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Von Tieren, Autos und Menschen

Abgas-Skandal VW Von Tieren, Autos und Menschen

Tierversuche, Menschenversuche: Die Autoindustrie, allen voran VW, hat ihren nächsten Skandal am Hals. Doch in unserer Zeit fährt die öffentliche Empörungsmaschinerie in nullkommanichts hoch bis zum Anschlag und fällt oft genauso schnell in sich zusammen. Dabei wird gern mal alles in einen Topf geworfen, selbst wenn es nicht zusammen gehört. Also, sortieren wir.

Die Versuche an Affen in den USA waren wissenschaftlich nutzlos und ethisch unangemessen - sie sollten nicht dem Menschen dienen, der Abgasen ausgesetzt ist, und auch nicht dem Kunden, der möglichst saubere Fahrzeuge verlangt. Es diente allein der Reinwaschung einer Branche und einer Technologie, von der wir alle wissen, dass sie dreckig ist. Die Affen wurden für Werbezwecke missbraucht. Das ist inakzeptabel.

Die Versuche mit menschlichen Probanden an der Uni in Aachen haben damit nichts zu tun. Die Wissenschaftler verfolgten ein anderes Studienziel - die Belastung am ­Arbeitsplatz -, sie arbeiteten mit Menschen, die sich den Schadstoffen freiwillig und ­gegen Bezahlung ausgesetzt haben. „Menschenversuche“, das klingt zwar schlimmer als Tierversuche, trifft aber hier gar nicht den Kern.

Der tieferliegende Skandal ist hier auch noch etwas anderes. Automobilkonzerne nutzen und bezahlen Lobbyorganisationen und -verbände offenbar nicht nur dafür, Einfluss auf Regierungshandeln zu nehmen - was aus Ver­braucher- und Umweltsicht schlimm genug ist. Sie schieben sie auch vor, um sich bei fragwürdigen Projekten nicht selbst die Finger schmutzig machen zu müssen. Das kann sich lohnen: Im Idealfall wirken solche Studien im Interesse der Konzerne, weil sie ja Zweifel an den Erkenntnissen über die Gefährlichkeit von Abgasen wecken sollen. So hat auch die Tabakindustrie ihre Produkte für weniger gefährlich erklären wollen.

Die zerknirschten Reaktionen von VW und anderen in der aktuellen Diskussion sind nicht mehr als kalkulierte Demutsbekundungen - im Wissen, dass ihnen keiner direkt am Zeug flicken kann. Bliebe das Risiko Imageverlust. Doch da hat uns schon der Skandal um manipulierte Abgaseinrichtungen eines Schlechteren belehrt. Die Kunden schreckt das nicht - auch, weil sie oft keine Alternativen sehen. Der nächste Skandal scheint da doch vorprogrammiert.

von Michael Agricola

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Von Redakteur Michael Agricola