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Grass Voll daneben

In Deutschland, so verteidigt Günter Grass die lyrische Form seiner Zeilen gegen Israel, gebe es doch eine große Tradition politischer Dichtkunst - und nennt in einem Atemzug Goethe, Heine und Brecht. Kleiner hat er‘s nicht.

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Nun, von Heinrich Heine ist ein Satz überliefert, der Grass zu denken geben könnte. „Der Pfeil gehört nicht mehr dem Schützen, sobald er von der Sehne des Bogens fortfliegt.“

Grass hat vorgeführt, dass er Pfeile mit weltweiter Wirkung abzuschießen vermag. Doch wird ihm der Flug seiner Geschosse wirklich gefallen?

Geradezu dankbar mag der alte Herr für die schlichtesten Reaktionen sein. Wer ihm wie Israels Innenminister die Einreise verweigert, um die der selbsternannte Israel-Freund seit mehr als 40 Jahren nicht mehr nachgesucht hat, wer reflexartig den Antisemitismus-Vorwurf erhebt, entspricht damit dem von Grass schon in seinem Gedicht erwarteten Klageschema. Ist aber auch ein Grund zur Freude, was seine Pfeile sonst noch anrichten?

In Göttingen hat der Schriftsteller die Schmiererei „SS! Günni Halts Maul“ ausgelöst. In Oldenburg hat er möglicherweise eine Diffamierung der jüdischen Gemeinde motiviert. In Teheran hat er gar das Wohlwollen höchster staatlicher Stellen gefunden: Mit seinem Gedicht, lobt ihn der iranische Kulturminister Dschawad Schamakdari, habe Grass „wunderschön die Wahrheit gesagt“.

Schon klar, auch hierfür hat Grass eine Schutzargumentation: Niemand, so bescheidet er, könne etwas für Applaus aus der falschen Ecke. Sein erklärtes Vorbild Heinrich Heine lässt sich freilich auch anders verstehen: Jeder, der Pfeile abschießen will, muss sein Ziel genau ins Auge fassen. Denn wem es nur ums Schießen und nicht ums Treffen geht, der kann leicht voll danebenliegen.

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