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Einwurf Der Fußball und die Gerechtigkeit
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06:15 23.05.2012
Von Heike Schmidt
Marburg

Neulich im Vereinsheim des FC Barcelona: Xavi grummelt ungläubig „gibt‘s doch gar nicht“. Carles Puyol kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und stupst Lionel Messi an: „Guck mal, Leo! Die sind genauso blöd wie du... äh... wie wir, meine ich.“ So hätte es sich abgespielt haben können, hätten die katalanischen Fußballkünstler tatsächlich zusammen das Champions-League-Finale geguckt.

Allgemeine Fassungs- und Ratlosigkeit machte sich unmittelbar nach der Elfmeterlotterie breit. Sind das die verdienten Kicker-Könige von Europa? Ein betagter Haufen von Zerstörern, der sich vorne auf die brachiale Urgewalt Drogbas verlässt? Wo bleibt da bitte die Gerechtigkeit?

Nein, so hatten sich die Bayern ihr Finale dahoam nicht vorgestellt. Das Drehbuch sah einen ganz anderen Ausgang vor. Nur dem FC Chelsea hätte Uli Hoeneß besser vorher mal ein Exemplar davon zukommen lassen sollen. Denn das Abramowitsch-Spielzeug wusste offenbar nicht, dass es nur für die Statistenrolle vorgesehen war und hielt sich auch nicht an eherne Gesetze, wonach englische Fußballteams partout kein Elfmeterschießen können.

So kam es, dass in München Worte wie „grausam“ oder „brutal“ inflationär gebraucht wurden. Denn natürlich waren die Bayern in den ersten 88 Minuten haushoch überlegen. Doch was machte der deutsche Rekordmeister daraus? In 120 Minuten erspielten sich die Münchner genau drei 100-prozentige Torchancen. Eine versiebte Mario Gomez divenhaft fahrlässig. Bei den anderen beiden (darunter ein verschossener Elfmeter) zeigte Arjen Robben eindrucksvoll, dass er zwar gegen Bochum, Hertha und Hoffenheim glänzen kann, aber keiner für die großen Spiele ist. Wie in der Bundesliga gegen Dortmund, wie im WM-Finale gegen Spanien konnte der Niederländer der Partie nicht seinen Stempel aufdrücken. Wie in Madrid war er dann zu feige, zum Elfmeterschießen anzutreten. Typen mit dem Bayern-Gen, wie sie Hoeneß fordert, sehen anders aus.

20:1 hieß das Eckenverhältnis am Ende. 20 Ecken der Bayern verpufften. Eine Ecke von Chelsea führte zum Ausgleich. Eine gnadenlose Effektivität, mit der die Bayern wie die deutsche Nationalelf jahrzehntelang international spitze waren. Gerecht? Verdient? Wenn Effektivität der Gradmesser für Qualität ist, sind diese Fragen nach dem Finale fehl am Platz.

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