmitz

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