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Wenn Männer unter sich bleiben

Kommentar Wenn Männer unter sich bleiben

Das Bundesinnenministerium hat diese Woche ein Bild aus der beliebten Serie "Finde den Fehler" veröffentlicht. Zu sehen sind Minister Horst Seehofer und seine acht Staatssekretäre.

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Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat acht Staatssekretäre: Es sind alles Männer. Dafür hagelt es Kritik im Netz, zum Beispiel auf Twitter unter dem Hashtag #NichtMeineHeimat. 

Quelle: OP

Hundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts wird ein großes Bundesministerium ausschließlich von Männern geführt. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Frauen und Männer sind laut Grundgesetz gleichberechtigt - aber in der Politik spielen Frauen oft nur Nebenrollen. Dass mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Frau die Hauptrolle in der Regierung spielt, ändert daran wenig. Von 63 Staatssekretären der Bundesregierung sind nur 18 Frauen, von 16 Kabinettsmitgliedern sieben. Und im Bundestag sind nur 31 Prozent der Abgeordneten weiblich.

Na und, mag mancher darauf sagen, was macht das schon? Seehofer habe eben die qualifiziertesten Staatssekretäre ausgesucht, und zufällig seien das eben Männer. Es hülfe ja niemandem, auch nicht den Bürgerinnen, wenn er eine unqualifizierte Quotenfrau auf einen wichtigen Posten beförderte. Ohnehin würden Frauen in Deutschland nicht benachteiligt, also warum die Aufregung?

Das stimmt nur leider alles nicht. Staatssekretäre müssen zwar für ihre Aufgaben geeignet sein, aber es geht nicht ausschließlich um Sachkunde und Qualifikation. Es spielen noch ganz andere Kriterien eine Rolle: zum Beispiel die Parteizugehörigkeit, der Proporz der Landesverbände und das Vertrauen des Ministers. Deshalb kann selbstverständlich auch das Geschlecht ein Kriterium sein. Wer sich wie Seehofer nur für Männer entscheidet, tut dies bewusst. Zumal es im Innenministerium mit Emily Haber bisher eine Staatssekretärin gab.

Für die Qualität der Ministeriumsarbeit ist das nicht egal. Frauen arbeiten nicht generell besser als Männer, aber sie bringen bei manchen Themen andere Erfahrungen ein. Wenn reine Männerzirkel Gesetze und Verordnungen aushecken, fallen oft die Interessen von Millionen Bürgerinnen unter den Tisch. Warum zum Beispiel gilt für Damenbinden und Tampons der höhere Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent, als wären sie ein Luxusgut? Warum sind überwiegend Frauen auf Grundsicherung im Alter angewiesen? Das sind Folgen männerdominierter Politik.

Auch im Bundesinnenministerium geht es um Themen, die Frauen besonders betreffen - zum Beispiel der Schutz der Bürger vor Straftaten oder die Frage, in welchen Situationen in Deutschland Kopftuch und Burka erlaubt sind. Darüber werden im Ministerium ausschließlich Männer beraten. Auch das erklärte Ziel der großen Koalition, in Politik, Verwaltung und Unternehmen mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, wird dadurch konterkariert.

von Stefan Dietrich

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Von Redakteur Michael Agricola